Zeitung Heute : Hoffnung schöpfen

Die Opec-Länder wollen ihre Fördermengen erhöhen, der Preis an den Börsen sinkt. Wird Öl jetzt dauerhaft billiger?

Nils-Viktor Sorge Jens Tönnesmann

Die gerade erreichten Höchststände hat der Ölpreis schon wieder verlassen. Auf mehr als 100 Dollar pro Fass war die Notierung vor knapp zwei Wochen gestiegen, nun ist der Preis für die Nordseesorte Brent auf unter 90 Dollar zurückgefallen. Damit liegt der Ölpreis immer noch drei Mal höher als vor vier Jahren, doch Autofahrer schöpfen die Hoffnung, dass es mit Benzinpreisen von bis zu 1,50 Euro den Liter bald ein Ende hat.

Die Hauptursache für den jüngsten Preissturz gibt allerdings wenig Anlass zur Freude: Offenbar ist es die Aussicht auf ein deutlich verlangsamtes Wachstum der Weltwirtschaft, das die Nachfrage nach Öl sinken lässt. Manch ein Experte spricht gar von Rezession. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet in ihrem aktuellen Monatsbericht, dass die weltweite Ölnachfrage gut sechs Prozent langsamer steigt als zuletzt berechnet. Vor allem die Folgen der Kreditkrise in den USA sind noch nicht vollständig absehbar. Für Entspannung sorgte am Mittwoch außerdem die Ankündigung der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec), die Förderquote möglicherweise zu erhöhen.

Doch trotz dieser Signale erwarten Experten nicht, dass der Ölpreis auf das niedrige Niveau vergangener Jahre zurückfällt. „Die Ursachen für das teure Öl sind noch nicht beseitigt“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Ökonom beim Kieler Institut für Weltwirtschaft. Über Jahre hätten es die Förderländer versäumt, ihre Produktionsanlagen zu modernisieren. „Und die alten großen Ölfelder haben den Zenit ihrer Förderung überschritten“, sagt er. Entscheidend sei daher, ob es in diesem Jahr gelingt, Ersatzkapazitäten anzuzapfen. „Die Lage bleibt angespannt“, sagt Gern. Sein Institut rechnet weiterhin mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 90 Dollar für das laufende Jahr.

Die Absichtsbekundungen der Erdölländer, mehr zu fördern, sehen Fachleute kritisch. „Dass die Opec die Fördermenge anheben will, ist ein wichtiges Signal für mehr Sicherheit – aber fraglich ist, ob das ausreicht, um die Lage am Ölmarkt zu entspannen“, sagt Thomas Puls, Energieexperte vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW).

„Der Ölpreis wird hoch bleiben und langfristig weiter steigen“, erwartet Puls. Sorgen bereiten dem Energieexperten politische Spannungen in den Fördergebieten. „In Nigeria beeinträchtigen solche Spannungen die Förderung seit Jahren, aber in jüngster Zeit haben sie sich noch verstärkt und den Ölpreis weiter hochgetrieben.“ In Ländern wie Venezuela und Russland haben Ölförderunternehmen außerdem immer weniger freie Hand bei Bohrungen. „Die staatlichen Gesellschaften investieren nicht genug in die Förderung“, sagt Manuel Frondel, Energieexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung.

Das angekündigte Plus bei den Fördermengen und die drohende Konjunkturflaute bringen vermutlich nur eine kurzfristige Entspannung beim Ölpreis. „Trotz einer schwachen US-Konjunktur wird es keinen Einbruch der Notierungen geben“, sagt Allianz-Volkswirt Rolf Schneider, der für 2008 aber einen durchschnittlichen Ölpreis von 80 Dollar erwartet.

Aufstrebende und öldurstige Schwellenländer sind ein immer wichtigerer Faktor beim Ölverbrauch. „Vor allem die Volkswirtschaften in China und Indien werden in Zukunft noch mehr Öl benötigen“, sagt IW-Experte Puls. Tanken die Amerikaner weniger, bremst das den Weltverbrauch und damit den Preisanstieg deswegen noch lange nicht so stark wie vor wenigen Jahrzehnten.

Mit einer konkreten Prognose für die Preisentwicklung hält sich Puls zurück – wie auch sein Essener Kollege Frondel. „Die Schwankungen sind einfach zu groß geworden“, sagt Frondel. Verantwortlich dafür sind auch Spekulanten, die zuletzt verstärkt auf steigende Preise gewettet haben. „Letztlich kann kein Mensch wissen, welcher Faktor sich im Nachhinein als der entscheidende erweist“, sagt der Essener Ökonom.

Langfristig – da sind sich die meisten Fachleute einig – wird das jetzige Preisniveau wohl deutlich übertroffen. „Die nächsten fünf Jahre könnte sich der Preis noch auf diesem Niveau halten, doch für 2020 ist eine Schätzung von 200 Dollar für einen Barrel keine besonders radikale Annahme“, sagt IfW-Forscher Gern. Eine solche Verdoppelung des Preises ist für ihn angesichts der Preisexplosion der vergangenen Jahre „keine Sensation“. Mitentscheidend für das Szenario ist für Gern jedoch, wie schnell sich die Menschheit nach Alternativen zum Öl umsieht, dessen Produktionshöhepunkt bereits in Sichtweite gerückt ist. „Die Lage sieht völlig anders aus“, sagt Gern, „sobald wir das Öl als Antrieb für Autos ersetzen können.“

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