HOMMAGE AN EINEN DICHTERFreunde lesen Wolfgang Hilbig : Der Sänger aus Meuselwitz

Michael Braun

Viele Jahre saß dieser Dichter in den Dunkelzonen von Kesselhäusern und den Restlöchern des sächsischen Tagebaus fest. Niemand wollte in dem Tiefbauarbeiter und Heizer aus Meuselwitz, den seine Vorgesetzten wegen mangelnder Arbeitsdisziplin rüffelten, einen Schriftsteller sehen. Wolfgang Hilbig quälte sich durch endlose Nachtschichten, um sich in aller Stille seiner großen Passion zu widmen – der Poesie. In diesen Wüstungen der realsozialistischen Zwangsgesellschaft entstand das Werk eines Autodidakten, dessen visionäre Kraft alles hinter sich lässt, was in den vergangenen dreißig Jahren an deutschsprachiger Lyrik geschrieben worden ist. Wolfgang Hilbig, der am 2. Juni 2007 verstorbene Traumwandler aus Meuselwitz, war ein Sänger, der noch einmal den hymnischen Tonfall seiner Vorbilder Rimbaud, Novalis und Hölderlin aufnahm und als „ungestalter gast aus dem schwarzen / und schimmernden landmeer“ die vergifteten Landschaften des Ostens beschwor.

Es ist ein großes Verdienst der von Jürgen Hosemann edierten Gesamtausgabe von Hilbigs Gedichten, die eine siebenbändige Werkausgabe eröffnet, dass sie über 150 Gedichte aus dem Nachlass erstmals zugänglich macht. Die frühesten stammen aus einem Konvolut von 53 Gedichten, das Hilbig mit „Scherben für damals und jetzt“ betitelt hatte und das von der Stasi beschlagnahmt worden war.

Hosemann stellt den Band zusammen mit Freunden und Bewunderern von Hilbigs Kunst nun vor. Es lesen Judith Hermann, Michael Buselmeier, Georg Klein, Thomas Kunst, Uwe Kolbe, Ingo Schulze, Claudia Rusch und Lutz Seiler. Michael Braun

Literaturwerkstatt, Mi 4.6., 20 Uhr, 5 €, erm. 3 €

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