Zeitung Heute : Höllensturz ins Tanzvergnügen

BERLINER DOM Christoph Hagel inszeniert Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit Musikern und Tänzern – und lässt sogar den Teufel durchs Gotteshaus huschen

UDO BADELT

Hoch wölbt sich die Kuppel über den Gläubigen. Streng dreinschauende Statuen blicken nach unten. Es sind keine Heiligen wie in katholischen Kirchen, sondern höchst weltliche Reformatoren: Luther, Zwingli und andere. Der Berliner Dom, ein zusammengewürfeltes Gebilde aus verschiedenen Stilepochen, manchmal hart an der Grenze zum schlechten Geschmack, entsprungen dem Willen der Hohenzollernherrscher, eine repräsentative protestantische Hauptkirche in der Stadt zu haben. Eine höchst eigenwillige Schöpfung. Insofern passt es gleich doppelt, dass Christoph Hagel hier ab Ende April Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ aufführen wird.

Der religiöse Gehalt des Werks steht für ihn dabei gar nicht im Vordergrund: „Es ist ein Werk der Aufklärung, des Aufbruchs in eine neue Gesellschaft, ein Werk über die Zukunft des menschlichen Geistes im christlichen Gewand“, erklärt Hagel. „Deswegen hat es damals auch so einen durchschlagenden Erfolg gehabt.“ Bei der Premiere 1799 im Burgtheater soll zwischen den Abschnitten jedes Mal stürmischer Applaus ausgebrochen sein, das Stück wurde danach in Wien noch oft aufgeführt. Natürlich wird es Hagel nicht einfach als traditionelles Oratorium mit Orchester, Solisten und Chor aufführen, sondern inszenieren. Dabei will er gleich einen häufig kritisierten Wesenszug des Werkes korrigieren. Haydns „Schöpfung“ wirkt ja deshalb so naiv, weil sie keinen Konflikt hat. Was passiert, ist klar, es steht in der Bibel. Deshalb will er gleich zu Beginn Luzifer wieder einführen – mit einem großen Höllensturz. Wie das genau aussehen soll, lässt er offen, sagt aber, dass wieder Tänzer aus dem Revue-, Street- und Tanztheaterbereich mitwirken werden. Da kann er auf Erfahrungen aus dem Projekt „Flying Bach“ zurückgreifen, bei dem er in der Neuen Nationalgalerie Breakdancer zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ hat auftreten lassen.

Die Tänzer symbolisieren für Hagel die Euphorie und Vitalität, die seiner Meinung nach in der „Schöpfung“ zum Ausdruck kommen. Nicht ohne Grund hat er in den vergangenen Jahren hauptsächlich Stücke von Haydn und vor allem von Mozart aufgeführt: „Ich brauche diese Musik. Ihre Fröhlichkeit, ihre tiefe Bejahung des Lebens.“ Es ist eine Musik, die noch von keinem romantischen Zweifel angekränkelt ist. Später sei der Geist in Europa immer dunkler und schwerer geworden: „Das können sie an der Musikgeschichte direkt ablesen“, meint er.

Mit dem Dom probiert er wieder mal einen neuen Ort aus – nach E-Werk, U-Bahnhof, Bodemuseum und Nationalgalerie. Sein Modell der „Oper an ungewöhnlichen Orten“ hat sich über die Jahre herausgeschält, Hagel sagt, er fühle sich gut und glücklich damit und will das, wenn die Finanzierungen klappen, noch lange so weiterführen. Anfangs hat er vor allem dirigiert, inzwischen hat er das Heft ganz in der Hand und inszeniert auch. Es macht ihm sichtlich Spaß: „Ich will mich ausdrücken, mit anderen Künstlern zusammenarbeiten“, sagt er. Und auch wenn er beteuert, er könne sich durchaus vorstellen, die Regie mal wieder abzugeben, lächelt er dabei doch so hintersinnig, dass man nicht weiß, wie ernst er es meint. Da alle seine Projekte privat gestemmt und finanziert werden, kann er sowieso nicht Jahre im Voraus planen wie die subventionierten Häuser.

Jetzt gehört seine ganze Aufmerksamkeit aber erst mal dem aktuellen Projekt. Zahlreiche Probleme waren mit der Domgemeinde zu klären: Ein lebendiger Affe soll während der Aufführung auftreten – geht das in einem Gotteshaus? Es geht. Und was ist mit den Projektionen, die den Sonnenaufgang darstellen? Irgendwann waren alle Genehmigungen eingeholt. Aber die nächste Herausforderung wartet schon: Wie werden die Berliner Symphoniker mit der tückischen, schwammigen Akustik des Doms zurechtkommen? „Ich hoffe, wir kommen heil durch“, sagt Hagel zuversichtlich, „es wird auf jeden Fall ein Abenteuer.“ Man könnte es auch eine Schöpfung nennen. UDO BADELT

Premiere: 30.4.,, 20.30 Uhr

bis 3.6., jeweils 20.30 Uhr, www.schoepfung-im-dom.de

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