Hoher Besuch : Einfache Sätze, schwere Begeisterung

Die Quelle des Glücks liege in einem selbst. Und am besten finde man zu sich selbst, wenn Stille herrscht – sagt der Dalai Lama in Hamburg. Dann wird es laut.

Antje Lückingsmeier
Dalai Lama
Der 14. Dalai Lama. -Foto: ddp

HamburgEr kichert glucksend und ansteckend, schüttelt sich schier vor Lachen, knufft seinem Gegenüber in die Seite, weil er sich so köstlich amüsiert. Er wirkt wie ein netter Kerl, Lachfalten dominieren in seinem Gesicht. Der Mann, der so vergnügt im Schneidersitz in seinem Sessel sitzt, ist ein Religionsführer und gewissermaßen auch ein Staatschef, das geistliche und weltliche Oberhaupt der Tibeter. Den Friedensnobelpreis hat er auch.

Jampel Ngawang Lobsang Yeshe Tenzin Gyatso, 72 Jahre alt, geboren als neuntes Kind einer tibetischen Bauernfamilie, im fünften Lebensjahr den Löwenthron von Lhasa bestiegen und seitdem besser bekannt als der 14. Dalai Lama, hat seine Heimat seit seiner Flucht vor den Chinesen 1959 nicht mehr betreten. Er lebt im Exil im nordindischen Bergort Dharamsala. Wenn er dort aus seinem Bungalow nach draußen schaut und keine Monsunwolken den Blick trüben, könnte er bis zum Dhaola-Dhar-Massiv sehen, einen Ausläufer des Himalaya und nur 150 Kilometer von Tibet entfernt. Doch nun sitzt er in Hamburg, seit ein paar Tagen schon, und kichert.
Er lässt sich hier auch fotografieren, beim Händeschütteln, oder dabei, wie er sich von Anhängern berühren lässt – was seinen tibetischen Landsleuten aus Ehrerbietung gar nicht in den Sinn käme. „Er tut es, weil er sieht, dass es die Menschen glücklich macht“, sagt Andreas Hilmer, der Mann, der während des Deutschlandbesuchs des Dalai Lama für dessen Pressearbeit zuständig ist.

Und er macht sie glücklich – irgendwie. Bei einer Veranstaltung zum Thema „Frieden lernen“, zu der am Sonntag fast 11.000 Menschen ins Tenniscenter am Rothenbaum gekommen sind, entlässt der Dalai Lama sein Publikum lächelnd in die Mittagspause, nachdem er seinen Gästen auf der Bühne wie Jakob von Uexküll, dem Begründer des „Alternativen Friedensnobelpreises“, oder Judith Holofernes von der Popband Wir sind Helden den weißen Gebetsschal umgelegt hat. Die Menschen stehen auf und applaudieren begeistert. Tränen fließen. Judith Holofernes spricht anschließend von der „Ausstrahlung, die alles andere vergessen lässt.“ Jakob von Uexküll ist nicht minder fasziniert und betont, wie einmalig die Deutlichkeit sei, mit der der Dalai Lama Stellung beziehe zu Themen, die ihn bewegen. Hilmer, der Pressemann, sagt: „Der Dalai Lama will jeder Sache auf den Grund gehen.“ Der Dalai Lama sagt, er habe „nichts Besonderes anzubieten“.

„Ich bin nur ein einfacher Mann.“ Er weist jedes Gerücht über Wunderkräfte zurück. „Barer Unsinn ist das.“ Anhänger glauben an seine übernatürlichen Fähigkeiten, er selbst jedoch nicht. „Hätte ich heilende Kräfte, hätte ich das Knie, das mich schmerzt, längst geheilt.“ Er könne nur das Gespräch und die Debatte suchen, um vielleicht ein wenig dazu beizutragen, dass die Menschen mehr Gelassenheit lernen.

In Hamburg, wo der Friedensnobelpreisträger noch die ganze Woche über zu Seminaren und Vorträgen weilt, sind viele gerade nicht gelassen. Menschenmassen auf dem Weg ins Tenniscenter am Rothenbaum strömen, Sicherheitskräfte, Taschenkontrollen, und am Ende die jubelnden 11.000 Menschen, sie stehen auf und klatschen, als der kleine Tibeter die Bühne betritt. Fortan lauschen sie jedem Wort fasziniert, zunächst aus dem Mund Seiner Heiligkeit auf Englisch und Tibetisch und im Anschluss der deutschen Übersetzung. Und Andreas Hilmer erzählt von den Vortragspausen hinter der Bühne. „Ich habe hier eine winzige Verletzung am Finger“, sagt Hilmer. „Seine Heiligkeit wollte gleich wissen, was passiert sei, und zeigte mir dann lachend, dass er sich den Finger auch gequetscht hatte.“

Der Dalai Lama ist kein Missionar und missioniert auch nicht – im Gegenteil. „Die Religion zu wechseln ist nicht gut“, sagt der Dalai Lama. Andreas Hilmer sagt: „Wenn Sie sich ihm nähern und sagen: ,Oh, ich finde Sie so toll, ich will auch Buddhist werden’, dann ist er weg.“ Der Dalai Lama sagt, dass jeder Einzelne in sich hineinhören solle, und dort, wo er sich befindet, also in seiner Kultur und Religion, Illusionen und falsche Erwartungen enttarnen. Loslassen ist der Weg zur Leichtigkeit und somit zum Glück, die Quelle von Glück und Leid liege in einem selbst, und am besten finde man zu sich selbst, wenn Stille herrsche. So meditiert der heilige Mann zirka fünf Stunden am Tag.

Er steht in aller Frühe auf, wenn die Welt naturgemäß noch still ist, und sein Tagesablauf ist geprägt von Meditationen. Und ab zwölf Uhr mittags sind tibetische Mönche angehalten, nichts mehr zu essen. So bleibt viel Zeit für das Studium buddhistischer Schriften und für das Horchen in sich hinein. Und das scheint ein Weg zu einem Lachen zu sein, das viel tiefer sitzt als in Augen oder Mundwinkeln. Es ist, als lacht die Seele.

Der Fotograf Manuel Bauer, der den Dalai Lama seit 2001 begleitet und porträtiert, beschreibt ihn so: „Für mich ist er ein perfekter Mensch.“ Der sich nicht die Laune verderben lasse und dem es einen Heidenspaß macht, Protokolle auf den Kopf zu stellen und Verwirrung und Staunen auszulösen. Beispielhaft sei die Geschichte, als der Dalai Lama im Europäischen Parlament zu Gast war und nach der Mittagspause in seinem Beutel kramt, in dem er seine Lesebrille und Taschentücher zu transportieren pflegt. Doch diesmal holt er Zahnbürste und Zahnpasta heraus, nach dem Essen Zähneputzen nicht vergessen.

Eine junge Frau aus Wuppertal sagt beim Verlassen des Hamburger Vortrags: „Ich will keine Buddhistin werden, aber irgendwie ist der Dalai Lama so viel wirklicher als zum Beispiel der Papst. Wenn ich höre, dass im Vatikan wieder irgendeine Intrige gesponnen wurde, überrascht mich das nicht. Während mich so eine Nachricht aus dem Umfeld um den Dalai Lama umhauen würde.“

So mischt sich Glorifizierung und Wunschdenken mit der Realität. Das ist dem Dalai Lama nicht fremd. „Ich bin für Sie, was Sie wollen, das ich für Sie bin“, sagte er einmal in einem Interview. Und dass er auch nicht frei ist von Wut, gibt er zu. Dass die bedingungslose Liebe eines jeden Lebewesens inmitten eines Mückenschwarms mitunter schwer fiele. Oder Vögel, die ihm beim Schlafen stören, wolle er auch manchmal einfach nur wegjagen. „Aber letztendlich bin ich froh, was man aus solchen Situationen lernen kann. Meine Feinde sind doch auch meine größten Lehrmeister, sie zeigen mir, wie viel Geduld ich noch haben muss.“ Geduld.

„Das 20. Jahrhundert war geprägt von Gewalt“ sagt er noch. „Aber das 21. Jahrhundert kann ein Jahrhundert des Friedens werden.“

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