Zeitung Heute : Holstein: Mal behäbig, mal putzmunter

Hans-Jürgen Fuss

Zwischen der Hansestadt Lübeck und der Landeshauptstadt Kiel erstreckt sich "jene wunderbare Seegegend, die man füglich als das Paradies Holsteins bezeichnen kann ... Es drängen sich in diesem Landesteile eine ganze Anzahl von größeren und kleineren Gewässern zusammen, umgeben hier von sanften Hügeln, dort von fast bergartigen Höhen ... Überall erheben sich hübsche Städte, stattliche Schlösser mit schönen Parks, schmucke Dörfer, einsame Mühlen und stille Weiher ..." So beschrieb Edmund Hoefer aus Anlass seiner "Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee" 1875 das holsteinische Seen- und Hügelland.

Seit 1986 als Naturpark unter besonderen Schutz gestellt, ist die Gegend für Wanderer und Radler wie geschaffen. Die wohl schönste Radtour folgt dem Europäischen Fernwanderweg E 1/6. Auf weiten Strecken begleitet der problemlos befahrbare Weg die Schwentine, Holsteins längster und trotzdem nur selten als Fließgewässer wahrnehmbarer Fluss. So richtig "Fluss sein" darf die Schwentine auf ihrem 63 Kilometer langen Weg durch das Herz der Holsteinischen Schweiz meist nur dort, wo sie Bindeglied zwischen den fast zwei Dutzend Seen ist, die sie durchfließt.

Als Ausgangspunkt unserer Radtour wählen wir die Kleinstadt Neustadt in Holstein. Der Beginn führt uns mit der Markierung des Europäischen Fernwanderweges (Andreaskreuz) zu dem bereits 1280 erwähnten adligen Gut Sierhagen. Durch ein je nach Jahreszeit gelbes Raps- oder goldenes Kornmeer steuern wir den weithin sichtbaren 94 Meter hohen Gömnitzer Berg an. Bergauf, bergab - so geht es auf abwechslungsreichen Wegen durch Buchen- und Kiefernwälder am idyllischen Kolksee und nicht weniger reizvollen Kasseedorfer Oberteich vorbei nach Schönwalde am Bungsberg.

Von dem - nomen est omen - mehrfach als "schönstes Dorf" preisgekrönten Ort bedarf es noch einiger schweißtreibender Pedaltritte, ehe wir den Gipfel des Bungsbergs erklommen haben. Bei gutem Wetter reicht die Sicht von der höchsten Erhebung des Landes bis zur Hohwachter und Lübecker Bucht, nach Fehmarn und Lübeck.

Am schilfumsäumten Ufer des Großen Eutiner Sees liegt die "Rosenstadt" Eutin. Das von einem Wassergraben umgebene fürstbischöfliche Schloss von 1716/23, der im englischen Stil angelegte Schlossgarten, die St.-Michaelis-Kirche, eine gewölbte Backsteinbasilika aus dem frühen 13. Jahrhundert und klassizistische Bürgerhäuser um den großen, rechteckigen Marktplatz sind einige Highlights. Auf der Freilichtbühne am Großen Eutiner See werden zu Ehren des großen Sohnes der Stadt, dem Komponisten Carl Maria von Weber, seit 1951 die "Eutiner Sommerspiele" veranstaltet.

Durch reichlich Seewasser mächtig aufgepäppelt, zeigt sich die Schwentine nach ihrem Austritt aus dem Großen Eutiner See als ein gut fünf Meter breiter Fluss, auf dem Kanus, Kajaks und Ruderboote lautlos dahingleiten. Am wunderschön gelegenen "Fissauer Fährhaus" ist der Kellersee erreicht und das Flussdasein wieder beendet. Wir rollen am Seeufer zum "Uklei-Fährhaus", danach drängen Schilder ("Privatbesitz") den Wanderweg wiederholt ins Hinterland.

Durch das nördlichste Kneipp-Heilbad der Bundesrepublik Deutschland, Malente-Gremsmühlen, gelangen wir vom Kellersee an den Dieksee. Neben dem betagten "Hotel Gremsmühle" zeigt sich die Schwentine als ein putzmunteres Flüsschen. Jahrhundertelang trieb sie das große hölzerne Wasserrad der Mühle an, bevor sie sich in den Dieksee ergoss. Von der weit ausladenden, gepflegten Dieksee-Promenade bummeln wir am Rand des verschilften Seeufers nach Niederkleveez. Unweit der Anlegestelle der "Fünf-Seen-Fahrt", die eigentlich nur eine weniger werbewirksame Zwei-Seen-Fahrt ist, verkauft Fischer Schmidt fangfrische Dieksee-Aale und andere Edelfische aus den umliegenden Gewässern.

Auf schattigen Waldwegen geht es vom Behler See zum Höftsee. Nicht einmal 300 Meter Schwentine liegen zwischen diesem und dem Großen Plöner See, dann verliert sich der Fluss wieder in einem See. Der Große Plöner See ist mit 29 Quadratkilometern der größte See im Einzugsgebiet der Schwentine. Am nördlichen Ufer des bis zu 60 Meter tiefen, buchten- und inselreichen Gewässers liegt unser Etappenziel, die Kreisstadt Plön.

Aus der Vogel- oder Landkartenperspektive erscheint die mehr als 750 Jahre alte Residenzstadt Plön als eine Insel - nicht weniger als zwölf Seen begrenzen das Siedlungsgebiet auf enge Landzungen. Das alles überragende Bauwerk des seit 1236 mit dem Stadtrecht ausgestatteten Ortes ist das Schloss. Das 1633/36 im Spätrenaissance-Stil errichtete wuchtige Gebäude diente unter anderem dem dänischen König als Sommerresidenz. Von 1868 bis 1918 war im Schloss die preußische Kadettenanstalt untergebracht, in der auch die Söhne von Kaiser Wilhelm II. erzogen wurden. Von der zugänglichen Schlossterrasse hat man einen Prachtblick auf den Großen Plöner See.

Damit wir nicht vergessen, dass wir uns in einer der vielen deutschen "Schweizen" befinden - aus dem Plöner Stadtzentrum führt der Fernwanderweg steil bergan zum Parnass. Auf einer bewaldeten, 64 Meter hohen Endmoräne steht seit 1888 ein eiserner Aussichtsturm. Von hier oben können wir schon sehen, was uns bei der nächsten Etappe erwartet: eine von der Landwirtschaft geprägte hügelige Felder- und Weidelandschaft am Trammer und Kleinen Plöner See entlang zur Siedlung Wittmoldt.

Mit der Schwentine gelangen wir nach Preetz. Der heutige Luftkurort geht auf die im Jahre 1211 erfolgte Gründung eines Benediktinerinnenklosters zurück. Aufgrund großzügiger Zuwendungen durch die schleswig-holsteinische Ritterschaft und das Lübecker Bürgertum, deren unverheiratete Töchter hier bevorzugt "endgelagert" wurden, gelangte das Kloster zu erheblichem Reichtum. Nach der Reformation blieb es ein Damenstift. Heute zeigt sich das Gebäude als sehenswerte Anlage mit reich ausgestatteter Stiftskirche (1325-40).

Gleich hinter dem Klosterhof beginnt "jenes wunderreizende Thal der Schwentine", von dem der eingangs zitierte Edmund Hoefer in seinen Reisebeschreibungen in den höchsten Tönen schwärmte. Auf ruhigen Wegen begleiten wir den nun in einer reizvollen Wiesen- und Waldlandschaft mäandernden Fluss am sehenswerten Gut Rastorf vorbei durch ein ausgeprägtes Tal. Auf den letzten fünf Kilometern bis zur Mündung in die Kieler Förde ist die Schwentine schiffbar. Doch außer dem kleinen, motorgetriebenen Ausflugsboot der Familie Kühl darf der Fluss nur mit Muskelkraft befahren werden. Wir radeln natürlich lieber bis in die Landeshauptstadt.

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