Zeitung Heute : „Höhepunkt des Jahres“

Berlin-Tourismus-Chef Hanns Peter Nerger über den CSD und die schwul-lesbische Hauptstadt

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Herr Nerger, was bedeutet der Christopher Street Day für den BerlinTourismus?

Er ist zweifellos einer der wichtigsten Events im Jahreskalender. Wir erwarten wieder rund 500 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Inland, aber auch aus den internationalen Märkten. Selbst Besucher aus den USA sind stets vertreten. Die Hotels werden wie immer an diesem Wochenende gut gebucht sein. Man kann den Christopher Street Day wohl als den Höhepunkt des Jahres ansehen.

Gibt es für den CSD eine besondere Werbestrategie?

Vor circa fünf Jahren haben wir uns dem Gay-Marketing zugewandt. Neidisch blickten wir damals auf die Erfolge, die seit längerem schon Städte wie Barcelona oder Amsterdam hatten. Wir wollten auch die deutsche Hauptstadt in diesem touristischen Bereich etablieren. Immerhin dürfen wir uns mit rund 300 000 Schwulen und Lesben als eine der Gay-Metropolen Europas bezeichnen. Von Anfang an spielte für uns die hiesige Community in der Beratung eine wichtige Rolle.

Was gehört alles zum Gay-Marketing?

Zunächst einmal galt es, die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zielgruppenspezifisch zu schulen. Darüber hinaus wurden die touristischen Dienstleister unserer Stadt mit den besonderen Anforderungen dieses Marketings vertraut gemacht. So finden Sie schon seit Jahren im Hotelverzeichnis der BTM ausgewiesene so genannte ,Gayfriendly Hotels’. Gemeinsam mit einem hiesigen Verlag gibt es eine Informationsbroschüre mit Hinweisen auf Cafés, Restaurants, Clubs, Geschäfte. Weiterhin gibt es das breite kulturelle Angebot, angefangen vom „Schwulen Museum“ bis zu Kinos in denen Filme mit schwul-lesbischer Ausrichtung gezeigt werden.

Was macht die Schwulen und Lesben als Zielgruppe so interessant?

Zweifellos genießen sie in ganz besonderem Maße das Leben, sind außerordentlich ausgabefreudig und reisegewohnt. Als Beispiel sei hier der für uns so wichtige US-Markt angeführt: Lediglich 35 Prozent der US-Bürger besitzen überhaupt einen Reisepass. Die von uns angesprochene Gay-Zielgruppe verfügt zu 75 Prozent über dieses Dokument. Im übrigen interessieren sich Schwule und Lesben in ganz besonderem Maße für Kultur, Architektur und Design, und hier bietet Berlin ein hervorragendes Angebot.

Welche Rolle spielt Klaus Wowereit als schwuler Bürgermeister für die Etablierung Berlins zur Gay-Metropole?

Der Regierende Bürgermeister hat nicht nur durch sein Bekenntnis, sondern vor allen Dingen durch sein Einsetzen für schwul-lesbische Themen, eine hohe Popularität. Dies stellen wir immer wieder bei unseren Präsentationen in internationalen Märkten fest. Er ist somit für uns ein unschätzbarer Botschafter. Hinzu kommt seine persönliche Gabe, sich außerordentlich PR-wirksam für die touristischen Interessen unserer Stadt einzusetzen. In den USA durchgeführte Befragungen haben in den beiden zurückliegenden Jahren immer wieder Berlin als beliebtestes europäisches Reiseziel für den gay/lesbian traveller ausgewiesen.

Werden Sie auch zur CSD-Parade gehen?

Ich werde auf jeden Fall vorbeischauen. Die Parade wird wieder ein buntes friedliches Fest werden, auf dem das schwul-lesbische Lebensgefühl gefeiert wird. Ich mag die Atmosphäre, sie ist locker und liebenswürdig. Ähnlich wie beim Karneval der Kulturen spielt Alkohol hier kaum eine Rolle. Dies ist ein schöner Kontrast zu dem, was derzeit einige Fußballfans in Portugal veranstalten.

Die Fragen stellte Alva Gehrmann.

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