Zeitung Heute : Hochzeiten vergleichen

Dorothee Nolte

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Zwei Hochzeitseinladungen innerhalb von zwei Wochen – das kommt in meinem Alter nicht oft vor. Es sind die Nachzügler, die Spätberufenen, die jetzt noch vor den Altar treten, die Wiederholungstäter oder die von der wilden Ehe Erschöpften. Eins jedoch ist allen gemein: Je älter das Paar, desto entspannter die Hochzeit. Man verspricht sich eben nur noch das halbe Leben. Das entkrampft alle Beteiligten.

Beide Trauungen waren kirchlich. In Berlin hat das nicht viel zu sagen: Die Leute entdecken ihre Bindung an die Kirche zwei Wochen vor der Hochzeit und vergessen sie schon beim Auspacken der Geschenke. Meine Freundin ist auch so eine. Der Pfarrer, der sie wenig kannte, behalf sich mit einem wüsten Sammelsurium von Zitaten zum Stand der Ehe. Die gut gelaunte Hochzeitsgesellschaft konnte kaum ein Kirchenlied vernünftig mitsingen und hatte keinen Schimmer, an welchen Stellen sich ein „Amen“ gut gemacht hätte.

Ganz anders in Süddeutschland, wo mein Cousin Thomas seine Veronica heiratete: Ein Pfarrer, der die Familie seit Jahrzehnten kennt, eine große Selbstverständlichkeit im Singen und Beten, eine stimmige Zeremonie. Klein-Lucas jubelte „Bravo!“ nach jedem Lied, „nun isser fertig!“, rief er nach der Predigt, „was soll das?“, fragte er in die Stille der Andacht hinein. Als mein Cousin seiner chilenischen Braut den Ring an den Finger steckte, lief mir vor Rührung die Nase, Timmy maulte, Lucas ratschte die Klettverschlüsse seiner Sandalen auf, und den Kindsvater quälte ein lästiger Schluckauf. Gemeinsam waren wir ziemlich lautstark, Berliner Prolls eben in ungewohntem Ambiente. Ich war nur froh, dass unser Jüngster nicht noch seinen Lieblingsspruch – „Hör auf, Rotznase!“ – zum Besten gab.

Irgendwie finde ich es beruhigend, dass mein Cousin, der ewige Junggeselle, unter der Haube ist. Auch meine Berliner Freundin, deren Religiosität schon wieder stark nachgelassen hat, scheint sich darunter wohl zu fühlen. Vielleicht ist doch was dran am öffentlichen Schwur? Sei’s drum. Demnächst feiern wir das neunjährige Jubiläum unserer wilden Ehe. Total entspannt und mit laufender Nase.

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