Zeitung Heute : Hochschulsport: Nach der Vorlesung zum Tango Immortale

Anke Assig

Abends, wenn die letzten Blutspender das Charitégebäude in Mitte verlassen und die Laborassistenten ihre weißen Kittel an den Haken hängen, dann erwacht die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät in der Luisenstraße 56 zu ungewöhnlicher Aktivität. Im Rhythmus unhörbarer Töne huschen Figuren an den großen Fenstern des Festsaales vorbei, schweben Schatten paarweise ins Blickfeld des zufälligen Betrachters. Nicht Ackerbaumethoden oder Kälberzucht üben dann ihren späten Reiz aus, sondern Rumba, Cha Cha Cha, Walzer, Foxtrott und Tango.

Seit einigen Jahren beobachten die Mitarbeiter des Hochschulsports einen Trend, dessen Höhepunkt wahrscheinlich erst bevorsteht: Der Gesellschaftstanz ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Die Aufforderung zum Langsamen Walzer oder Wiener Walzer kennt die Großelterngeneration noch als obligatorische Pflichtübung. Es gehörte schlicht zum guten Ton, sich zumindest im Dreivierteltakt bewegen zu können. Eine Renaissance der Anstandsregeln hingegen würden vermutlich die wenigsten der rund 800 studentischen Teilnehmer der Uni-Tanzkurse als Grund für die neue Leidenschaft angeben, denn auch die in Europa weniger traditionellen Tanzsportarten wie Jazz-Dance, Salsa, Riverdance und Streetdance sind regelmäßig ausgebucht.

"Darf ich bitten?" Für Martina Rost, Diplomsportlehrerin und Koordinatorin der 19 Kurse in den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen ist der Wunsch nach Parkettsicherheit nur einer der Beweggründe. Die Lust an der Bewegung ergreift Studierende aller Fachrichtungen. Tendenz weiter steigend. Neben dem Ausgleich zu den vielen unbeweglichen Stunden in Hörsälen und Bibliotheken weiß die passionierte Tänzerin selbstverständlich auch von der emotionalen Nähe, ohne die ein Tango kein Tango und eine Rumba keine Rumba wäre. Wer in die Anfängerkurse kommt, bringt seinen Partner deshalb meist gleich mit.

Was die Studenten hier lernen können, ist weit mehr als nur ein Set von Schritten. Das Gefühl für den Rhythmus, den Takt, am Anfang noch ungeschult, wird im Laufe der Zeit zu einem sicheren Gefühl für den Charakter der Musik. Die wippende Bewegung, die eine Samba verlangt, ist der geradezu militärischen Strenge eines Paso Doble in nichts ähnlich. Erst wagen und sich dann hingebungsvoll wiegen - wem die europäische Variante des Tangos zu konventionell erscheint, stürzt sich meist gleich auf Salsa, Merengue oder Tango Argentino. Für Martina Rost symbolisiert dieser Tanz "die pure Leidenschaft" und sie erklärt: "Man kann sehen, ob ein Paar die Musik, nach der es tanzt, auch tatsächlich fühlt. Für die Zuschauer ist das großartig!"

Darum, dass dieses Lob recht häufig verteilt wird, bemühen sich jedes Semester über 20 studentische Kursleiter. Wenige von ihnen kamen mit Tanzsporterfahrungen an die Hochschule. Die meisten haben selbst erst beim Unitanzen ihre Leidenschaft entdeckt. Neben den Seminaren und Prüfungen in Jura, Medizin und Pädagogik blieb genügend Zeit zum Training. Inzwischen können sie ihre Erfahrungen selbst aus Profi-Turnieren an ihre Kommilitonen weitergeben. In Fortgeschrittenen-Kursen und beim freien Tanzen jeden Sonntag kann aus Bewegungsfreude sportlicher Ehrgeiz werden. Denn die Leichtigkeit, mit der die Profis übers Parkett gleiten, ist hart erarbeitet. Bevor sich die Grazie, die man als Zuschauer bei Turnieren bewundern kann, in die Bewegungen eingeschliffen hat, vergehen oft Jahre. Was für jede andere Sportart gilt, bestimmt auch den Erfolg beim Gesellschaftstanz: Ohne Fleiß kein Preis.

Und nun bitte die Wertung! Seit nunmehr sieben Jahren beteiligen sich denn auch Paare der Humboldt-Universität an studentischen Tanzturnieren in Deutschland und sogar im Ausland. Meist im Mai bieten die Berliner Turniere die ideale Gelegenheit, Promenaden, Chassey-Schritte und Sambarollen vor dem Publikum zu zeigen. Wie gut diese unter den Augen der Wertungsrichter gelingen, die alle selbst Profitänzer sind, hängt auch vom Lampenfieber ab. Die Konkurrenz ist nicht zu unterschätzen, schließlich haben Freie und Technische Universität eine weitaus längere Tanzsporttradition vorzuweisen. Doch die Trainer zeigen sich optimistisch: "Wir sind dabei, die Phalanx zu durchbrechen".

Völlig fehl am Platz wäre eine solche Wettkampfatmosphäre bei den Abschlussbällen jedes Jahr im Februar. Kam es eben noch auf jeden einzelnen Hüftschwung an, zählt hier ganz allein der Spaß. Wenn 300 begeisterte Gesellschaftstänzer zur Musik des Salonorchesters den kleinen großen Auftritt proben, ist trotz der Menge jedes Paar wieder ganz bei sich. Und wenn dann der Walzer verklingt, könnte schon der nächste Tanz ein Tango sein...

Das nächste studentische Tanzturnier in den Standard- und Lateinamerikanischen Tänzen findet am 19. Mai statt. Veranstaltungsort ist die große Sporthalle der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), Treskowallee 8 in Berlin-Karlshorst. Tanzpaare können sich bis zum 11. Mai in der Zentraleinrichtung Hochschulsport anmelden. Zuschauer zahlen 10 Mark Eintritt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar