Zeitung Heute : Horch und Guck und Schreib

Der Tagesspiegel

Von Björn Seeling

Die erste Bitte gilt den Fotografen: keine Aufnahmen des Publikums. Das besteht aus älteren Damen und Herren, die allerdings eine verstörende Ähnlichkeit verbindet: ein Faible für Pastellfarben und gedeckte Töne. Lichtenberg-Look. Aus Lichtenberg kennen sich die meisten auch, denn sie waren bei der „Firma“ mit den vielen Namen, die am U-Bahnhof Magdalenenstraße ihre Zentrale hatte: Das MfS oder Horch und Guck oder Amt für Nationale Sicherheit – oder einfach Stasi. Deshalb wirkt das Fotografierverbot hier unfreiwillig doppeldeutig: „Es gibt Leute, die noch Arbeit haben. Naja, vermutlich dann doch eher als Versicherungs- denn als Stasi-Agent.

Es ist kein Geheimtreffen, das hier im ehemaligen Gebäude des „Neuen Deutschlands“, des ehemaligen Zentralorgans der ehemaligen SED, läuft. Auch wenn frühere Geheimdienstler zusammensitzen. Der Verein „Rotfuchs“, nach eigenem Bekunden ein Sammelbecken für Kommunisten, Sozialisten und andere linke Kräfte, hat zur Vorstellung eines neues Buches über das Mielke-Ministerium eingeladen. „Die Sicherheit“ heißt das zweibändige Werk, und die Autoren hatten früher in der DDR für dieselbe zu sorgen. Zwanzig führende Offiziere, darunter Mielkes Nachfolger Wolfgang Schwanitz, wollen ihre Firma ins rechte Licht rücken. Denn das MfS sei in den vergangenen Jahren „vom Gegner und den Medien aufs Übelste verleumdet“ worden, wie der ehemalige General unter zustimmendem Gemurmel des Auditoriums, „der lieben Genossinnen und Genossen“ sagt.

Wenn das Buch hält, was der Ablauf des Abends verspricht, dann wird’s wohl eine harte Bettlektüre. Schwere Träume garantiert. Denn plötzlich sind sie wieder da, die einschläfernden Endlossätze, in denen es von „Einschätzungen“, „Durchführungen von Maßnahmen“, „objektiven und subjektiven Gründen“ nur so wimmelt. Jedem klingen die hölzernen Formulierungen noch im Ohr, der in der DDR aufgewachsen ist. Der ehemalige SED-Chef von Prenzlauer Berg referiert dann noch à la „Ich liebe Euch doch alle“, dass in seinem Bezirk die „Genossen des MfS vertrauensvolle und freundschaftliche Beziehungen zu den Werktätigen des Fleischkombinats“ gepflegt hätten. Und: Er empfinde „Hochachtung für alle Mitarbeiter, die ihren Klassenauftrag erfüllt haben“. Ein anderer Ex-Parteisekretär erzählt mit anekdotischen Ausschmückungen, wie er mit einem persönlichen Anruf beim Stasi-Bezirkschef einen verhafteten Diplom-Ingenieur freipaukte: „Und dann stellte sich auch noch heraus: Sein Diplom war gefälscht!“ Grusel lange vor der Geisterstunde.

Immerhin bestehen die Genossen heute nicht mehr darauf, immer Recht zu haben. „Wir sehen uns nicht im Besitz des Wahrheitsmonopols“, sagt einer der Buchautoren. Der Leser solle sich ein eigenes Bild vom MfS machen. Dieses geht Sigrid Paul schon seit Jahrzehnten nicht mehr aus dem Kopf. Die heutige Rentnerin wurde von einem DDR-Gericht zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt und saß auch im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen, weil man ihr vorwarf, vier Studenten zur Republikflucht verleitet zu haben. Inmitten der Kollegen ihrer Peiniger stellt sie den Buchautoren kritische Fragen. Der Disput endet gespenstisch: Der ehemalige Chef des Stasi-Strafvollzugs zaubert einen fast zehn Jahre alten Zeitungsartikel über die Frau hervor, konfrontiert sie mit seiner Meinung nach falschen Aussagen. Die Zuschauer registrieren den Streit mit Genugtuung: Da ist er wieder, der Gegner, der die Tatsachen verdreht und die gute Sache in den Schmutz treten will. Sigrid Paul kann noch ein paar Sätze sagen, dann wird sie zum Schweigen gebracht. Auch andere Stasi-Opfer sitzen im Publikum, aber weiterer Widerspruch wird nicht geduldet. Ein Mann, der erregt einen der wenigen juvenilen Zuhörer als „Acht-Groschen-Jungen“ bezeichnet, wird umgehend von kräftigen Mittzwanzigern aus dem Saal expediert. Die FDJ, die Kampfreserve der Partei, hatte solche strammen Jungs früher auch.

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