Zeitung Heute : Hochschulreform: Die FU bereitet die dritte große Änderung vor

Uwe Schlicht

Berlin ist die Stadt mit den meisten Langzeitstudenten. Das wirft kein gutes Licht auf die Organisation der Lehre. Berlin ist aber zugleich die deutsche Stadt, in der jährlich die meisten Drittmittel für die Forschung eingeworben werden. Das ist ein Ausweis für die Leistungen in der Forschung. Die Stärken und Schwächen der Universitäten sind also durchaus erkennbar.

Ein Ziel der Hochschulpolitik ist es, Stärken stärker zu machen und Schwächen zu überwinden. Zwei Instrumente gibt es dafür: Hochschulverträge, in denen Politiker und Unipräsidenten Reformen aushandeln. Und Zielvereinbarungen, die Hochschulpräsidenten und Fakultäten schließen.

Scheu vor Sanktionen

Die Freie Universität blickt jetzt auf ein Jahr Erfahrungen mit Zielvereinbarungen zurück. Aber noch scheint die Zeit für ein Urteil zu kurz zu sein: Greift dieses neue Instrument wirklich? Präsident Peter Gaehtgens jedenfalls berichtete vor dem Akademischen Senat: Noch sei es schwierig, die ausgehandelten Ziele wirklich in den Fachbereichen so bewusst zu machen, dass sie auch jedem Professor und wissenschaftlichen Mitarbeiter als Richtschnur bekannt sind. Das so wichtige Ziel einer Verkürzung der Studienzeiten dürfte erst nach fünf Jahren - so Gaehtgens - mit Hilfe der Zielvereinbarungen zu erreichen sein. Noch scheut die FU davor zurück, solche fernliegenden Verbesserungen mit Sanktionen zu ahnden.

In den Zielvereinbarungen geht es nicht nur um die Verkürzung von Studienzeiten sondern auch um mehr Kompetenz in der Forschung. Die Vorbereitung eines Sonderforschungsbereichs oder die Gründung eines Graduiertenkollegs zur Doktorandenförderung erfordern viel Zeit. Sowohl Graduiertenkollegs als auch Sonderforschungsbereiche gelten als die Krönung für die Forschungsanstrengungen vieler Fächer. Deswegen spielen sie auch in den Zielvereinbarungen eine zentrale Rolle.

Wenn die Universität vor Sanktionen zurückschreckt, wie kann sie dennoch Reformen anstoßen und ein herausragendes Engagement in der Scientific community belohnen? Diesem Ziel dient ein neues Instrument: Die Umstellung der FU-Finanzierung auf ein Kosten- und Leistungssystem, das schon erbrachte Leistungen in Forschung und Lehre besonders honoriert und künftige, in Zielvereinbarungen verabredete neue Leistungen finanziell so sichert, dass sie überhaupt eine Chance zur Realisierung haben. Für die Belohnung der bereits erbrachten Leistungen ist das "Leistungsbudget I" gedacht - das "Leistungsbudget II" dient den Anreizen. Im Leitungsbudget II vollzieht sich die eigentliche Investition in die Zukunft.

Keine totale Absage an Kameralistik

Für beide Leistungsbudgets hat der Unternehmensberater Kienbaum eine neue Kosten- und Leistungsrechnung vorgeschlagen. Dagegen soll für die vom Staat aufzubringende Grundausstattung der Professoren und Mitarbeiter nach wie vor an der klassischen Kameralistik festgehalten werden. Die durch das Parlament beschlossene Globalsumme für Stellen, Material und Investitionen bleibt der FU erhalten. Alles läuft also auf eine Mischung zweier Finanzierungssysteme hinaus. Das überzeugte die Mitglieder des Akademischen Senats.

Natürlich geht es bei Leistungsanreizen immer um Kriterien: Kienbaum hat nur Anregungen gegeben und überlässt es der Universität, diese Kriterien mit den Fachbereichen auszuhandeln. Dass es einheitliche und transparente Kriterien für die gesamte Universität geben muss, ist eine Voraussetzung für die Einführung eines neuen Finanzierungsinstruments. Unterschiede sollte es dagegen in der Gewichtung einzelner Kriterien geben: Zum Beispiel ist die Chance, die meisten Drittmittel einzuwerben, in den Naturwissenschaften und den Lebenswissenschaften (Biologie und Medizin) seit Jahren am größten, während die Geistes- und Sozialwissenschaften hier wesentlich geringere Möglichkeiten haben. Die bloße Summe der eingeworbenen Drittmittel liefe auf einen Vergleich von Äpfeln mit Birnen hinaus, wenn damit die Forschungsleistungen eines Faches bewertet würden. Publikationen, Zitationshäufigkeit, Kongresse, Preise und Auszeichnungen, Erfindungen oder Patente können weitere Kriterien sein.

In der Lehre sind die Studentenzahlen ein wichtiges ein Maßstab. Aber ohne die Angabe jener Studenten, die ihr Abschlussexamen in der Regelstudienzeit erreichen, ist alles nur Zahlenhuberei. Auch Dropout-Quoten, die in einzelnen Fächern den Schwund von 40 bis 50 Prozent der Studienanfänger anzeigen, fallen ins Gewicht. Das Fach, das mehr Studenten in der Regelstudienzeit zum Abschluss führt und die Zahl der Studienabbrecher verringert, verdient künftig eine Belohnung. Die Notenvergabe dagegen ist zu unterschiedlich, um sie als Kriterium heranzuziehen. Traumnoten bei Hochschulprüfungen in einzelnen Fächern stehen ernüchternde Beurteilungen in den Staatsprüfungen gegenüber.

Umstellung bis 2004

Die Kienbaum-Vertreter betonen, dass die Einführung des neuen Finanzierungssystems nur dann Sinn macht, wenn beträchtliche Finanzmassen nach Leistungsanreizen zu verteilen sind. Bleibt es bei der bisherigen, prozentual nur minimal leistungsabhängigen Geldvergabe, dann lohnt sich die Umstellung nicht.

Eine radikale Neuorientierung braucht Zeit. Die Entscheidungen müssen jetzt durch die Gremien der FU getroffen werden. Jetzt heißt im Sommer diesen Jahres. 2002 soll mit der Umsetzung des neuen Finanzierungssystems begonnen werden - im Jahr 2004 müsste das neue System funktionieren. Die Einführung einer entsprechenden Software kostet allein 1,9 Millionen Mark.

FU-Präsident Gaehtgens bezeichnete die Einführung einer neuen Kosten- und Leistungsrechnung als den dritten großen Reformschritt. Alles begann mit der Stärken- und Schwächen-Analyse, aus der die neue Struktur der Freien Universität entstand. Es folgte die Festlegung, wie viele Professuren noch unter den Sparauflagen der Politiker bezahlbar sein werden und daraus ergab sich eine Neuordnung der Fachbereiche. Im Kern geht es Gaehtgens darum, die Mentalität der Universitätsmitglieder zu verändern. Nur dann kann die Reform gelingen. Das allein ist eine Sisyphusarbeit.

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