Zeitung Heute : „Hochwirksam“

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Das ist keine DDR-Altlast“, sagt Horst Beitz über die Funde des Unkrautvernichters Nitrofen im Futtermittel von Öko-Landbaubetrieben und die Vermutung, dass die Äcker in ganz Ostdeutschland mit Giften aus der DDR getränkt und noch immer verseucht seien. Und Beitz muss es wissen. Der Rentner war viele Jahre Professor und der „Chef-Toxikologe“ der DDR. Sein Pflanzenschutzinstitut in Kleinmachnow bei Berlin hat die chemischen Substanzen getestet, die die Bauern und Genossenschaften in der DDR auf die Äcker geschüttet haben, um des Unkrauts Herr zu werden oder die Ernte-Erfolge zu steigern. Bereits Mitte der achtziger Jahre, sagt Beitz, hätten auch er und seine Kollegen herausgefunden, dass Nitrofen im Gemüse Rückstände hinterlässt.

„Daraufhin ist Nitrofen verboten worden.“ Im Weizen seien solche Rückstände jedoch nicht gefunden worden. Dennoch, seit der deutschen Wiedervereinigung ist auch hier die Nitrofen-Anwendung untersagt. Dass Nitrofen seit zwölf Jahren in ostdeutschen Äckern liegt und nun erst zum Vorschein kommt, sei „unmöglich“, meint der Wissenschaftler. „Natürlich“, sagt er, könnte der gefährliche Stoff „irgendwo in Kellern“ noch gelagert worden sein. Zwar hätten die Agrochemischen Zentren der DDR Anfang der neunziger Jahre die Vernichtung des Stoffes in den DDR-Genossenschaftsbetrieben kontrolliert. Aber man wisse ja nie so genau. Vor allem, mutmaßt Beitz jetzt, hätte das Verbot von Nitrofen nicht für die osteuropäischen Länder gegolten. Und in Russland, Polen und Tschechien sei die chemische Substanz auch in den neunziger Jahren hergestellt worden. Möglich, dass Nitrofen, laut Beitz ein „hochwirksames Mittel“, über Umwege nach Deutschland gekommen ist.

Für „gänzlich ausgeschlossen“ hält es der Toxikologe allerdings, dass der jetzt gefundene Weizen „auf normalem Weg“ mit Nitrofen verseucht wurde. Denn: Rückstände des Giftes in Lebensmitteln und gar im Fleisch von Hähnchen, an die der Weizen verfüttert wurde, könnten nur vorkommen, wenn die Chemikalie Nitrofen „in gewaltigen Überdosen“ verwendet worden sei. Nicht umsonst hätten die Agrochemischen Zentren, die in der DDR für die Unkraut- und Schädlingsbekämpfung in der Landwirtschaft zuständig waren, die Äcker ein halbes Jahr nach der ersten Nitrofen-Gabe mit anderen Unkraut-Bekämpfungsmitteln besprüht. asi

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