Zeitung Heute : Honigsüße Mitbewohner

Die Möbel des Barcelonesers Jaume Tresserrá sind die reinsten Preziosen

Inge Ahrens

In einem feinen Viertel Barcelonas am Turó Park gelegen, hat Jaume Tresserra sein Atelier. Der attraktive 65jährige entwirft Möbel: Preziosen eigentlich. Hochpolierte Schränke aus gebeiztem mediterranen Walnussholz, Tische oder Schreibtische, die aussehen wie Schmuckkästchen mit Schubladen und Geheimfächern. Was Bulgari für den Schmuck ist, ist Tresserra für das Möbeldesign.

Jaume Tresserrás Exponate finden sich nicht nur in deutschen Museen. „Samuro“, eine Art Kommode, die innen lichtes Holz entblättert, kaufte des Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Die Münchner Neue Sammlung, das Staatliche Museum für Angewandte Kunst nahm außerdem noch den „Butterfly“ in ihre Sammlung: Ein anmutiger Schreibtisch, eine Kreuzung zwischen Spinett und Schmetterling.

Tresserrá, der ausschließlich im Auftrag fertigt, balanciert gekonnt zwischen Geschichte und eigener Phantasie. Dass er in der Kindheit durch das häusliche Art Deco sensiblisiert wurde, ist nicht zu übersehen. Perfekt, bis ins Letzte durchdacht, sind seine Kreationen, mit Schubfächern aus duftendem Zedernholz, Perlmuttintarsien und ganz biedermeierlich schwarzen Verkantungen.

Seine eleganten Mitbewohner gleichen Statussymbolen, Ausstellungsstücken. Die Kunden beten sie an und fliegen ein übern Teich für bloß ein Stück: zum Beispiel Brad Pitt oder Vater Bush aus Amerika. Der spanische Filmregisseur Pedro Almodóvar liebt Tresserrás Arbeiten und setzt sie schon mal in seinen Filmen ein. Dem humorvollen Barcelonesen Jaume Tresserá wäre weniger Anbetung lieber. „Die Stücke müssen doch Lebensspuren zeigen.“

Ehrlich gesagt, findet er die neuen Kunden etwas schizophren, um nicht zu sagen: neureich, ohne wirklichen kulturellen Hintergrund. Tresserrás Möbel sind auf jeden Fall rundum schön, eine einzige Versuchung: Plane Flächen, honigbraun süß, Türen öffnen sich per Fingerstups und offenbaren ein Innenleben voller Geheimnisse und versteckter Fächer. Hier ist ein Tüftler am Werk. Ein Spieler, und der Kunde kauft einen Lebenspartner. Immerhin kostet ein Tresserrá nicht weniger als 35 000 Euro.

Von Zeit zu Zeit macht der Designer auch Gesamtkonzepte, richtet ganze Häuser ein, Anwaltskanzleien. Wer mal gucken möchten, kann sich im Arts Hotel Barcelona an der Marina in von Tresserrá durchgestylten Wohnungen vergnügen, die sich auch nach zehn Jahren noch als edle Klassiker erweisen.

„Zuhause? Bei mir herrscht das reine Chaos“, lacht der Porschefahrer aus Leidenschaft. Jaume Tresserrá selbst lebt inmitten von Büchern und kleinen Objekten. Fernsehen, das mag er gern, „auf dem Sofa verreisen“.

Eigentlich sieht er sich ein wenig als „Opfer des Walnussholzes“. Aber die Kunden, „sie wollen es unbedingt“. Nur zu gern würde er mal tropisches Holz verarbeiten. „Aber das ist ja unmoralisch“, zwinkert er.

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