Zeitung Heute : Hohe Absätze tragen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Andreas Austilat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Es ist soweit: Mein Mädchen kommt in die Schule. Ein großer Tag, was zieht man da an? Ein bisschen was Festliches vielleicht? Nun, wie ich die Kleine kenne, wird sie das für sich selbst entscheiden. So wie seit mindestens drei Jahren schon.

Damals beschloss sie, gar kein Mädchen mehr zu sein. Kleider trug sie nicht, Röcke auch nicht. Ja, ich gebe zu, ein bisschen stimmte mich das besorgt. Warum, fragte ich mich, ist das so? Die Antwort war leicht: Weil der große Bruder ihr Held war – und der trug nun einmal keine Kleider. „Wenn ich groß bin“, befand sie kategorisch, „werde ich ein Junge“. Davon ist heute keine Rede mehr.

Mein Mädchen kleidet sich betont weiblich, gern in Rosa und mit Zopf. Spangen, Ketten, Halsbänder sind ihr Liebstes. Sie kombiniert das nicht immer geschmackssicher, wie ich finde, aber dreinreden lässt sie sich schon gar nicht. Mir kanns egal sein, denn ihr Stil harmonierte bislang sogar mit den Vorstellungen Willi Lemkes – jenes Bremer Senators, der einräumte, dass nabelfreie Tops ihn irritieren würden. Weshalb er die in der Schule nicht sehen möchte. Nein, die Kleine gibt sich nie aufreizend, selbst am Strand besteht sie auf einem Oberteil – obwohl sie auch ohne BH kaum Aufsehen erregen dürfte.

„Mädchen sind cooler“ heißt ihre neue Linie. Natürlich habe ich mich auch gefragt, woher der plötzliche Kursverlust männlicher Vorbilder denn kommt, warum sie so gar kein Interesse mehr an Fußball hat, nicht mehr mit ihren Autos spielt, und es rundheraus ablehnt, wenn der Bruder ein wenig action in ihren Spielzeugbauernhof bringen will. So recht erklären kann ich es mir nicht, sind doch die Männer, die sie kennt, alles prima Kerle. Steckt dahinter womöglich strategisches Denken? Ahnt sie ihn voraus, den männlichen Machtverfall, den Frank Schirrmacher, „FAZ“-Herausgeber, im kühnen Vorgriff für die Republik bereits heute diagnostiziert? Sie wissen schon – wegen Sabine Christiansen, Liz Mohn, Friede Springer und wie sie alle heißen. Nun, die These ist zumindest umstritten.

Jetzt aber ist ein Punkt erreicht, da mache ich nicht mehr mit. Unsere Tochter hat nämlich ein Paar Barbie-Pumps geschenkt bekommen. Fragen Sie mich nicht, wie das passieren konnte. Barbie-Pumps sind so eine Art High-Heels für kleine Mädchen, in Rosa und mit Blümchen drauf. Und unter der Sohle haben sie eigens ein kleines Knöpfchen, damit es auch richtig klackert, wenn sie über das Pflaster staksen. High-Heels für Kinder! Du liebe Zeit. Ganz fremd wirkt sie plötzlich, gar nicht mehr wie mein Kind.

Nun nähern wir uns dem Konflikt: Was, wenn sie die Dinger zum Schulanfang anziehen will? Ich meine, das soll doch ein ganz besonderer Tag werden, an den alle Beteiligten noch lange freudig zurückdenken. Soll ich das verbieten? Soll ich auf die Vernunft setzen – im festen Vertrauen darauf, dass sie es mit den Absätzen niemals bis zur Schule schafft? Soll ich die Schuhe verstecken? Ach, Vater sein, ist wirklich nicht leicht.

Vorsicht: Von heute an sind wieder eine Menge Verkehrsanfänger unterwegs. Passen Sie bitte besonders auf, falls ein kleines Mädchen versucht, in Stöckelschuhen die Straße zu überqueren!

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