Zeitung Heute : Hoffnung für Fortgeschrittene

Steif klammern sie sich an ihre Rednerpulte, der Israeli Scharon und der Palästinenser Abbas. Sie reden vom Frieden – fast ängstlich, ohne Betonung, ohne Emotion. Vielleicht liegt es daran, dass nicht sie, sondern Präsident Bush bei diesen Verhandlungen das Sagen hat. Und der ist zum Erfolg entschlossen.

Andrea Nüsse[Akaba]

Der Himmel leuchtet dunkelblau am frühen Morgen. Die Luft ist klar, und eine leichte Brise weht über die jordanische Hafenstadt Akaba am Roten Meer. Keine Spur mehr von den Sandstürmen der vergangenen Tage. Die Sicht ist frei auf die nur wenige Kilometer entfernte israelische Stadt Eilat am Ende der Bucht. Dahinter ist das Relief der roten Berge zu erkennen, die sich nur wenige Kilometer weiter auf ägyptischer Seite fortsetzen. Im Dreiländereck am Golf von Akaba will US-Präsident George W. Bush den Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern wieder aufleben lassen. Jahre der Gewalt sollen enden.

Doch so weit ist es noch nicht. Und so wurde der kurzfristig anberaumte Gipfel zwischen Bush, dem palästinensischen Premierminister Mahmud Abbas und dem israelischen Premierminister Ariel Scharon von extremen Sicherheitsvorkehrungen dominiert. Seit Dienstagnacht sind alle Ausfallstraßen der Stadt abgeriegelt. Der Weg vom kleinen Flughafen zur Stadt ist ebenso für den Verkehr gesperrt wie die Corniche, an der die großen Strandhotels liegen. An deren Ende steht der Palast von König Abdallah, in dem sich die Politiker zu dem zuvor schon als „historisch“ eingestuften Gipfel treffen.

Das Frühstücksbuffet mit Rührei und Wassermelone im Hotel al Cazar, wird von Männern in Zivil, mit Pistole im Halfter, inspiziert. Ali Mohammed, den Inhaber des Lebensmittelladens „Kleopatra“, stört all das nicht: „Der Gipfel ist wichtig, wir wünschen uns endlich Frieden“, sagt er. Dabei hat Jordanien seit 1994 einen Friedensvertrag mit Israel. „Vor der Intifada hatten wir täglich drei bis vier Busse mit israelischen Touristen in Akaba, sie waren willkommen und haben sich immer wohl gefühlt“, erinnert sich Ali. Aus Angst bleiben sie jetzt auf ihrer Seite des Golfs.

Doch am Mittwoch sind ausnahmsweise wieder viele Israelis nach Akaba gekommen. Die israelischen Regierungsvertreter und -sprecher machen den Eindruck, als fühlten sie sich im jordanischen Pressezentrum wie zu Hause. Seit dem frühen Morgen sitzen Dor Gold, Raanan Gissin und viele andere auf der Terrasse, laufen durch die Gänge und geben Interviews. Palästinensische Regierungsvertreter sind nirgendwo zu sehen.

„Irgendwie scheinen wir hier das Geschehen zu kontrollieren“, sagt der Berater des israelischen Verteidigungsministers lächelnd. Auf den Gipfel will er das nicht übertragen wissen. Bushs Forderung an Israel, den Abbau von Siedlungen ernst zu nehmen, sei Ausdruck der amerikanischen Ausgewogenheit. Zwar habe auch er, der bereits als Berater von Ex-Premier Ehud Barak an Gipfeln teilgenommen hat, das Gefühl eines „Déjà-vu-Erlebnisses“. Aber dieses Treffen finde in einer „deutlich veränderten Situation“ statt. Palästinenserführer Arafat sitzt in seinem Hauptquartier fest, und Abbas leitet die Verhandlungen. „Von Israel kommt eine neue Musik“, sagt er und meint damit Scharon, der vor wenigen Tagen erstmals von „Besatzung“ sprach. „Wir sind in einer Position der Stärke.“ Seit dem 11.September beherrsche die Angst vor Terrorismus die internationale Politik, und damit sei auch das Palästinenserproblem wieder in den Vordergrund gerückt. Das sei ein Sieg für Israel, aber ein „blutiger Sieg“.

Wo bleiben die Palästinenser?

Leise oder nachdenkliche Töne sind seine Sache nicht: Der Sprecher des israelischen Premierministers, Raanan Gissin, ist in Siegerlaune und schreit das so laut heraus, dass auch Journalisten am anderen Ende der Lobby mühelos mitschreiben können. „Die USA nehmen unsere 14 Vorbehalte gegen die Road Map ernst.“ Bushs Besuch in Auschwitz bei seiner Europatour sei ein „klares Signal“, dass er Israels Sicherheitsbedürfnisse verstanden habe. Obwohl die Palästinenser diese Vorbehalte gegen den Friedensplan nicht akzeptieren, sieht er darin „kein Hindernis“. So kann eigentlich nur jemand sprechen, der sicher ist, dass man der anderen Seite weniger Gehör schenkt. Eine zeitliche Parallele zwischen der Verpflichtung der Palästinenser, Terroranschläge zu unterbinden, und der israelischen Verpflichtung, die seit 2001 errichteten Siedlungen abzubauen, sieht er nicht. „Siedlungen bringen niemanden um“, lautet seine einfache Devise, daher müsse erst Sicherheit für Israelis geschaffen werden, ehe man über Siedlungen spreche.

Doch wo sind die palästinensischen Vertreter? Bis zum Mittag ist im Pressezentrum keiner zu sehen. Fast scheint es, als hätten die Palästinenser in all den Jahren nichts dazugelernt, nicht begriffen, wie wichtig die Darstellung der eigenen Position in den Medien ist. Schließlich fragen verzweifelte Reporter den Berater des israelischen Verteidigungsministers, ob er wisse, in welchem Hotel sich die Vertreter der Autonomiebehörde aufhalten.

Da bildet sich plötzlich eine Menschentraube auf der Terrasse. Der junge Rechtsberater der PLO, Michel Tarasi, ist aufgetaucht und reagiert entschlossen auf Gissins Interpretation: „Israel muss laut Road Map in der ersten Phase alle seit 2001 errichteten Siedlungen abbauen, das sind 73. Wenn sie nur 17 abbauen, beeindruckt uns das nicht.“ Was er nicht sagt, aber sicher weiß, ist, dass die Amerikaner davon unbeeindruckt sein müssen, weil die Palästinenser keinen Druck auf Israel ausüben können.

Die Stärke der Road Map ist nach Ansicht Tarasis, dass sie die Verbindung zwischen palästinensischer Gewalt und dem andauernden Bau von Siedlungen auf palästinensischem Land anerkenne. Auf Einsicht von Scharon setzt der perfekt englisch sprechende Mann im grauen Anzug nicht: „Scharon steht nicht hinter der Road Map, er wurde gezwungen, sie anzunehmen.“ Genau darin sieht er die große Chance dieser neuen Initiative. Die USA hätten dies durch ihren Druck ermöglicht. „Wir hoffen, dass die USA das Ungleichgewicht der Kräfte zwischen einem sehr starken Israel und den sehr schwachen Palästinensern ausgleichen.“ Um das palästinensische Vertrauen in Bush, auch Druck auf Israel auszuüben, zu untermauern, zieht er zwei Din-A-4-Blätter aus der Tasche mit dem Text der Rede, die Abbas zwei Stunden später vor der Weltpresse halten will. „Die bewaffnete Intifada muss enden.“ Das sind starke Worte, mit denen sich Abbas in Teilen seiner Bevölkerung nicht beliebter macht. Tarasi bricht abrupt ab, als ein israelisches Kamerateam ihn beim Verlesen filmen will.

Doch zwei Stunden später trägt Abbas vor den Kameras der Welt eben diese Worte vor. Dabei spricht er fast ebenso viel vom Kampf gegen Terrorismus und Gewalt wie nach ihm Scharon. Auf das für die Palästinenser drängendste Problem der ständig weiter wachsenden jüdischen Siedlungen geht er nicht ein. Umso erstaunlicher, dass man sich nicht auf eine gemeinsame Erklärung einigen konnte. Doch auch wenn die Redetexte nahe legen könnten, dass sich Israel mit seinen Prioritäten durchgesetzt habe, signalisiert die Körpersprache des palästinensischen und des israelischen Premiers eine andere Botschaft: Im Gegensatz zu Bush und König Abdallah wirken beide steif, sie halten sich an ihren Stehpulten fest, lesen ihren Redetext vor, ohne aufzublicken, ohne Betonung, ohne Emotion. Als wären die Formulierungen nicht nur in ihrer Werkstatt entstanden, sondern im Ringen mit dem Amerikanern, die zuzeit zum Erfolg entschlossen scheinen. Als wären sie beide in einer Position der Schwäche.

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