Zeitung Heute : Hof Zwei

Kreuzberger Rösti

Elisabeth Binder

Hof Zwei im Mövenpick-Hotel Berlin, Schöneberger Str. 3, Tel. 230 06 85, Kreuzberg, tägl. von 6.30 Uhr bis 1 Uhr. Foto: Mike Wolff

Außen leuchten bunte Scheinwerfer den Berliner Altbau an. Innen ist der Hof mit einem Cabrio-Glasdach überdeckt, das sich im Sommer öffnen lässt. Darunter befindet sich ein festlich wirkendes, in seinem loftigen Charme aber auch sehr luftiges Restaurant, in dem sich die schlanken roten Sessel um weiß gedeckte Tische gruppieren, auf denen exotische Blumen und Windlichter stehen. Die modernen Lampen geben dem großen Raum ein nahezu perfektes Licht. Dies ist ein guter Ort, um Tische zu einer langen Tafel zusammenzuschieben und mit Freunden beim Essen einmal richtig durchzuatmen. In diesem stillen Winkel gegenüber vom Anhalter Bahnhof würde man ein hübsches Restaurant wie das „Hof Zwei“ gar nicht erwarten. Es ist Teil des Mövenpick-Hotels und als eine Art hippes Flaggschiff konzipiert. Zu diesem Ambiente passt der hoch professionelle und sehr freundliche Service.

Die Gerichte werden nach Art der Augenweide serviert. Vorweg gibt es Wodka-Lachs und in Tequila gebeizten Thunfisch, hübsch und liebevoll angerichtet auf einem rechteckigen weißen Porzellanteller, unten eine Schnur aus grünem Pesto, Balsamico-Essig und halbierten Cherry-Tomaten, oben der Fisch mit zweierlei fruchtigem Kompott (11 Euro). Der Koch kultiviert ganz offensichtlich den Blick eines Malers. Auch gelungen die Muskatkürbissuppe mit marinierten Rehwürfeln (4,30 Euro). Schön, dass hier regionale Produkte international interpretiert werden, wie zum Beispiel das Brandenburger Rinderfilet, das als Carpaccio zusammen mit Pastrami, eingelegten Süßkartoffeln und Brotchips serviert wird (12 Euro). Auch gut, dass es für Vegetarier originelle Kombinationen wie die Roulade von Kohlrabi und geschmorter Karotte gibt (8,60 Euro).

Wer sich in Kreuzberg ins Schweizer Exil begibt, könnte versucht sein, einfach beim Klassiker zu bleiben. Das Zürcher Geschnetzelte kommt dampfend in einer feinen weißen Terrine, halbwegs zartes Kalbfleisch und frische Champignons in einer wunderbar nachhaltig schaumigen Weißwein-Rahmsauce. Am besten ist das Rösti, das dazu serviert wird: eine runde Einheit aus vielen kleinen Kartoffelstiften. Für Rösti-Fans ist diese Adresse sicher ein Muss (16,50 Euro).

Die drei großen Stücke von der geschmorten Lammhüfte hätten freilich zarter sein können. Dazu gab es eine kräftige, dunkle Schmorsauce, schneeweiche, kleine Kartoffelplätzchen mit reichlich Curry und vorzüglichem Chilispinat. Der sieht schon gut aus mit den vielen roten Chilistückchen, die das Dunkelgrün aufheitern, und schmeckt wirklich scharf – in jeder Hinsicht. Sollten Sie Freunde von kindlichen Spinattraumata heilen wollen, wäre dies ein vielversprechender Ort für einen solchen Versuch. Zum Nachtisch gab es Gewürzkaffeemousse mit Altberliner Mohnpielen und einer leider etwas alkoholentwöhnten Rumtopfsauce (4,50 Euro). Als leichte Alternative bietet sich das Rote-Bete-Sorbet mit pochierten Ingwer-Birnen an (4,30 Euro).

Es gibt, was bei dieser Adresse ja kaum anders zu erwarten ist, eine auch im Hinblick auf das Preis-Leistungs-Verhältnis recht gut sortierte Weinkarte. Wir schlugen eine chilenische Verlockung in den Wind und setzten auf den weißen Fendant „Les Grenouilles“ aus den Mövenpick-Kellern. Nicht sehr abenteuerlustig, zugegeben, aber eben auch kein Fehler (24 Euro). Der rote Dole ist ebenfalls in Ordnung, wenngleich mit 3,30 Euro für 0,1 l schon etwas kräftiger kalkuliert.

Kein Wunder, dass Touristen die Stadt oft besser gefällt als ihren Ureinwohnern. Hier würde man sich als Berliner nicht so ohne Weiteres hin verirren. Ringsum saßen eine größere Gruppe Franzosen und eine japanische Familie. Wenn man außereuropäischen Besuch ohne größere finanziellen und sonstigen Risiken ausführen will, ist das „Hof Zwei“ sicher eine gute Wahl. Auf Anhieb mag es zwar einfallslos klingen, ausgerechnet ein Mövenpick-Hotel auszusuchen. Meine entsprechend niedrig angesetzte Erwartungshaltung wurde aber deutlich übertroffen.

Das ist eben einer der Vorzüge des Kritikerberufs: Man kann sich ständig animieren lassen, Vorurteile über den Haufen zu werfen, die man vermutlich erst gar nicht haben sollte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar