Zeitung Heute : Hörst du mein Lied, Marie?

Er ist 22, sieht aus wie der Sänger einer Boygroup, aber macht seit 17 Jahren Volksmusik; heute übernimmt Florian Silbereisen die Volksmusikfeste von Carmen Nebel in der ARD

Nadja Klinger

Die Harmonika. Mit der hat es angefangen. Ein Tasteninstrument, das die Töne aufbläst, so dass die Lieder leichter werden, aufsteigen und im Wind schaukeln. Er beherrscht das Instrument perfekt. Er singt: „I bin a Naturtalent, des woaß a jede, die mi kennt. Weil i mach in Heu und Stroh alle Madln richtig froh.“ Volksmusik, nennt man das.

Er war fünf, als man ihm eine steirische Harmonika geschenkt hat. Jetzt ist er 22. Die Zeit dazwischen nennt die Presse „17-jährige Berufserfahrung“. Er sagt: „Volksmusik ist die Musik des Volkes.“ Er fährt einen 7er BMW. Er reist durch Europa, schläft in den besten Hotels. Er gibt Autogramme und Interviews. Er hat keinen Beruf gelernt, aber viel zu tun. Wenn er zu tief in der Arbeit steckt, kommt sein Manager und teilt die Kräfte ein. Gerade jetzt, beim Aufstieg. Es geht, so sagt man, auf den Mount Everest der Volksmusik.

Ab heute Abend moderiert der 22-jährige die Volksmusikfeste der ARD. Er ist Nachfolger der 47-jährigen Carmen Nebel, die zum ZDF gegangen ist. Er hat noch nie live moderiert. Er hat in wenigen Tagen den Hefter mit seinem Text auswendig gelernt. Er ist ins Chemnitzer Hotel Mercure gezogen, um in der Stadthalle zu proben. Er hat versucht, sich alle Anweisungen zu merken. In Sketchen mit seinem Kollegen Stefan Mross hat er geblödelt, so dass der Regisseur in Lachen ausbrach. Er sei locker, sagen sie im Team vom MDR. Das täuscht. Auf dem Mount Everest geht es um eine Einschaltquote von sieben Millionen.

Bühnenprobe für den Samstagabend, der Sketch über die Risiken des Showgeschäfts, mit dem die Sendung beginnt. Der Showmaster klettert vor Kamera Nummer zwei auf ein Geländer. „He, was machen Sie denn da?“ – „Ich mach Schluss. Ich springe.“ – „Das ist verboten! Wie heißen Sie?“ – „Silbereisen.“ – „Florian Silbereisen?“ – „Ja.“ – „Dann springen Sie!“

Er war sieben, als das Bayerische Fernsehen in der Schule in Passau junge Talente suchte. Florian Silbereisen kam zu Karl Moik ins Fernsehen. Im Jahr danach hatte er 30 Fernsehauftritte. Die Mitschüler haben ihn gehänselt, dann gemerkt, dass er es ernst meint. Er war Klassensprecher, Schulsprecher. Zu Hause bei den Eltern klingelten Plattenfirmen. An den Verträgen hingen bis zu 250 Auftritte pro Jahr. Was, wenn der Bub mal keine Lust hat, fragten die Eltern? Und lehnten ab. Aber es klingelte wieder. Nein, nein und nochmals nein, hörte der Junge sie an der Tür sagen. Eines Tages hat jemand gefragt: „Wollen Sie Geld oder etwa nicht?“ Der Junge hat die Frage überhaupt nicht verstanden. Aber er hat sie sich gemerkt.

Mit zehn produzierte er seine erste CD. Er bekam den Herbert-Roth-Nachwuchspreis für Solisten. Später gewann er die „Krone der Volksmusik“, wurde zweimal „Musikantenkönig“ im MDR, qualifizierte sich für die „Superhitparade der Volksmusik“. Als er 14 war, bot Hans Rudolf Beierlein der Familie seine Dienste an. Beierlein managt so manchen Volksmusikstar. Er ist Geschäftsmann. Man sagt ihm nach, er habe das Klingeln der Registrierkassen zur Erkennungsmelodie der Volksmusik erklärt. Mit Silbereisen wollte er nichts überstürzen, da es sowieso immer aufwärts gehen würde. Sein Plan klang nicht nach hartem Geschäft. Gleichwohl war fortan nichts mehr dem Schicksal überlassen.

Das Mädchen lief fort

Nach der zehnten Klasse hat der Junge kurz überlegt, ob er weiter zur Schule gehen, einen Beruf lernen oder die Musik zum Beruf machen sollte. „Schau mer mal“, hat er sich gesagt. So kann’s gehen, und zwar bestens – so wie es bei den meisten Menschen nicht geht. Heute sagt er: „Wenn ich an meine Arbeit komme, sind da nur fröhliche Leute.“

Nur einmal noch hat sich das Schicksal eingemischt. Florian Silbereisen fuhr von Festzelt zu Festzelt. Er saß im Auto, sang und trank Bier. Eines Tages kam er heim, und da wollte ihn sein Mädchen, seine erste große Liebe, nicht wiedererkennen. Er wog 95 Kilo. Die langen, blonden Haare veredelten sein feistes Gesicht nicht mehr. Er schien für nichts anderes als Volksmusik mehr zu gebrauchen zu sein. Das Mädchen lief fort.

Draußen waren 30 Grad, gleißende Sonne. Der Verlassene zog sich einen dunklen Pulli an, die schwarze Hose. Er tat Steine in den Rucksack und fuhr mit dem Fahrrad in die Schwimmhalle. Er schwamm, fuhr zurück. Dann begann er zu laufen. Nach einem halben Jahr hatte er zehn Kilo verloren. Es war wie Harmonikaspielen: eine Sucht. Schwupp, wog er 66 Kilo. Weil ihm das zu wenig war, legte er wieder zu. Das Volksmusikantenleben hatte ihn nicht mehr im Griff. Er beherrschte sich selbst. Höhen und Tiefen waren faszinierend. Er sprang mit dem Bungee-Seil und im Tandemsprung am Fallschirm vom Himmel.

„Hoppla, jetzt komm i“, sang er, „hörst du mein Lied, Marie. I spiel es nur für di, die ganze Nacht. Mein Akkordeon hat so an super Ton, der hat mir manchmal schon a bisserl Glück gebracht.“

Neben sein Elternhaus im Bayerischen hat Florian Silbereisen ein Haus gebaut. Es passe nicht zu ihm, sagt man. Zu groß für einen Jungen. Zu protzig für einen, der sich nie von selber aus dem Mittelfeld der Branche hervorgetan hat. Jedenfalls steht das Haus zu fest an einem Ort. Nun gut, Silbereisen trägt den Ring seiner Mutter am Daumen, er liebt seine vier Geschwister, ist neunfacher Onkel. Er wird auch nicht mehr 200 Tage im Jahr auf Tournee sein, weil der Manager die Kräfte sortiert. Jedoch wollte er immer mehr als singen: tanzen, Schauspieler sein, moderieren. Er wird nicht nach Tiefenbach bei Passau zurückkehren. „Das Haus ist meine Absicherung“, sagt er. „Falls mich keiner mehr hören will.“

Volksmusik reproduziert die Sehnsucht nach innerem Frieden und sozialer Harmonie. Den Wunsch nach Gerechtigkeit. Im wahren Leben sind die Dinge, die besungen werden, Illusion. „Wenn dir dein Job zu grau erscheint, dann mach ihn eben bunter! Wenn dich der Schlips schon lange würgt, dann nimm ihn endlich runter!“, singt Florian Silbereisen. „Man lebt nur einmal – doch des is gar net schlimm: Weil in dem einen Leben da steckt ganz schön was drin.“

Vor zwei Jahren hat er eine MDR-Vorabendserie gedreht. Mit Knickerbockern und Wanderstock ist er den Rennsteig abgelaufen. Hat mit Förstern gesprochen, Bratwurstverkäufern und Ortschronisten. Er hat die Wanderer umarmt. In Interviews ist er ins Du verfallen. Regisseur Bernd Cäsar Langnickel hat das zugelassen. „Er ist wirklich ein Naturtalent“, sagt er, „und zwar im Umgang mit Leuten.“

Florian Silbereisen hakt sich bei alten Herrschaften unter, schunkelt und seine Augen zwinkern. Sie singen seine Lieder und er schmeichelt ihnen: Sie seien wie die Fischer-Chöre. Sie hätten nie gedacht dass Alt und Jung so beisammen sein könnten. Als er sich am Rennsteig von dem Mann verabschiedet, der für den Thüringer Sänger Herbert Roth Texte geschrieben hat, ruft er: „Vielen Dank für deine wundervollen Lieder!“

Auf die Rennsteigserie folgten zwei weitere, beide mit einem Marktanteil von fast 16 Prozent. Als das Team zum Dreh bei der Feuerwehr vorfährt, wartet dort das ganze Dorf. „Wie beim Staatsbesuch“, erinnert sich Bernd Cäsar Langnickel.

Und wie ist das mit dem Beisammensein in der Volksmusikbranche, in der sie alle älter werden und sich was einfallen lassen müssen, weil die gefragten Lieder immer mehr jungen, spritzigen Schlagern ähneln? Wie ist das in der Haifischbranche, wo sie alle ehrgeizig sind und es sich ergibt, dass der eine lieber als der andere engagiert wird? Auf Tournee schlafen sie alle in einem Hotel. Man geht beizeiten ins Bett. Nur Stefanie Hertel, Stefan Mross und Florian Silbereisen bleiben immer irgendwo sitzen. Die Wildecker Herzbuben kommen dazu oder Andy Borg, wenn er dabei ist. Es wird gesungen, geblödelt. Die Jungen sind der Geselligkeitswert der Branche.

„Mit Stefanie und Stefan könnte ich Pferde stählen“, sagt Silbereisen. Pferde stählen. Das klingt ernst. Es gibt ältere Kollegen, denen sagt er nur Hallo! Er hört, wie die Damen vorm Auftritt streiten, welche von ihnen welches Kleid anzieht. Er hat damit nichts zu tun. „Mei Madl aus dem Internet, i chatt mit ihr von früh bis spät“, singt er, „und wenn i koan Computer hätt, i wüsst net was i tät.“

Auch die Volksmusik ist im Internet präsent, wie alles. Die Fans der Branche sind nicht wie alle Fans. Sie haben den Esprit der Harmonika. Sie haben das gemäßigte Tempo der Deutschen Post. Sie sitzen am Fernseher, kaufen Eintrittskarten, applaudieren. „Ich bin kein Idol“, sagt Florian Silbereisen. Er sitzt in der Hotellobby. Niemand kreischt.

Die Hausfrau Christine Brockmann hat ihn vor vier Jahren in Wolfsburg gesehen. Nach dem Konzert ist sie mit Tochter und Schwiegermutter zu ihm hin. „Setz mer uns zusammen“, hat Silbereisen gesagt. „Und wenn ihr mal in Tiefenbach seid, dann kommt’s vorbei.“ Als die Brockmanns dann wirklich kamen, schien man in Tiefenbach schon gewartet zu haben. Christine Brockmann leitet jetzt den Fanclub. Dieser Tage musste sie für die 150 Mitglieder den Beitrag erhöhen. Im wahren Leben wird alles teurer.

Im September hat Florian Silbereisen der ARD zugesagt. Ohne zu überlegen, mit Freudentränen. Vom Mount Everest hat er herrliche Aussichten. Er bekommt nicht so viel Geld wie Carmen Nebel. Erst mal wünscht er nur, dass ihre sieben Millionen auch bei ihm einschalten. Und dass sie dann nicht wieder ausschalten. Am Fernsehsamstag muss er alles geben oder nichts. Zwei Stunden dauert das „Winterfest der Volksmusik“. Laut Programmzeitschrift. Dann wird kräftig überzogen. Das volkstümliche Fernsehen greift an. Allen voran der Junge mit der Harmonika. „Er tut mir fast leid“, sagt Rennsteig-Regisseur Langnickel, „vielleicht wäre eine Nummer kleiner erst mal besser gewesen.“

Mensch, der macht das schön!

Mittlerweile hat Silbereisen fünf Pressetermine am Tag. Man interessiert sich dafür, welche Frau an seiner Seite ist. Das versteht er nicht. Dabei hat die Presse schon immer die Biere gezählt, die er und Mross und Hertel getrunken haben. Es gab Schlagzeilen. Man hat ihnen aufgelauert, fotografiert. „Wir sind jung“, sagt er. Bald ist er älter.

Die Probe in der Stadthalle macht er mit Strickmütze auf dem Kopf. Sein weißes Hemd steckt halb in der Schlabberhose drin, halb hängt es raus. Er sieht aus wie der Sänger von einer Boygroup. Er könnte der erste Boy sein, dem die älteren Generationen seinen Aufzug nicht übel nehmen. Er soll über ein Drahtseil gehen. Ein Artist hält ihn an der Hand. Sie proben abseits, während Stefanie Hertel singt. Als sie fertig ist, sagt Silbereisen zum Artisten, am Samstagabend wolle er die Hand unbedingt loslassen. Eine Frau vom Management protestiert. Christine Brockmann, die am Samstag in Chemnitz sein wird, sagt, Silbereisens Handy sei jetzt öfter aus. Und wenn nicht, dann ist es ungünstig und er ruft zurück. Das hat’s bislang nicht gegeben. Irgendwie ist er sehr konzentriert. Er will, dass die Leute am Samstagabend sagen: „Mensch, der Flo, der macht das schön!“

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