Hochzeit in Schweden : Boykott der Nachrichtenagenturen

Zahlreiche Nachrichtenagenturen boykottierten die königliche Hochzeit in Schweden, weil die Auflagen zu streng waren. Es war nicht der erste Protest dieser Art.

Schnappschuss. Fast nur die Hobbyfotografen waren in Stockholm aktiv.
Schnappschuss. Fast nur die Hobbyfotografen waren in Stockholm aktiv.Foto: dpa

Als sich Kronprinzessin Victoria von Schweden und ihr Mann Daniel Westling am Samstag nach ihrer Trauung in Stockholm den Hochzeitskuss gaben, drückten weniger Fotojournalisten als geplant auf den Auslöser. Nicht, weil diese vor lauter Rührung den historischen Moment verpasst hätten, sondern weil einige Journalisten das royale Großereignis komplett boykottierten. Nur wenige Stunden vor der Zeremonie hatten die drei großen Nachrichtenagenturen AFP, AP und Reuters, die weltweit Redaktionen mit Material beliefern, erklärt, weder mit Fotos, Text oder Videos über die Hochzeit zu berichten. Mit dem Verzicht wollten sie gegen das Vorgehen des öffentlich schwedischen Fernsehsenders SVT protestieren – der jedoch selbst scheinbar nur die kurzfristig geänderten Auflagen des königlichen Hofes weitergegeben hatte.

SVT hatte den Agenturen zufolge das alleinige Recht, die Trauungszeremonie in der Kathedrale zu filmen. Die Bilder habe der Sender anschließend zu überzogenen Preisen weiterverkaufen wollen. 8000 Euro seien für drei Minuten Material verlangt worden, heißt es aus Agenturkreisen. Üblich seien für eine solche Länge 1000 bis 2000 Euro. Daraufhin hätten die Agenturen noch einmal mit SVT verhandelt. Zwar sei der Preis erheblich gesenkt – doch die Berichterstattung plötzlich mit strikten Auflagen verbunden worden: So sollten die Agenturen die Bilder erst am Samstag ab 22 Uhr verbreiten dürfen, also lange nach Ende der Zeremonie in der Kathedrale. Für Agenturen, für die Schnelligkeit Geschäft ist, nicht vertretbar. Auch sollten die Agenturen die Aufnahmen nur in einer Zeitspanne von 48 Stunden benutzen, also nicht archivieren dürfen. Bei einer späteren Berichterstattung über die Kronprinzessin und ihren Ehemann, beispielsweise zur Geburt des ersten Kindes, hätten die Agenturen das Material nicht erneut verwenden können.

Das Geld war also nicht mehr der Knackpunkt, sondern die Einschränkungen. Noch in einem Eilschreiben an den Königshof und den schwedischen Ministerpräsidenten Fredrik Reinfeldt versuchten die Agenturen das Problem zu lösen. Ohne Erfolg. Die Agenturen entschieden sich für einen kompletten Boykott – obwohl die Einschränkungen allein die Berichterstattung mit bewegten Bildern betrafen. „Hätten wir nur auf die Video-Berichterstattung verzichtet, nicht aber auf Fotos und Text, wäre das eine disproportionale Antwort auf diese massiven Einschränkungen gewesen“, sagte Daniel Jahn, Chefredakteur des deutschen AFP-Dienstes. Bei einem solch historischen Ereignis wie der Hochzeit einer Kronprinzessin müsse grundsätzlich die freie und unabhängige Berichterstattung gewährleistet sein.

Die Kunden der drei großen Agenturen, wie Zeitungen oder Nachrichtenportale, konnten durch den Verzicht nur auf eine eingeschränkte Auswahl an Material zurückgreifen. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) lieferte allerdings Fotos und Texte. Sie bietet keinen Video-Dienst an und war deshalb von den Einschränkungen nicht betroffen.

Doch die strikten Auflagen waren wohl auch nicht vom Sender SVT vorgegeben worden. Vielmehr scheint die Presse- und Planungsabteilung des Königshauses kurz vor der Trauung nervös geworden zu sein und änderte die Übertragungsbedingungen, vor allem wohl, um noch mehr Kontrolle über die Bilder zu bekommen. Davon betroffen war teilweise auch das ZDF, das mehr als sechs Stunden live von der Hochzeit berichtete. Der Sender hatte vom SVT Material zur Verfügung gestellt bekommen und sechs eigene Kameras aufgebaut. „Der Vertrag für die Übertragung wurde schon vor einem halben Jahr mit dem Sender SVT und dem Königshaus verhandelt“, sagte ZDF-Sprecher Walter Kehr. Dazu hätten auch Details wie Kamerapositionen oder Nutzungsrechte nach dem Ereignis gehört. Als das Protokoll nun plötzlich die Bedingungen verändern wollte, habe das ZDF auf den gültigen Vertrag verweisen können. Trotzdem wurde ein Kompromiss ausgehandelt und einige Kameras in anderen Straßen als geplant positioniert.

Doch nicht nur bei Königs-, sondern auch bei Sportveranstaltungen oder Pop-Konzerten kommt es immer wieder vor, dass Veranstalter und Künstler die Art und Weise der Berichterstattung bestimmen wollen. Erst im Frühjahr hatte es bei den Filmfestspielen in Cannes ähnlich strikte Auflagen für die Videoberichterstattung geben sollen. Auch da hatten sich AFP, AP und Reuters zusammengeschlossen und mit einem Verzicht gedroht – mit Erfolg. Die Veranstalter gewährten eine freie Berichterstattung.

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