Zeitung Heute : Holland in Not

Die Niederlande galten immer als friedlich – jetzt ist die Sicherheit in Gefahr

Rolf Brockschmidt

In den Niederlanden mehren sich nach dem Mord an dem Regisseur van Gogh die Anschläge gegen islamische Schulen und Moscheen. Hat Holland als leuchtendes Vorbild bei Integration und Toleranz ausgedient?

Ein islamkritischer Filmemacher wird ermordet, eine islamkritische Parlamentsabgeordnete wird so massiv bedroht, dass sie untertauchen muss und ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen kann, auf islamische Grundschulen werden Anschläge verübt, an Moscheen wird gezündelt und sie werden beschmiert. Was ist in den Niederlanden schief gegangen, dem Land, dass sich die Toleranz auf die Fahne geschrieben hat? Ist die Integration der 1,6 Millionen Allochtonen, wie die Niederländer die Einwanderer nennen, gescheitert?

„Als Niederländer, nicht als Nato-Generalsekretär sag ich: Wir haben schwere Fehler gemacht, auch ich war als Abgeordneter und Minister daran beteiligt“, sagte Jaap de Hoop-Scheffer vor dem Berliner Presseclub. Er betont, dass der mutmaßliche Mörder Mohammed B. nach gängigen Kriterien als integriert galt. „Er hatte eine hervorragende Ausbildung.“ Das sei aber keine Beruhigung. Umso mehr müsse man fragen, „wenn selbst solche Migranten gewalttätig werden, welche Gefahren drohen dann von nicht integrierten?“

Adjiedj Bakas, Direktor von Dexter Communications und Spezialist für ethnisches Unternehmertum, wundert es nicht, dass der mutmaßliche Täter ein gut integrierter junger Mann war. „Ein Teil dieser Marokkaner sieht, wie wir leben. Sie halten uns für materialistisch und hedonistisch, sie interessieren sich nicht für Geld und vermissen bei uns den direkten Kontakt zu Gott“, sagt Bakas, der indisch-surinamischer Abstammung ist.

Für Bakas lässt sich die Frage nach der Integration nicht einfach beantworten. Zum Teil ist sie geglückt, zum Teil nicht. „Die Marokkaner sprechen besser Niederländisch als die Türken, sie sprechen zudem ihre eigenen Berbersprachen und brauchen Niederländisch auch als Verständigungssprache untereinander.“ Bakas kritisiert, dass über Probleme nicht oder zu wenig gesprochen wurde. Er begrüßt, dass Teile der muslimischen Gemeinschaft sich sofort nach dem Mordanschlag auf den Regisseur Theo van Gogh mit der niederländischen Gesellschaft solidarisch erklärt haben.

Die Niederlande haben lange zugeschaut und nichts gegen die sich abzeichnende Parallelgesellschaft unternommen. Falsche Politik und Untätigkeit sieht auch Professor Piet Emmer, Historiker und Migrationsforscher an der Rijksuniversiteit Leiden. „Wir haben viel zu lange zu schnell Pässe ausgeteilt. Die Niederlande sind kein Schlaraffenland. Und wir haben uns nicht besonders für die marokkanischen Gastarbeiter interessiert. Die Älteren sind oft gesellschaftlich schnell in einer Sozialhilfewelt gelandet, in der ihnen nur der Stolz auf ihre alte Nationalität bleibt. So geraten sie immer mehr ins Abseits der Gesellschaft und bieten auch ihren Kindern keine Orientierung mehr.“

Von der Politik erwarten die Niederländer nun ein entschlossenes Vorgehen gegen die Radikalen auf beiden Seiten. Die Bürger allerdings sind auch gefragt, in ihrem Alltag einen kühlen Kopf zu bewahren und eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft zu verhindern.

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