Zeitung Heute : Hochfliegende Pläne

Juliane Schäuble

China hat angekündigt, groß in den Flugzeugbau einzusteigen. Könnten die Chinesen zu einem ernsthaften Konkurrenten für Airbus und Boeing werden?


James McNerney ist da ganz pragmatisch: „Das wird ohnehin passieren“, antwortete der Boeing-Chef jüngst auf die Frage, ob die Zusammenarbeit mit den Chinesen, dem Reich der Mitte nicht helfe, eine eigene Flugzeugindustrie aufzubauen. Er könne sich gut vorstellen, dass der nächste Wettbewerber aus China kommt – er wisse nur nicht genau, wann.

Auch Luftfahrtexperten sind sich einig, dass die Chinesen der Vorherrschaft von Boeing und Airbus künftig eigene Produkte entgegensetzen werden. Allerdings werde das bei großen Passagiermaschinen – die chinesische Regierung hat angekündigt, Flugzeuge für bis zu 150 Passagiere bauen zu wollen – noch dauern.

Andreas Knorr, der in Speyer Wirtschaftspolitik lehrt, sieht ernsthafte Konkurrenz bei Großraumjets „frühestens in 20 Jahren“ heraufziehen. „Aber sie wird kommen.“ Allerdings werde eine chinesische Flugzeugindustrie nicht sofort wettbewerbsfähig sein: „Fast alle chinesischen Fluglinien sind Staatsunternehmen“, erklärt Knorr. Und deswegen müssten sie die landeseigenen Produkte kaufen.

Stefan Maichl, Analyst bei der Landesbank Baden-Württemberg, geht dagegen eher von einem Zeitraum von 50 Jahren aus, bevor eine chinesische Maschine in Europa fliegen wird. „China hegt schon lange den Wunsch, in der Luftfahrt Fuß zu fassen, wie bei der Automobilindustrie auch.“ Bisher ohne großen Erfolg. Bei kleineren Modellen laufe das zwar schon an. So entwickelt China mit der ARJ-21derzeit einen Regionaljet für bis zu 105 Passagiere, dessen Jungfernflug in einem Jahr stattfinden soll. „Ansonsten ist die Volksrepublik aber nur über Zuliefererfirmen am Flugzeugbau beteiligt“, sagt Maichl.

Die Experten glauben, dass China künftig noch stärker auf Kooperationen setzen werde. „Ein eigenes Flugzeug zu entwickeln, erfordert sehr hohe Investitionen, besonders im Bereich Forschung und Technologie“, sagt Maichl. Das zeige gerade die neue Version des Airbus A 350, deren Entwicklung mindestens sechs Jahre in Anspruch nehmen wird. „Und die Chinesen fangen da quasi bei null an.“ Zudem müsste zeitgleich ein weltweites Ersatzteil-Netzwerk aufgebaut werden.

Immerhin, der Bedarf ist riesig. Nach Airbus-Schätzungen werden in der Volksrepublik bis 2025 knapp 3000 neue Großflugzeuge im Wert von rund 350 Milliarden Dollar benötigt. Damit wäre das Land einer der größten Wachstumsmärkte für die Luftfahrtindustrie. Der europäische Flugzeughersteller baut daher, anders als Boeing, schon vor: Airbus will in Tianjin künftig Mittelstreckenflieger der A-320- Familie fertigen. Mit dieser Endmontage komme jedoch kein richtiges Know-how ins Land, sagt Maichl. Das sei ein relativ altes Flugzeug. Zukunftsentscheidend seien innovative Technologien, wie sie bei neuen Modellen eingesetzt werden

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