Zeitung Heute : HOMBACHS VERSETZUNG: Der Mohr kann gehen

KLAUS SCHWEHN

BONN . Daß Gerhard Schröder ausgerechnet inmitten einer von mancherlei Aufgeregtheiten geprägten, mit politisch schwerer Fracht beladenen Woche seinem Kanzleramtsminister Bodo Hombach nach Ansicht vieler eine Beerdigung erster Klasse bereitet hat, zeugt nicht allein von einiger Kaltschnäuzigkeit.

Es ist vielmehr ein erneutes Beispiel dafür, wie sich dieser Kanzler, auch wenn ihm angesichts aller Affären, Fehltritte und Unzulänglichkeiten dieser Bundesregierung, trotz aller Unsicherheiten das Wasser schier bis zum Hals stehen mag, mit einem Schritt, einem Schnitt zu befreien weiß und neue Wege zu öffnen vermag. Im Falle Hombach hieß das: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Wäre er länger im Amte geblieben - er hätte zum Ballast werden können.

Bodo Hombach war für Gerhard Schröder im Vorfeld und während des Wahlkampfes zur Bundestagswahl 1998, dann in den ersten Monaten der Regierung unverzichtbar. Als Agent provocateur beispielsweise, als Mann, dem man die "Durchstechereien" zutraute, mit denen sich Schröder selbst nicht belasten mochte. Unverhohlen hat der Kanzler dieser Tage noch im Zusammensein mit den rechtsgerichteten Genossen vom "Seeheimer Kreis" davon gesprochen. Als er mahnte, es nicht immer nur dem Kanzleramtsminister anzulasten, wenn es Ärger gibt: "Wenn Bodo mit seinem Gewicht irgendjemandem auf die Füße tritt, dann war es meine Absicht". Braucht er also einen solchen adlatus nicht mehr? Ist die Aufgabe erledigt?

Es sieht so aus, und nicht nur im Blick auf die Arbeit des Trouble-shooters bei den Regierungsgeschäften. Denn so, wie Gerhard Schröder nach dem unverhofft raschen und totalen Abgang von Oskar Lafontaine in die Doppelfunktion Kanzler-SPD-Vorsitzender geriet, so verdoppelte sich auch Hombachs Aktionsradius. Einflußnahme in die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik der SPD, die Ausgestaltung einer "neuen Mitte", Schlagworte zwar, aber für viele Genossen ein rotes Tuch - und mit gehörigem Mißtrauen behaftet -, das wurde zum zusätzlich neuen Wirkungsfeld dieses Politikers. Auch hier war wieder ein Feld, das zu beackern der Durchstecherei bedurfte. Und sei es nur, um vermeintliche oder wirklich vorhandene Verkrustungen aufzubrechen. Auch hier hat Bodo Hombach als "Stellvertreter" des neuen Parteivorsitzenden emsig gewirkt; beispielsweise in den wöchentlichen vertraulichen Runden mit Fraktionschef Peter Struck und Parteigeschäftsführer Ottmar Schreiner. Hier hat er markig und zugleich verschwommen Zeichen gesetzt - zuletzt mit dem sogenannten Blair-Schröder-Papier.

Da ist manchem unter Schlagworten von der "pragmatischen Wirtschaftspolitik", dem "Verzicht auf Ideologie" und unter dem Vorwurf der "politikfernen Parteitagsbeschlüsse" erneut auf die Füße getreten worden, da wurde mancher auch unnötig vergrätzt. Für die Partei, und das hat Schröder - nachdem die nötigen Anstöße gegeben waren -, ganz rasch und deutlich verspürt, mußte diese Phase schnell beendet werden. Nunmehr braucht es schlicht mehr Sensibilität und nicht mehr "Bodo fürs Grobe".

Daraus folgert, daß nun, nachdem die Pflöcke gesetzt sind - manche mögen es gar den intellektuellen Überbau nennen -, nicht mehr der Provokateur, sondern der solide Handwerker gefragt ist. Denn jetzt muß ausgeformt und gearbeitet werden, in den Regierungsgeschäften (vielleicht mit einem Nachfolger Frank-Walter Steinmeier, dem derzeitigen Staatssekretär im Kanzleramt), wie in der künftigen politischen Gestaltung einer möglichen "neuen" SPD. Und dazu konnte Hombach nicht mehr der rechte Mann sein.

Gerhard Schröder gehört zu jenen Politikern, die in dem Augenblick, da es um sie herum allerorten brennt, den Befreiungsschlag zielsicher zu setzen verstehen. Das zeigt sich am Beispiel Hombach noch in einem dritten Punkte. Er hat ja seinen langjährigen Spezi und Kanzleramtsminister nicht einfach fallen gelassen. Er hat ihm eine neue Aufgabe zugewiesen. Die ist zwar noch nicht so richtig ausgeformt, aber es ist eine Aufgabe, die im europäischen politischen Zusammenspiel nach dem Ende des Kosovo-Krieges deutsche Verantwortlichkeit zu unterstreichen vermag. Nun schickt sich Deutschland an, zur Bewahrung dieses Friedens und zum Wiederaufbau des darniederliegenden Kosovo eine politische Potenz an die "Friedensfront" zu schicken. Das muß doch beeindrucken...

Dabei könnte es durchaus auch richtig sein, daß der "Abgeschobene" die neue Aufgabe richtig zu goutieren vermag. Jedenfalls hat er in einer ersten Reaktion auf den Schritt, auf den Schnitt, davon gesprochen. Dort im Kosovo, wo also ein neuer Stabilitätspakt wirksam werden soll, ist ungeheuere Pionierarbeit gefordert. Eine Arbeit, die nicht durch Parteitagsbeschlüsse gebremst werden kann, die viel mit der Ökonomie zu tun hat, wo es keine "Mäkeleien" um Eigenheimfinanzierungen gibt - wo der Ideenspender gefragt ist. Bodo Hombach hat viele Facetten.

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