Zeitung Heute : Hochschulabsolventen: Maßgeschneiderter Jobeinstieg

Frank Weingarten

Der so genannte "war for talents" ist in vollem Gange - in einigen Fachrichtungen können die Hochschulen den steigenden Bedarf nicht mehr decken. Neben IT-Spezialisten sind vor allem qualifizierte Ingenieure Mangelware. Wunschkandidaten unter Vertrag zu nehmen, wird für kleinere Unternehmen immer schwieriger. Das Wissen um Ziele und Erwartungen der Hochschulabsolventen kann deshalb darüber entscheiden, ob ein Arbeitgeber die Besten der Besten oder nur zweite Wahl für sich gewinnen kann. Verschiedene Studien beleuchten die lebens-, arbeits- und unternehmensbezogenen Ziele der Berufseinsteiger.

Auf die Frage, welchen Zielen ein Unternehmen folgen solle, gaben in einer Studie der Universität Freiburg 66 Prozent der Studenten an, dass für sie die "Kundenzufriedenheit" einen hohen Stellenwert besitzt. An zweiter Stelle wurde mit 60 Prozent die "Produktqualität" genannt. Erst an dritter Stelle folgt mit 40 Prozent "Sicherheit des Arbeitsplatzes". Die vier wichtigsten Kriterien für eine generelle Entscheidung zum Berufsstart sind ein gutes Firmenimage, flexible Arbeitszeiten, internationale Tätigkeit des Unternehmens und Weiterbildungsmöglichkeiten.

Bei der Befragung der Arbeitgeber wurde deutlich, dass Firmen einige Kriterien der Berufsneulinge unterschätzen. Das sind vor allem: das Verhältnis zu den Kollegen, der Freizeitgrad, das Umfeld sowie die Entfernung zwischen Wohnort und Arbeitsplatz.

Wichtigstes Ziel für 57 Prozent der Hochschulabsolventen ist die Balance zwischen Berufs- und Privatleben. An zweiter Stelle der Prioritätenliste stehen mit jeweils 49 Prozent finanzielle Sicherheit und eine angemessene Herausforderung im Job. Es folgen mit 26 beziehungsweise 21 Prozent der Wunsch nach einer Führungsposition und internationalen Geschäftsreisen.

Die Ergebnisse der Freiburger Untersuchung aus dem Jahr 2000 ergaben, dass für 72 Prozent der Hochschulabsolventen ein gutes Verhältnis zu ihren Kollegen sehr wichtig ist. 70 Prozent gaben an, dass eine interessante, anspruchsvolle Aufgabe von großer Bedeutung ist. An dritter Stelle steht mit 61 Prozent der Wunsch, neue Dinge zu lernen. Als wichtigste Erwartung an die zukünftige Aufgabe wurde am häufigsten "eine herausfordernde, interessante und verantwortungsvolle Tätigkeit" genannt. Darüber hinaus wünschen sich die Befragten ausreichend Freizeit sowie die Möglichkeit zu Teamarbeit und Kundenkontakt. Die Hochschulabsolventen erwarten von ihrem Arbeitgeber gute Entwicklungsmöglichkeiten im Betrieb, sinnvolle Weiterbildungsprogramme sowie moralisch vertretbare und qualitativ hochwertige Produkte.

Diese Einzelergebnisse machen deutlich: In den vergangenen 20 Jahren hat sich bei den deutschen Hochschulabsolventen ein Wertewandel vollzogen. Die berufliche Karriere um jeden Preis ist nicht länger ein prioritäres Lebensziel. Vielmehr streben Berufsstarter ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit an. Gleichzeitig sind immer mehr Hochschulabgänger aber auch bereit, sich ein Leben lang fortzubilden. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) gehen 71 Prozent davon aus, dass sie sich mit Hilfe einer qualifizierten Weiterbildung ihre berufliche Zukunft sichern können. Unternehmen, die gezielt Weiterbildung fördern, werden deutlich besser eingeschätzt als diejenigen, die wenig oder gar keine Fortbildungsmöglichkeiten anbieten.

Darüber hinaus zeigte die Studie, dass Hochschulabsolventen heute ausgesprochen mobil sind und nicht unbedingt eine lebenslange Tätigkeit in einem Unternehmen anstreben. In Ergänzung hierzu hat das Münchner Magazin Focus ermittelt, dass von rund 1000 jungen Berufstätigen jeder Dritte davon träumt, sich selbstständig zu machen. Dieser Anteil ist bei den Akademikern mit beinahe 50 Prozent am größten; 20 Prozent der Befragten gaben an, bereits an konkreten Konzepten zu arbeiten.

Das Nürnberger trendence-Institut hat untersucht, welche Unternehmen für 5000 Studenten wirtschaftlicher- und technischer Fachrichtungen am attraktivsten sind. Grundsätzlich kann man feststellen, dass die großen internationalen Konzerne nach wie vor die beliebtesten Arbeitgeber sind. Entscheidend ist dabei für viele Studenten, dass in den großen Unternehmen Auslandsaufenthalte möglich sind. Die Studenten wirtschaftswissenschaftlicher Fächer sehen ihren Wunscharbeitgeber in DaimlerChrysler, gefolgt von Siemens und Lufthansa. Die Studenten der Ingenieurwissenschaften geben als beliebteste Arbeitgeber Siemens, gefolgt von DaimlerChrysler und BMW an.

High Potentials, also Absolventen mit überdurchschnittlichem Potenzial, suchen vor allem eine ausgeprägte Herausforderung und ein Höchstmaß an Verantwortung in ihrem Tätigkeitsfeld. Daneben werden ein innovatives und kommunikatives Umfeld, flache Hierarchien und wieder die Balance zwischen Berufs- und Privatleben genannt.

Parallel nimmt das Personalmarketing der Arbeitgeber einen hohen Stellenwert ein. Eine Umfrage an deutschen Hochschulen zeigt, dass sich 33 Prozent der Studenten eine persönliche Einladung ins Unternehmen wünschen, gefolgt vom Interesse an Präsentationen an der Hochschule (32 Prozent). Jeweils 18 Prozent wünschen sich Praktika und gesponserte Diplomarbeiten.

Eine nach wie vor wichtige Rolle bei der Rekrutierung und Mitarbeiterbindung kommt der Vergütungspolitik zu. Diese hat in den vergangenen Jahren eine auffällige Veränderung erfahren. Neben der üblichen fixen Vergütung gibt es einen Trend zu variablen Vergütungsanteilen, die sich an quantitativen und qualitativen Größen orientieren. Bemessungsgrößen sind vor allem der Erfolg des Unternehmens insgesamt, der Abteilungserfolg und der Erfolg des Mitarbeiters selbst. Hinzu treten geldwerte Vorteile wie Direktversicherung oder Pensionszusagen sowie ein Dienstwagen. Vielseitige Vergütungsmodelle sind ein wirkungsvolles Instrument, um den Arbeitnehmer stärker an das Unternehmen zu binden.

Die verschiedenen Studien belegen, dass Studenten und junge Arbeitnehmer zunehmend andere Ziele verfolgen als vorangegangene Generationen. Rein materielle Werte scheinen an Bedeutung zu verlieren. Gleichzeitig wird zunehmend erkannt, dass realistische Selbstdarstellungen von beiden Seiten wichtig sind. Nur so lässt sich letztlich fest zu stellen, ob Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammen passen. Die Aufgabe der Manager besteht darin, die Interessen der Mitarbeiter zu erkennen und ihnen möglichst "den maßgeschneiderten Job" zu präsentieren. Einen Weg zu diesem Ziel bietet das Praktikum. Hier können sich Absolvent und Unternehmen über einen längeren Zeitraum gegenseitig unter die Lupe nehmen, damit auf das "Wunschkonzert Jobeinstieg" kein früher Abgesang folgt.

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