Zeitung Heute : Höher, schneller, heiter

Das neue Bein ist ihr noch ein wenig fremd – am Freitag startet die Berlinerin Christine Wolf bei den Paralympics in Athen

Annette Kögel[Kienbaum]

Christine Wolf wird im Handgepäck alles dabei haben, was sie für eine Reise braucht: Geld, Ausweis, Fotoapparat, Bein. Die Sportprothese. Sie werden „das Ding durchleuchten am Flughafen“, sagt sie, das würden sie bei den anderen auch immer machen. Die neue Hightech-Gehhilfe ist speziell für sie gefertigt, 6000 Euro wert und hat einen Mikroprozessor. „Aber der Schaft ist noch so unbequem, den muss ich erst eintragen“, sagt sie, „ich hab das Sportbein erst seit ein paar Wochen.“ Christine Wolf ist 24 Jahre alt, es ist Freitag, sie trainiert gerade zum letzten Mal für die Paralympics in Athen.

Morgen startet Christine Wolf bei den Weltspielen von behinderten Sportlern, 210 Athleten gehören zur deutschen Mannschaft. Die oberschenkelamputierte Leichtathletin vom Paralympischen Sport Club Berlin tritt beim 100- Meter-Lauf an und beim Weitsprung. Sie trainiert im Olympiastützpunkt Kienbaum östlich von Berlin. Ein weitläufiges Gelände, die Athleten nehmen Tretroller und Fahrräder, um von Tartanbahn und Schwimmbad zur Mensa zu kommen.

Christine Wolf wird auch den dicken goldenen Ring mit dem blauen Saphir mitnehmen nach Athen. Sie ist angehende Goldschmiedin, sie hat ihn selbst gemacht. „Der ist so schwer, der zieht mich rein in die Grube.“ Drei Meter 74 ist sie im Training schon einmal gesprungen, der Weltrekord liegt bei drei Meter 50.

Wolf war zehn, als sie die Schmerzen im Knie bekam. Da war nichts mehr mit Bundesjugendspielen: Krebs, der Tumor musste raus. Zwölf Operationen über fünf Jahre, 28 Monate liegen. Chemotherapie. „Ich hab nichts mehr gegessen, nur noch gekotzt.“ Ein Gedanke, sagt sie, hielt sie damals am Leben: „Ich will wieder rennen.“ Was für eine Erlösung, als das völlig versteifte Bein endlich ab war, es war zum Gehen kaum noch zu gebrauchen, geschweige denn zum Sport. Vor knapp zehn Jahren war das, als Wolf ihre erste Prothese bekam. „Ein irres Gefühl. Ich bin gelaufen, als ob ich zwei Beine hätte. Ich hab mich fast erschrocken darüber und bin plötzlich stehen geblieben.“

Seit Frühjahr 2003 bereitet sie sich intensiv vor, die Goldschmiedelehre in Pforzheim und München hat sie wegen des Trainings abgebrochen. Die Eltern unterstützen sie, auch mit Geld, obwohl sie anfangs befürchteten, dass nun womöglich das rechte Bein überstrapaziert wird.

Für die Spiele hat Wolf sich eine Tätowierung auf die rechte Schulter stechen lassen, einen Wolf, „einen springenden natürlich“, und die Lettern „Athen 2004“. Bekenntnis und Glücksbringer.

4000 Athleten aus 145 Ländern treten bei den Paralympics an. Sie kommen aus Ländern wie Kanada und Australien, wo Leistungssportler ohne Bein genauso von Sportministerien und Verbänden bezahlt und behandelt werden wie Leistungssportler mit Bein. Kriegsveteranen reisen an, die sich in Athen beweisen wollen, Minenopfer, wie viele der Starter aus dem Irak und aus Afghanistan. „Hightech-Sportprothesen haben sie inzwischen alle, dank Sponsoren wie dem deutschen Hersteller Otto Bock, ob in Lesotho oder Kirgisien“, sagt Ralf Otto, der Cheftrainer der deutschen Leichtathletiknationalmannschaft. Doping? Ralf Otto: „Wir reden hier von Leistungssport. Da ist so was bei Athleten leider immer ein Thema.“ In Sydney vor vier Jahren sind bei den Paralympics zehn Sportler aufgeflogen. Auch Christine Wolf wird in Athen getestet werden.

„Trainer, war das wirklich der letzte Lauf? Ich hab gerade so ’nen Bock. Tolles Gefühl, sich zu verbessern“, sagt Wolf. Und denkt dann nach, mal kurz. Eigentlich sei es „ja Schwachsinn, sich so auf Zeiten einzuschießen“. Sie schraubt am Kniescharnier. „Das ist eines der Dinge, die man lernen muss. Dass man als Sportler mit Handicap einen Pitstop einlegen muss wie die Fahrer beim Rennsport“, sagt Christines Trainer Matthias Pollich. Er stand die ganze Zeit am Bahnrand. Christine Wolf läuft an diesem Tag zum ersten Mal nicht mit Sprintschuh an der Prothese, sondern mit einer Spikeplatte unten dran. „Den schraubt man mit den Schellen fest wie die Schläuche im Golf“, sagt der Trainer. „Ich hab trotzdem Angst, die Platte zu verlieren. Oder dass das Bein sich nach innen wegdreht“, sagt Wolf.

Als Christine Wolf eben auf der Bahn trainierte, lief ein paar Meter weiter die Olympiasiegerin Tonique Williams-Darling von den Bahamas. Die ist wegen des Leichtathletikmeetings Istaf hier.

Wenn Leute wie Williams-Darling zu ihr herüberkämen, sagt Wolf, und etwas über die Trainingseinheiten sagen oder etwas zu Höhe und Weite, „das ist das schönste Lob“. Soll sich doch mal ein Nicht-Behinderter einen Arm festbinden und so schnell laufen wie die schnellste Armamputierte im Team, sagt Wolf.

Als Siegerin ganz oben stehen, kann Christine Wolf sich das vorstellen? „Ich will mir nicht zu viel Druck machen“, sagt sie. Nicht dass ich verkrampfe und dann maßlos enttäuscht bin.“ Es reicht schon, im Alltag immer wieder Dämpfer zu bekommen. „Das ärgert mich immer total, dass ich mit meinem normalen Alltagsbein nicht wie jeder andere hinter dem Bus herrennen kann“, sagt sie.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar