Zeitung Heute : Hörst du den Hubschrauber?

Er habe gedacht, da nicht lebend rauszukommen: Magnus Gäfgen im Folter-Prozess

Karin Ceballos Betancur[Frankfurt a. M.]

Die Sonne scheint am Morgen durch eisige Luftschichten auf das Pflaster, wo sie seit sieben Uhr warten und frierend auf Einlass hoffen. Für einige werden die Zuschauerplätze in Saal des Frankfurter Landgerichts nicht ausreichen, doch sie bleiben, während drinnen Wolfgang Daschner den Sitzungssaal betritt und reglos die Blitzlichter der Fotografen erträgt wie einen Schneeschauer. Wenige Minuten später erscheint der Zeuge im selben Türrahmen, in Handschellen. Der Polizeibeamte schaut nur kurz in das Gesicht, das er heute zum ersten Mal direkt vor sich sieht, das Gesicht des Mannes, dem er, der damalige Frankfurter Polizeivizepräsident, im Verhör Schmerzen angedroht haben lassen soll. Magnus Gäfgen, wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, nimmt neben Verteidiger Hans Ulrich Endres Platz, seinem Zeugenbeistand.

Vorname? Magnus.

Alter? 29.

Beruf? Student.

Er habe sich schon bald nach seiner Festnahme vorgenommen, im Verhör nichts zu sagen, sagt Gäfgen, „aus Angst vor Konsequenzen, Feigheit“. Zweimal sagt er, er habe von seinem Studium gewusst, dass er das Recht hat, die Aussage zu verweigern. Er spricht laut, seine Stimme wirkt fester als im Verfahren vor eineinhalb Jahren, in dem er als Angeklagter schilderte, wie er am Vormittag des 27. September 2002 den elf Jahre alten Bankierssohn Jakob von Metzler in seine Wohnung lockte, mit einem Klebeband erstickte und seine Leiche unter einem Steg versteckte. Über das, was am Morgen des 1.Oktober 2002 geschah, gibt es eine Aktennotiz, angefertigt von Wolfgang Daschner, der sich jetzt vor der 27. Großen Strafkammer wegen Verleitung zur Nötigung verantworten muss.

Er sei an jenem Morgen deutlich früher aus seiner Zelle geholt worden, als er es vermutet habe, sagt Gäfgen. Von den beiden Beamten, die ihn anschließend befragten, habe einer zehn Minuten später das Dienstzimmer verlassen. Den, der blieb, identifiziert Gäfgen als den mitangeklagten Ortwin E.

Der Beamte habe sich ihm gegenübergesetzt, sagt Gäfgen. „Ich meine, er hätte gesagt, dass die Polizei weiß, dass der Junge tot ist.“ Der Beamte sei näher an ihn herangerückt. „Er sagte, das sei kein Spiel, sondern ernst.“ Er, Gäfgen, wisse doch, was die Polizei alles machen könne. „Man könne mir Schmerzen zufügen, wie ich sie noch nie gespürt habe. Ein Experte sei unterwegs, der aussieht wie ein Familienvater, der keine Spuren hinterlässt. Niemand werde mir glauben.“ Hörst du den Hubschrauber, habe der Beamte gesagt, mit den Fingern seinen Kopf umkreist und Rotorengeräusche imitiert. Ihm sei, so Gäfgen, auch damit gedroht worden, mit „zwei fetten Negern in eine Zelle gesperrt“ zu werden, die sich an ihm vergehen würden. Der Beamte habe ihn gerüttelt, behauptet Gäfgen, mit der Hand gegen seinen Brustkorb geschlagen. Er sagt, er habe Angst gehabt, „da nicht mehr lebend rauszukommen“. Der Beamte auf der Anklagebank schüttelt den Kopf.

Die Verteidigung der angeklagten Polizisten wird später darauf hinweisen, dass Gäfgen erst Monate danach anfing, von der Gewaltandrohung zu sprechen. Gäfgen wird erwidern, er sei davon ausgegangen, dass ihm „ohnehin niemand glaubt“. Die Verteidigung wird darauf hinweisen, wie oft Gäfgen „bewusst der Wahrheit zuwider“ Angaben gemacht habe. Gäfgen wird zustimmen, doch dabei bleiben, dass das, was er über die Vernehmung sagt, die Wahrheit ist. Dann wird er den Zeugenstand verlassen, in Handschellen.

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