Zeitung Heute : Hochbegabung fördern

Der Studienrat vermisst ein positives Verhältnis zur Leistung – und freut sich über begeisterungsfähige Schüler

Hans-Jürgen Werner

Einer der brillantesten Menschen der Berliner Schullandschaft behauptete mir gegenüber, nicht hochbegabt zu sein. Das war wie ein Dolchstoß, bis heute, fast drei Jahre nachdem dieser Satz gefallen ist, brennt er in mir. Wie können wir Kindern beim Umgang mit ihrer Hochbegabung helfen, wenn gleichzeitig offensichtlich intelligente Personen in Führungspositionen eine Hochbegabung von sich weisen als wäre sie ein Makel?!

In diesen drei Jahren hat sich einiges bei der Hochbegabtenförderung in Berlin verändert. Das Berliner Konzept zur Förderung hochbegabter Schülerinnen und Schüler in Berlin eröffnete den Weg, viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer nutzen die neuen Möglichkeiten. Das Humboldt-Gymnasium hat das Sommercamp der Berliner Schulen mit großem Erfolg eingeführt, bietet Nachmittagskurse zur Vertiefung des Lernens an, Grundschulen lassen Schüler eher eine Klasse überspringen usw.

Im Sommercamp, das die Humboldtschule in diesem Jahr zum dritten Mal veranstaltet, arbeiten 70 Schüler eine Woche lang an ihrem Projekt und erreichen Erstaunliches in Bezug auf Wissen und Fertigkeiten. Kinder, die sich nach Auskunft ihrer Eltern in der Schule geweigert haben ein Referat zu halten, stellen sich nun vor ein ihnen unbekanntes Publikum und berichten. Eltern teilten nach dem Camp mit, dass sich ihre Kinder nach langer Zeit wieder auf die Schule freuten. Lernen macht Spaß, wenn es wirklich etwas zu lernen und zu entdecken gibt. Die große Nachfrage nach dem Sommercamp zeigt, dass hier noch Angebote für Berliner Schüler fehlen. Das Humboldt-Gymnasium koordiniert den zusätzlichen Nachmittagsunterricht, der dort und an Grundschulen des Verbundes Nordberliner Schulen angeboten wird. Schüler der 5. und 6. Klassen schreiben Theaterstücke in englischer Sprache und führen sie auf, andere Schüler üben sich in der Kryptographie, um nur zwei Beispiele zu nennen. Diese Zusätzlichen Angebote an die Schüler sind nur ein Teil der besonderen Förderung. Das Humboldt-Gymnasium hat zwei mit Klasse 5 beginnende Schnelläuferzüge. Der Unterrichtsstoff für diese Schüler ist so gestrafft und umverteilt, dass die 8. Klasse ausgelassen und damit das Abitur ein Jahr früher erreicht werden kann.

Es macht viel Spaß in diesen Klassen zu unterrichten, und es ist anstrengend. Die Schüler wollen lernen und durchdenken den Stoff gründlich und schnell. Natürlich unterrichte ich auch in Nichtschnellläuferklassen der Schule. Die hohe Motivation der Schnellläufer wirkt sich anscheinend auf die anderen Schüler aus. Nicht dass jedem Schüler nun Mathematik Spaß macht, das wäre zu schön. Die Mathematikaufgaben sind für manch einen lästig und der eine oder andere quält sich schon mal durch die Bearbeitung. Andererseits zeigt sich bei den Mathematikarbeiten des Mittleren Schulabschlusses in Klasse 10 nun der Erfolg der Schule. Während ich aus der Zeitung entnehmen konnte, die Berliner Schüler haben bei diesen Arbeiten schlecht abgeschnitten, ist mir kein Ausfall am Humboldt-Gymnasium bekannt.

Mir ist bewusst, dass meine Arbeit als Lehrer in der Berliner Hochbegabtenförderung nicht viel bewegt, sie ist nur ein kleines Licht in der Finsternis und sie erreicht nur wenige Kinder. Das Sommercamp zeigt mir, dass unter meinen Kollegen einige zu finden sind, die engagiert eine Ferienwoche mit Kindern verbringen. So bleibt bei mir die Hoffnung, dass es Licht um Licht heller wird.

Hans-Jürgen Werner koordiniert den „Verbund Nordberliner Schulen zur Förderung kognitiv hochbegabter Schülerinnen und Schüler”. Weitere Infos unter www.humboldtschule-berlin.de oder www.hochbegabte-nordberlin.de

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