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Die Schulen müssen den bewussten Umgang mit dem Internet in allen Klassenstufen aufgreifen

Katrin Schaar

„Das wollte ich doch gar nicht“, denkt mancher Jugendliche, wenn ihm plötzlich eine Rechnung ins Haus flattert. Dabei hatte er sich nur bei einer Witz-Seite oder für eine Hausaufgabenseite im Internet angemeldet, das Kleingedruckte hatte er übersehen: Monatliche Abokosten für den Service oder saftige Preise für eine Mitgliedschaft. Teuer werden kann es auch, wenn sich Jugendliche die urheberrechtlich geschützten Fotos ihrer Lieblingsgruppe auf die eigene Seite stellen oder illegal Musik herunterladen.

96 Prozent der Jugendlichen sind heute online und bewegen sich selbstverständlich im Netz, weiß die ARD/ZDF-Online-Studie-2007. Besonders hoch im Kurs: Internetforen und Chatrooms, Musik und Videos hören, sehen und herunterladen. Das Internet ist für Jugendliche heute vor allem ein soziales Kommunikationsmedium. Doch: „Ein Problembewusstsein ist bei den wenigsten vorhanden. Dort werden relativ wahllos Bilder und Fotos reingestellt“, bemerkt Ralf Punkenburg, Fachmultiplikator für Informationstechnische Grundbildung (ITG) und Informatik für den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf. Auch der Vorsitzende des Landesschülerausschusses, Max Wolter (18), beobachtet, dass Kinder und Jugendliche „häufig sehr unbedarft mit ihrer Person umgehen und bei allen möglichen Portalen mit wildfremden Leuten über die verschiedensten Dinge reden.“ Kenntnisse über Daten-, Urheber- und Verbraucherschutz sind für Kinder und Jugendliche enorm wichtig, wenn sie das Netz ohne böse Überraschungen nutzen wollen.

Schule muss auf das Leben vorbereiten und damit auch auf das Internet. Bereits 2005 legte die Senatsverwaltung für Bildung den „eEducation Masterplan“ auf. Danach sollen die Schüler darin geschult werden, mit Computern und Internet qualifiziert umzugehen. Textverarbeitung und Recherche gehören dazu ebenso, wie die bewusste und sichere Nutzung des Internets. Rechtliche Themen sind auch in den Rahmenplänen für Informatik und die Informationstechnische Grundbildung (ITG), die an Oberschulen unterrichtet wird, vorgesehen. „Grundsätzlich werden Schüler über die Gefahren des Internets im Rahmen eines Unterrichts mit Internetnutzung informiert“, erklärt Kenneth Frisse, Pressesprecher der Senatsschulverwaltung.

Seit 2005 bildeten sich in ihrer Freizeit bereits 15 000 Lehrer im Rahmen des Masterplans weiter, vor allem in Grundtechniken der Computer- und Internetnutzung. Auch regional finden IT-Weiterbildungen statt. Für die Schule ist es eine immer wichtigere Aufgabe, den Schülern einen bewussten Umgang mit den eigenen Daten nahezubringen. Hier tue die Schule allerdings noch zu wenig, konstatierten Anfang April die Bundes- und Landesbeauftragten für den Datenschutz. Doch auch hier tut sich einiges: Zum Thema Datenschutz entwickelt das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Lisum) Unterrichtsmaterial, das im nächsten Schuljahr eingesetzt werden soll. Es gibt ein neues Fortbildungspaket Recht, und auf regionaler Ebene werden Fortbildungen zu Datenschutz bei Kommunikationsplattformen wie SchülerVZ auf dem Programm stehen. Im europäischen Auftrag erstellt die Initiative Klicksafe außerdem umfangreiches Lernmaterial. Verpflichtend sind diese Schulungen für Lehrer jedoch nicht und auch eine verbindliche Umsetzung des Masterplans gibt es nicht.

Informatik wird nicht überall angeboten und ITG ist seit diesem Schuljahr nicht mehr vorgeschrieben: „Schulen können diese ITG-Stunde auch fallen lassen zu Gunsten von Erdkunde, Physik oder Chemie. Viele Gymnasien machen das“, sagt Ralf Punkenburg. „Mittlerweile gibt es in Berlin einen deutlichen Mangel an Informatik-Lehrkräften, einige Gymnasien können deshalb bereits jetzt keine Informatik-Kurse in der Oberstufe anbieten. Dadurch fehlt Fachkompetenz in Bezug auf Informations-Technologie und neue Medien in den Berliner Schulen.“

Es hängt sehr vom Problembewusstsein des einzelnen Lehrers ab, welche Fortbildungen er belegt und welche praktischen Sicherheitsfragen er dann im Unterricht anspricht. Außerdem ändert sich die digitale Welt und das Nutzungsverhalten der Schüler schnell. Max Wolter sieht hier auch einen Generationenkonflikt. Er sagt, dass im Unterricht mittlerweile zwar auf Urheberrechtsfragen hingewiesen wird, nicht jedoch auf die Gefahren des Internets auf sozialer Ebene. „Viele Lehrer wissen davon selbst nicht viel, weil sie das Internet als Informationsmedium nutzen und weniger als Kommunikationsmedium, wie es die Schüler tun.“

Gefragt ist deshalb nicht nur klassischer Unterricht, sondern auch eine unaufdringliche Sensibilisierung der Schüler. Denn diese wollen sich nicht unbedingt von den Lehrern sagen lassen, wie sie mit ihren Freunden zu kommunizieren haben. „Wenn man den Schülern beibringen will, wie sie sozial mit dem Internet umgehen sollten, kann das eigentlich nicht funktionieren, wenn ein Lehrer vorne steht und das von oben herab erklärt“, gibt Max Wolter zu bedenken. Lehrer können hier auch „unglaublich viel von den Schülern lernen,“ meint auch Ruth Garstka, Schulleiterin der Robert-Jungk-Oberschule in Wilmersdorf, an der Neue Medien Bestandteil des Schulprofils sind. „Das ist dann tatsächlich auch ein gemeinsames Lernen.“ Sie fordert einen bewussten Umgang mit dem Internet in jedem Unterricht „auf allen Klassenstufen und in allen Fächern, und dass man da wirklich handfeste Probleme aufgreift“. Schüler können ihre Persönlichkeits- und Freiheitsrechte nur wahrnehmen, wenn sie über sie Bescheid wissen, und sich entsprechend vor Gefahren schützen können, betont Ruth Garstka. Dazu könnten auch flexible Angebote beitragen, wie sie Max Wolter im Auge hat: Studenten oder Leute vom Chaos Computer Club könnten eine Art Workshop anbieten, in dem mit den Schülern auf einer „normalen Ebene“ geredet wird. „Ich denke, dass das eine gute Möglichkeit wäre, an die Schüler wirklich ranzukommen.“ Einen Versuch wäre es wert. Katrin Schaar

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