Homosexuelle Akte nicht mehr "in sich böse" : Die kleine Revolution von der Bischofssynode

Die katholische Kirche versucht ihr traditionelles Bild von Ehe und Familie den veränderten Realitäten anzupassen. Wie weit ist sie bei der Bischofssynode damit gekommen?

Papst Franziskus und die Bischöfe am letzten Tag des Treffens in Rom.
Papst Franziskus und die Bischöfe am letzten Tag des Treffens in Rom.Foto: imago/Zuma Press

Drei Wochen haben sie im Vatikan getagt, 270 Bischöfe und Kardinäle aus Kurie und Welt, dazu 130 Fachleute und „Hörer“. Nun, es ist später Samstagabend, geben die deutschen und die österreichischen Bischöfe auch noch eine lange Pressekonferenz. Müde sind sie, sie wollen nach Hause. Ist es der eigenen Selbstachtung wegen, dass sie jetzt alles schönreden? Oder liegt es an der mitreißenden Eigendynamik einer stundenlangen Abstimmung, die kurz zuvor für alle 94 Paragraphen des Schlussdokuments die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit erbracht hat?

Am Mittag noch hatte der Wiener Kardinal Christoph Schönborn den Medien gesagt, sie würden „sich schwer tun herauszufinden, was außer einem großen Ja zur Familie die Botschaft dieser Synode ist“. Jetzt, am Abend, bezeichnen Schönborn und sein Münchner Kollege Reinhard Marx das Bischofstreffen als „historisch“.

Was ist bei dem Treffen herausgekommen?

Nichts Augenfälliges, auf den ersten Blick. Die Teile eins und zwei des Schlussdokuments enthalten nichts, was die Kirche nicht schon über die „Schönheit“ und die Anfechtungen des Lebens in einer katholischen Normalfamilie gesagt hätte, wenn auch gewürzt mit Wirtschaftskritik à la Franziskus: über die ungleiche Verteilung des Reichtums und über die „versteckten Armen“.

Und in Teil drei, wo es um die praktischen Folgen für die Seelsorge geht – „mutige Schritte“ hatte die erste Synodenrunde vor einem Jahr verlangt – da bricht’s gerade bei den öffentlichkeitswirksamsten und strittigsten Themen ab: homosexuelle Lebensgemeinschaften kommen lediglich in der Abgrenzung zu „richtigen“ Ehen vor, und von einem Zutritt wiederverheirateter Geschiedener zu Beichte und Kommunion steht nichts im Text. „Wir haben keine Tür geschlossen“, beteuert Kardinal Marx: „Wir als Bischöfe haben den Weg des Papstes unterstützt.“

Wollte Franziskus nicht viel weiter?

Erstaunlich wirkt, dass der Papst selbst mit dem Verlauf der Synode nicht unzufrieden scheint. Da sei so vieles aufgebrochen, sagte er den Bischöfen am Ende: die „verschlossenen Herzen“ zum Beispiel, „die sich häufig hinter den Lehren der Kirche verbergen und sich auf den Richterstuhl des Mose setzen um zu urteilen, von oben herab und oberflächlich“. Oder dieser „Rost einer archaischen, unverständlichen Sprache“. Ferner habe sich bei der Synode gezeigt, „dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist, nicht die Idee, sondern den Menschen“.

Und beim genauen Hinsehen, beim Blick auf ebenso sorgsam wie mitunter listig gewebte Feinstruktur zeigt sich, dass das Schlussdokument der Synode tatsächlich durchwirkt ist von dem, was Franziskus predigt. Gut getarnt versteckt sich dort die eine oder andere Revolution.

Worin besteht die Revolution?

Es gibt keine verurteilende Sprache mehr. Der Ausdruck „in sich böse“, wie ihn Johannes Paul II. (nicht nur) für homosexuelle Akte gebraucht hat, fehlt. Gestrichen ist die Abwertung „irregulär“ für Familienformen, die nicht dem Ideal entsprechen. Verklausuliert hat man sogar den Sündenbegriff reformiert: Bisher galten als schwere Sünder alle, die ohne Trauschein zusammenleben; jetzt räumen die Bischöfe ein, dass der Verzicht auf eine formelle Ehe „sehr oft nicht durch Vorurteile oder Widerstand gegen die sakramentale Verbindung“ motiviert sei, sondern ganz profan durch wirtschaftliche Unsicherheit oder kulturell-gesellschaftliche Umstände. Wo aber der Vorsatz fehlt, gegen die göttliche Ordnung zu handeln, gibt’s auch keine Sünde.

Die Revolution geht noch weiter: Die Bischöfe räumen ein, es könnte „Samen des Wortes Gottes“ auch in nicht lehrkonformen Partnerschaften geben. „Die Seelsorge lege in Klarheit die Botschaft des Evangeliums vor und nehme in konstruktiver Weise die positiven Elemente solcher Situationen auf, die dieser noch nicht oder nicht mehr entsprechen.“

Welche Anleitung wird den Seelsorgern gegeben?

Die Schlüsselbegriffe, die sich durch den Text ziehen, sind ganz „franziskanisch“: Die Seelsorger sollten genauer als bisher auf die konkrete menschliche, individuelle Realität schauen. „Unterscheidung / discernimento“ lautet dieses Motto. Und das zweite: „Begleiten“, nicht urteilen. Manchmal, steht im Dokument, müssten Seelsorger auch „schweigend zuhören“. Zuoberst steht der Respekt vor dem konkreten Menschen – nach dem ausdrücklich in den Text aufgenommenen Appell des Papstes: „Alle Glieder der Kirche – Priester, Ordensleute, Laien – müssen stets lernen, sich vor dem heiligen Boden der anderen die Schuhe auszuziehen.“

Für die Begleitung wiederverheirateter Geschiedener, die zu den Sakramenten gehen wollen, bekommen die Pfarrer einen Kriterienkatalog an die Hand – etwa: „Wie haben diese Leute sich in der ersten Ehe benommen, haben sie ihren Kindern, ihrem Partner geschadet?“ Es wird die Möglichkeit erwogen, dass „mancher Ausschluss solcher Personen aus kirchlichen Diensten überwunden“ werden könnte – was die deutschen Bischöfe derzeit beim Arbeitsrecht versuchen –, aber die heikelste Frage bleibt ohne Antwort: Ob ein „Weg der Buße“ tatsächlich in Beichte und Kommunion münden könnte.

Wie schwer wiegt diese fehlende Antwort?

Der Verzicht auf die entscheidende Formulierung dürfte ein Trick gewesen sein, die bei diesem Thema an Spaltung grenzenden Meinungsverschiedenheiten unter den Bischöfen zuzudecken und dem Abschnitt die nötige Zwei-Drittel-Mehrheit zu sichern. 2014 scheiterte das exakt an der Sakramentenfrage; diesmal lag man um eine Stimme über dem Quorum.

Das werten die deutschen Synodenteilnehmer als Erfolg: „Den Seelsorgern wird ein großer freier Raum eröffnet“, sagt der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. Der Theologe Aloys Buch, der zusammen mit seiner Frau Petra vom Papst zum „Hörer“ der Synode berufen worden war, sagt: „Entscheidend ist doch, dass Möglichkeiten für wiederverheiratete Geschiedene überhaupt in einem offiziellen Synodenpapier festgehalten sind; so kommt die Sache aus den Hinterzimmern ,wohlmeinender’ Pfarrer und Bischöfe heraus.“

Welche Haltung gibt es zu Homosexualität?

Eine positive Zuwendung zu Homosexuellen ist an der Unmöglichkeit gescheitert, einen weltweit gültigen und kulturen- übergreifenden Beschluss zu formulieren. Zur Synode kamen ja auch Bischöfe aus afrikanischen Ländern, in denen Homosexualität mit dem Tod bestraft wird. Die Kirche bleibe aber am Thema dran, „nur nicht in diesem Zusammenhang, wo es um Ehe und Familie ging.“ So stehen im Schlusstext nur die dürren Sätze, man müsse Homosexuellen „mit Respekt“ sowie „unter Vermeidung ungerechtfertigter Diskriminierung“ begegnen.

„Neu ist insgesamt, dass nicht Zustände festgeschrieben, sondern Wege und Prozesse eröffnet worden sind“. So begründen die deutschen und österreichischen Bischöfe ihre Zufriedenheit. Das letzte Wort hat nun der Papst. Kardinal Marx sagt, die Synode habe ihm „alle Freiheit gelassen, seinen Weg weiterzugehen“. Das war in der Tat, angesichts des konservativen, sehr aktiven Übergewichts in der Versammlung, so nicht zu erwarten.

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