Zeitung Heute : Hohe Drehzahl

Turbinen und Kompressoren für die ganze Welt – das MAN-Werk in Reinickendorf ist Weltspitze

Der Kompressor, vor dem Ralf Thon steht, wird demnächst in die Dominikanische Republik verschifft. „Das ist Hightech made in Berlin“, sagt der Standortleiter von MAN Diesel & Turbo an der Tegeler Egellsstraße. Bei der Produktion von Turbomaschinen ist die deutsche Hauptstadt Weltmarktführer.

Die Turbinen und Kompressoren, die hier gebaut werden, bringen Ölraffinerien zum Laufen, sorgen an Pipelines für den zügigen Fluss und trennen Sauerstoff aus der Luft, damit die Hochöfen in Stahlwerken hohe Temperaturen erreichen. Sie sind rund um den Globus im Einsatz, in Aserbaidschan ebenso wie im Oman, in Australien, Brasilien, Indien und besonders häufig in China. Die Exportquote beträgt rund 85 Prozent.

Seit 1898 war bereits der Vorgänger Borsig in Tegel zu Hause. Ralf Thon kam bereits in dritter Generation zum Unternehmen. Er wuchs in einer Werkssiedlung auf und begann vor 34 Jahren eine Lehre als Bohrwerkdreher, bevor er Maschinenbau studierte. 1996 übernahm MAN die Turbinenbauaktivitäten von Borsig. Thon wurde 2001 zum Fertigungsleiter berufen und ein Jahr später zum Chef des gesamten Standortes.

„Die Krise ist auch bei uns angekommen, aber nicht existenzbedrohend“, so der „Site Manager“, wie der offizielle Titel lautet. Für das laufende Jahr ist der Standort „vernünftig ausgelastet“. In jüngster Zeit profitiert das Unternehmen auch von einem neuen Trend bei der Förderung von Erdöl und -gas aus dem Meeresboden. Bei kleineren Vorkommen werden insbesondere in Brasilien keine schwer beweglichen, stationären Bohrinseln mehr eingesetzt, sondern umgebaute Tankschiffe mit entsprechender Fördertechnik, zu der wiederum Kompressoren aus Berlin gehören.

Auch die wachsende Bedeutung des Umweltschutzes belebt das Geschäft. „Wo immer eine Raffinerie modernisiert wird, sind wir am Ball“, sagt Thon. Auch bei der Gewinnung alternativer Kraftstoffe spielen die Kompressoren eine Rolle. Und in Nordamerika schlagen zwei Kunden mit Hilfe von Technik aus Berlin zwei Fliegen mit einer Klappe. In Dakota pumpen Kompressoren den CO2-Ausstoß einer somit abgasfreien Fabrik in eine Pipeline. Am anderen Ende in Kanada presst ein weiterer Kompressor das Kohlendioxid in den Boden, wo es sich mit dem schwammigen Gestein eines eigentlich schon geschlossenen Bohrfeldes bindet. So werden die in der Tiefe ruhenden Erdölrestbestände nach oben gedrückt und es kann für weitere sieben bis acht Jahre gefördert werden.

Durchschnittlich alle drei Tage verlässt ein Kompressor das Tegeler Werk. Jeder ist eine individuelle Konstruktion. Zehn bis 16 Monate vergehen zwischen Auftragseingang und Inbetriebnahme. Die Kolosse, die über die Häfen in Antwerpen oder Hamburg auf Weltreise gehen, wiegen bis zu 100 Tonnen und können versandfertig eine Breite und Höhe von jeweils sechs Metern sowie eine Länge von 20 Metern erreichen. Das ist zu groß und zu schwer für viele Berliner Brücken. So hätten die Anlagen teilweise demontiert und beim Kunden erneut zusammengebaut werden müssen. Ein nicht zu akzeptierender Wettbewerbsnachteil gegenüber der Konkurrenz. So drohte der Abzug der Produktion aus Berlin. Nur die Reaktivierung des alten Borsighafens direkt neben der Fabrik, deren ebenso schnelle wie unkonventionelle Umsetzung Reinickendorfs Ex-Bürgermeisterin Marlies Wanjura ins Kreuzfeuer der Kritik brachte, sicherte den Standort und die Arbeitsplätze, betont Thon.

Seitdem geht es aufwärts in Tegel. Etwa zwei Millionen Euro werden jährlich in den Standort investiert. Die früher zugekauften Getriebe werden jetzt ebenfalls selbst produziert. Geplant ist die Installation eines größeren Hallenkrans, der den Bau von Turbinen mit bis zu 150 Tonnen Gesamtgewicht ermöglicht.

Rund 100 neue Arbeitsplätze sind bei MAN Diesel & Turbo in Tegel entstanden, knapp 500 Mitarbeiter werden heute beschäftigt. Thon bedauert, dass Berlin im übrigen Deutschland noch immer „nicht den besten Ruf“ hat. So sei es schwer, Kräfte aus anderen Großstädten zu gewinnen. Die Metropole müsse als Wohnort besser präsentiert werden, lautet seine Forderung an die Politik.

Indessen wurde die Ausbildungsquote erhöht. 25 Azubis zählt der Betrieb, alle werden übernommen. Dazu kommen viele Praktikanten und Doktoranden, denen man berufliche Perspektiven bietet. Die Nachwuchswerbung beginnt mit Schulpartnerschaften, wo man versucht, auch Mädchen für technische Berufe zu begeistern. Im Werk machen bereits zahlreiche Frauen Karriere. So leitet eine ehemalige Dreherin die Arbeitsvorbereitung.

„Wir investieren in das Personal der Zukunft“, sagt Thon. Man müsse über das Heute und Morgen hinaus denken. „Das Große und Ganze rechtzeitig zu erkennen, unterscheidet den Strategen vom Taktiker“, so der Wahlspruch des 50-jährigen Familienvaters. Nebenbei ist er Mitglied der großen Tarifrunde beim Verband Metall- und Elektroindustrie und ehrenamtlicher Richter am Berliner Sozialgericht. Und vielleicht zieht bald die vierte Generation ins Werk ein. Der 18-jährige Sohn will sich um einen Ausbildungsplatz bewerben.

www.manturbo.com

Unsere Turbomaschinen wiegen bis zu 100 Tonnen und können versandfertig eine Breite und Höhe von jeweils sechs Metern sowie eine Länge von 20 Metern erreichen.“

Ralf Thon, Site Manager

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