Zeitung Heute : Höchst königlich bewährt

Er war der intelligenteste und daher gebrochenste Herrscher des deutschen Nachkriegsjournalismus – Hellmuth Karasek über das Werk und das Leben des Spiegel-Herausgebers Rudolf Augstein

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In letzter Zeit hatte er sich sehr zurückgenommen, sehr zurückgezogen. Es war still geworden um Rudolf Augstein, er war leise geworden. Krankheiten hatten den exzessiv lebendigen, enorm fleißigen und belesenen Mann zum Rückzug genötigt. Zeit seines Lebens war er gleichzeitig ein Bündel an explosiven Energien und ein kluger, auch resignativer Zauderer gewesen – er vermochte diese beiden Eigenschaften im Stile Hamlets, den er wie keinen anderen Theaterhelden liebte, zu vereinen. Aber der „Spiegel“, sein Geschöpf und sein Instrument, sein Stolz und seine Waffe („Sturmgeschütz der Demokratie“), funktionierte auch zu den Zeiten, als er nicht mehr als Kapitän auf der KommandoBrücke stand, so, als stünde er noch da: Er war ein skeptischer, leiser Herrscher, der seine Truppe mehr durch Ironie und Sarkasmus, beide von Lebensklugheit getragen, als durch Pathos kommandierte und animierte.

Gerade wurde des 40. Jahrestages der „Spiegel“-Affäre gedacht – es war dies die erste, die entscheidende Bewährungsprobe der jungen deutschen Demokratie, und Augstein hat sie provoziert und bestanden. Er wurde damit zur lebenden Symbolfigur der Bonner Republik, er war der journalistische Antipode der Adenauer-Republik, die erste eigentliche Opposition, er wurde, durch die „Spiegel“-Krise, auch zum geistigen Vater der deutschen 68er-Revolte, der er, obwohl er ihre Extravaganzen und terroristischen Dummheiten sehr früh erahnte, immer nahe stand. Er hatte den „Spiegel“ schon aus seinem Widerspruchsgeist heraus als Korrektiv, ja als Gegner jenes Obrigkeitsstaates geschaffen, in dessen Geist Deutschland nach 1945 immer noch unbewusst stand. Augstein hatte das „Zersetzende“ aller großen Journalisten.

Er kam aus der „Stunde Null“. Der junge Leutnant mit dem Notabitur hatte sich in einem privaten Feldzug aus dem verlorenen Krieg zurückgemeldet. Die „Spiegel“-Gründung in Hannover, mit und gegen die kritische Besatzungsmacht, die der Deutsch-Nationale Augstein als ehrenvollen Gegner und nicht als Feind empfand, war die wohl folgenreichste Mediengründung der jungen unsicheren, noch verunsicherten Republik.

Augstein sagte der Phrase den Kampf an, den alten Phrasen und auch den neuen Beschwichtigungen. Der „Spiegel“ Augsteins hat politische Korrekturen an der Bonner Republik angebracht, indem er sich stets der gängigen Political Correctness widersetzte. Das lag daran, dass Rudolf Augstein sehr bald und schon aus eigener Anlage ein wirklich unabhängiger Mann war. Gewiss, der gewiefte Taktiker, der seinen Machiavelli liebte und beherrschte, konnte taktieren, finassieren wie kein Zweiter. Er hätte es, hätte er nur gewollt, zum Politiker bringen können, wäre ihm nicht das meist mediokre Geschäft der Politik, das „geduldige Bohren dicker Bretter“ (Max Weber) zuwider gewesen. Denn seinem Wesen nach war dieser springlebendige Mann, der die Frauen liebte wie sie ihn liebten, und der sein Glücks- und Leidenspotenzial voll auskostete und auskosten musste, auch ein Kobold, der das Unerwartete tat und riskierte – schon, um sich nicht langweilen zu müssen.

Er hat, das muss man sagen, auch andere nie gelangweilt. Gequält schon, weil er – darin offenbarte sich seine Hamlet-Natur – nichts mehr verachtete als Menschen, die ihm unterlegen waren, geistig unterlegen. Dann gab er, von Zeit zu Zeit, der Versuchung nach, sie ein wenig zu quälen, seine Untugend war ein verständlicher Hochmut.

Aber, das muss man zu seiner Ehre sagen: Noch öfter hat er dieser Versuchung des Hochmuts widerstanden. Nur so konnte er sich und der deutschen Öffentlichkeit dieses Instrument, das Nachrichtenmagazin „Spiegel“, schaffen, indem er bei seiner Truppe mitmarschierte, als Kanonier des Sturmgeschützes – selbst, wenn dies nur eine eingebildete Rolle war.

Er konnte hinreißend artig sein und angepasst, ein Charmeur, der allen nach dem Mund redete, ohne dass sie merkten, wie er sich dabei über sie lustig machte. Aber eigentlich war er kein Mann für die Feiertage. Und so sehr er seine Macht genoss, auch die Macht des Charmes über Menschen, er war im Grunde ein Mann der einfachen Freuden. Spaziergänge, bei denen er ebenso hinreißend erzählen wie wunderbar zuhören konnte.

Ich erinnere mich, wie er sich aus dem „Nürnberger Bratwurstherzle“ Sauerkrautsuppen holen ließ, wie er in Kneipen Käsebrote aß, deren Scheiben sich schon schwitzend verbogen, wie er Bier trank und wie wir Skat spielten am Sonntag und er sich diebisch freute, wenn er andere austrickste, und wie er alles wusste, ein hochgebildeter Autodidakt, ein glänzender Historiker, ein hemmungslos begeisterungsfähiger Polemiker.

Augstein, dem es Spaß machte, als Selfmademan, der er auch war, in jungen Jahren einen Cadillac zu fahren, saß im Sommer in dem großen offenen Wagen, in dem er fast verschwand, es war grotesk, rührend. Normalerweise aber brauste er, wenn er alleine fuhr, in einem VW-Käfer durchs Land, und ich erinnere mich noch, wie ich unter seiner Freundlichkeit litt, als er mich einmal in Sylt in letzter Minute zum Bahnhof fuhr. Er hat über den zweiten Gang nie hinaufgeschaltet, so dass ich ständig fürchtete, das Auto würde zerplatzen.

Wir haben zusammen Ernst Jünger interviewt, und er hat am nächsten Morgen, durch ein Luxushotel im zerschlissenen Bademantel und mit Badelatschen schlurfend, den Text Seite für Seite durchtelefoniert. Seine Korrekturen machte er mit dem Füller, in Sütterlin. In altertümlich krakeligen Buchstaben schrieb er, als wir in der Kultur eine Titelgeschichte über Charles Bronson schrieben, seine Bemerkungen an den Rand. Wir hatten über den Selbstjustiz-Täter („Ein Mann sieht rot“) geschrieben: „Der mit 1 Meter 70 eher kleine Mann“, und Augstein hatte in Sütterlin kommentiert, 1 Meter 70 ist nicht klein, 1 Meter 70 ist durchschnittlich. So war er, überlegen und unterlegen zugleich, selbstironisch und selbstherrlich in einem.

Wochenlang bereitete er sich auf sein Interview mit Cassius Clay, Muhammad Ali, vor; mit Alice Schwarzer, die dem Alpha-Tier Augstein wesensverwandter war, als beiden lieb sein konnte, verband ihn eine enge Beziehung. Hassliebe. Er verehrte und bewunderte Ulrike Meinhof, und mit Henry Kissinger, den der Bismarck-Bewunderer Augstein seinerseits bewunderte, verband ihn eine Freundschaft, bei der er, der Siegesbewusste, ganz bescheiden, ja devot sein konnte und dem Verehrten herrliche Gastmähler bereitete. Er war vielseitig, atemberaubend informiert, und er las viel. Fast pausenlos. Tragisch, dass dieser Mann der Buchstaben und Bücher in den letzten Lebensjahren so gut wie blind war.

Einmal – ich schrieb zum Tod von Oskar Werner, dem Theaterhelden meiner Jugend, – sagte er mir, dass man ihm als jungen Mann eine gewisse Ähnlichkeit mit diesem narzisstischen, diesem neurotischen Hamlet seiner Epoche nachgesagt habe. Er grinste dabei entwaffnend, entschuldigend. Ich habe mir später Fotos von beiden angeschaut: Es stimmte. Und wirklich, Rudolf Augstein, unser intelligentester und daher gebrochenster Täter und Herrscher des deutschen Nachkriegsjournalismus, war „von des Gedankens Blässe angekränkelt“. Und er wusste, dass „etwas faul ist im Staate Dänemark“.

Mir fällt das Schlusswort zu Hamlet ein. Fortinbras sagt es: „Er hätte sich, wär er hinaufgestiegen, höchst königlich bewährt.“ Augstein ist im deutschen Journalismus hinaufgestiegen. Und er hat sich, aristokratisch in der Haltung, bürgerlich in der Vernunft und Bescheidung, proletarisch in der Taktik und Strategie, höchst königlich bewährt.

Siehe auch Seiten 34 und 35

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