Zeitung Heute : Höhenflüge der Forschung

Vom Rechnen in neuen Dimensionen und Reisen zu alten Göttern: Im Martin-Gropius-Bau präsentieren Wissenschaftler Einblicke in ihre Arbeit

Melanie Hansen

In diesem Jahr feiert Berlin seine Wissenschaften – und die Freie Universität feiert mit. Einige der ältesten Einrichtungen der Stadt begehen 2010 ihre Jubiläen, die Charité – Universitätsmedizin etwa wird 300 Jahre alt, die Staatsbibliothek zu Berlin 350. Die Ausstellung „WeltWissen. 300 Jahre Wissenschaften in Berlin“ gilt als Höhepunkt des Berliner Wissenschaftsjahres und ist vom 24. September an im Martin-Gropius-Bau zu sehen.

Eines ist sicher: Ohne Wissenschaft wäre die Welt heute eine andere und Hollywood um einige Super-Helden ärmer. Denn selbst Alleskönner wie Spider-Man und Co verdanken ihren Ruf weniger magischen Kräften als mathematischem Können. Auch Berliner Wissenschaftler haben Leinwandhelden per Computeranimation auf die Sprünge geholfen. Die erste gesamtberliner Wissenschaftsausstellung seit der Wiedervereinigung gewährt auf 3500 Quadratmetern einen Einblick in diese und andere Highlights der Hauptstadt-Forschung aus drei Jahrhunderten. Es ist eine Geschichte voll bedeutender Gelehrter, Nobelpreisträger und bahnbrechender Erfindungen. Wie die Rechenmaschine Z3, die Besucher als Nachbau in der Ausstellung sehen können: 1941 entwickelte der 26 Jahre alte Berliner Konrad Zuse mit dem Z3 den ersten funktionstüchtigen Computer der Welt. Derzeit digitalisieren Wissenschaftler der Freien Universität und des Deutschen Museums in München Zuses Nachlass, um sein Wissen für alle zugänglich zu machen.

Die Erfindung des Computers revolutionierte unsere Welt – einige Jahre zuvor wurde in Berlin schon einmal Weltbewegendes geschaffen: Albert Einstein vollendete in der Stadt an der Spree seine Relativitätstheorie und veränderte mit ihr das allgemeine Verständnis von Zeit und Raum. 1914 war der in Ulm geborene Einstein nach Berlin-Dahlem gezogen, wo auch schon die Physikerin Lise Meitner am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie arbeitete, dem heutigen Institut für Biochemie der Freien Universität. Mit ihren Forschungen zu den Grundzügen der Radioaktivität eroberte sich Meitner ihren Platz in der bis dahin von Männern dominierten Wissenschaft. Doch „WeltWissen“ dokumentiert nicht nur die Erfolgsgeschichten der Berliner Wissenschaft, sondern thematisiert auch Brüche und Irrwege, etwa in der Zeit des Nationalsozialismus.

Herzstück der Ausstellung ist die Installation des amerikanischen Künstlers Mark Dion im Lichthof des Martin-Gropius-Baus: Durch eine angeschnittene Weltkugel gehen Besucher auf ein überdimensionales, 600 Quadratmeter großes Regal zu, das in seinen 104 Fächern wissenschaftliche Objekte aus aller Welt bereithält. Auch Exponate der Freien Universität werden hier zu sehen sein, etwa Ammoniten und Objekte aus der Abguss-Sammlung Antiker Plastik. Ein ganz besonderes Ausstellungsstück stammt aus der veterinärmedizinischen Sammlung der Freien Universität: das Skelett von Condé, seines Zeichens Lieblingspferd des preußischen Königs Friedrich der Große. Der Fliegenschimmel-Wallach war nach einem außerordentlich privilegierten Pferdeleben 1804 gestorben. Auch lange nach seinem Tod ist Condé noch ein besonderes Pferd: Bis heute spielt sein präpariertes Skelett eine Rolle in der Ausbildung junger Tierärzte. In der Ausstellung können nun auch Nicht-Veterinärmediziner dem königlichen Lieblingspferd ganz nah kommen. Mit speziell entwickelten „sprechenden“ Fernrohren können Besucher das Skelett oder andere Exponate der Lichthof-Installation in den Blick nehmen, während eine Hörgeschichte die passenden Hintergrundinformationen zum jeweiligen Objekt liefert. Rechnen, Lehren, Visualisieren: In zwölf Ausstellungsräumen werden den Besuchern Epochen, Institutionen und über Disziplingrenzen hinweg unterschiedliche Wege zum Wissen aufgezeigt, zusätzlich werden in einem Gang in chronologischer Abfolge 300 Jahre Berliner Wissenschaft in den Kontext der jeweiligen Zeit gestellt.

Parallel zur Ausstellung wird es ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen, Diskussionen und Präsentationen geben, an denen auch viele Wissenschaftler der Freien Universität beteiligt sind. Am 30. September um 10.00 Uhr etwa hält Vera Beyer, Kunsthistorikerin an der Freien Universität, eine Vorlesung für Schülerinnen und Schüler der 10. bis 13. Klasse zum Thema „Körperliche Reize oder wahre Schönheit? Joseph und die Frau des Potifar“. Von 17.00 Uhr an stellt die Wissenschaftlerin zudem im Lounge-Bereich der Ausstellung ihre aktuellen Projekte vor.

Veranstaltet wird die Wissenschaftsschau von der Charité – Universitätsmedizin Berlin, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste, der Humboldt-Universität zu Berlin und der Max-Planck-Gesellschaft. Die Freie Universität Berlin ist als Partnerin beteiligt. Nicht nur deswegen blickt Präsident Peter-André Alt erwartungsvoll auf die Eröffnung der Ausstellung: „Berlin schafft Wissen!. Die vielfältige und dichte Wissenschaftslandschaft bildet – heute mehr denn je – die Zukunft dieser Stadt. Wissenschaft, Forschung und Lehre in Dahlem, Charlottenburg, in Adlershof und Mitte – das sind die Standorte der Entwicklung, auf die wir setzen müssen. Die Freie Universität, mit ihrer internationalen Ausrichtung und ihren Forschungsverbindungen in alle Welt, ist ein tragender Baustein unserer vitalen Wissenschaftsmetropole. Mit der Ausstellung „WeltWissen“ wird die Dynamik und Innovationsstärke dieses für Berlin prägenden Sektors als Höhepunkt des Wissenschaftsjahres 2010 eindrucksvoll dargestellt.“ Wer Lust bekommen hat, durch 300 spannende Jahre Berliner Wissenschaftsgeschichte zu reisen, sollte unbedingt bei unserem Rätsel auf Seite 4 dieser Beilage mitmachen: Zu gewinnen gibt es fünf Mal je zwei Eintrittskarten für die Ausstellung „WeltWissen“ mit einem dazugehörigen Katalog.

Weiteres im Internet

www.weltwissen-berlin.de

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