Zeitung Heute : Horch, was kommt von draußen rein

SCHAUBÜHNE Regisseur David Martón lässt in „Die Heimkehr des Odysseus“ den mythischen Helden auf seine modernen Inkarnationen treffen

UWE FRIEDRICH

Immer wieder muss ein Regisseur Entscheidungen treffen. David Martón muss sich zum Beispiel entscheiden, ob es in seiner Interpretation der Barockoper „Die Heimkehr des Odysseus“ um die Reisen eines Helden gehen soll oder um die Rückkehr eines lange Verschollenen. Oder vielleicht doch besser um das im Wartestand und in Provisorien verbrachte Leben der Daheimgebliebenen. Und ob er nach einer anstrengenden Probe lieber Wasser, Saft oder Kaffee trinken möchte. Manche Entscheidungen sind einfach, andere sind naturgemäß schwieriger zu treffen. In seinen Bühnenarbeiten lässt David Martón sich dabei immer von der Musik leiten, schon bei der Auswahl der Stücke, die ihn interessieren. In Hamburg hat er kürzlich Monteverdis „Krönung der Poppea“ inszeniert und wusste bereits während dieser Arbeit, dass der frühbarocke Erfinder der italienischen Oper ihn nicht loslassen würde. „Rückkehr ist auch im ,Odysseus’ ein Thema. Man kann eigene Fehler korrigieren und noch einmal neu über die Musik nachdenken.“

Bloss kein Cross-Over!

Weil damals nur sehr wenig in den Partituren aufgeschrieben wurde, hat der Regisseur und musikalische Leiter David Martón alle Freiheiten im Umgang mit dem Stück, muss aber schon wieder Entscheidungen treffen. Dabei verlässt er sich auch auf die Einfälle seiner musikalischen Mitstreiter. Diesmal ist auch wieder der finnische Jazz-Gitarrist Kalle Kalima dabei. Den hat Martón zum ersten Mal in einem Konzert erlebt, das er eigentlich wegen eines anderen Musikers besucht hat. Sofort war er fasziniert von dem Gitarristen und hat nur noch ihm auf die Finger geschaut. Nun soll aber niemand glauben, hier werde auf das inzwischen auch schon wieder leicht altmodische „Cross-Over“ gesetzt. „Mal eben ein bisschen Jazz und Klassik mischen, das finde ich widerlich“, stellt Martón klar. Bei Monteverdi gehe es vielmehr darum, einen möglichst farbenreichen Klang zu erzeugen. Schließlich haben sich die improvisierenden Musiker damals auch nicht auf einige wenige Harmonien beschränkt, die dann immer gleich klangen. Kalima lässt seine Gitarre mal wie eine Barocklaute klingen, dann wieder wie ein ganz modernes Instrument. Das muss nicht immer schön klingen und das muss nicht immer dem entsprechen, was der durchschnittliche Operngänger erwartet.

Gerade in der Oper geht es nach Martóns Meinung ohnehin viel zu oft darum, was man vermeintlich darf oder nicht darf. Bei seinen Regiekollegen beobachtet er ein geradezu schizophrenes Pendeln zwischen pubertären Ausbruchsversuchen aus dem Genre und einem ausgeprägten Hang zur Beckmesserei. Selbst bei ausdrücklichen Experimenten schwingen sich Geschmacksrichter auf, die wissen, wo’s langt. Wenn schon Experiment, dann aber mit Schauspielern, keinesfalls mit Opernsängern. „Das ist natürlich vollkommen blödsinnig“, echauffiert sich Martón. Dem ausgebildeten Pianisten und Dirigenten geht es nie um die akademischen Regeln, sondern immer darum, eine musikalische Form zu finden. Da gibt es Opern, die mit Schauspielern machbar sind und Opern, bei denen das nicht funktioniert, weil die großen, ausgebildeten Singstimmen unverzichtbar sind. „Aber man muss nicht mal singen können“, betont Martón. „Gerade das Nicht-Singen-Können kann sehr aufregend sein. Wenn der Darsteller sich gut überlegt hat, was er da auf der Bühne macht.“

Suchen und irren

Spätestens mit seinem „Don Giovanni“ an den Sophiensälen wurde der 35-jährige Ungar zum Geheimtipp einer notorisch auf neue Talente wartenden Musiktheaterszene. Tatsächlich kamen Angebote großer Opernhäuser, aber schnell merkte der Regisseur, dass es nur um Äußerlichkeiten ging. Er sollte das „experimentelle Marktsegment“ bedienen, ohne dass sich die Intendanten überlegt hatten, warum so etwas überhaupt an ihrem Haus geschehen sollte. „Alles ist doch experimentell“, sagt Martón. „Jede Aufführung ist ein Experiment, auch wenn das Ergebnis noch so konventionell ausfällt. Zwanghaft experimentieren zu wollen, finde ich ganz dumm. Vielleicht hätte ich ja Lust gehabt, mit den wunderbaren Musikern an einem großen Opernhaus mal etwas ganz Unexperimentelles zu machen.“

Seit etwa sechs Jahren ist David Martón auf der Suche nach dem idealen Musiktheaterabend. Langsam wird ihm klar, dass er ihn wahrscheinlich nie finden wird, weil das Leben schneller ist als unsere Wünsche und Vorstellungen. Die eigene Sehnsucht hat uns schon lange überholt, wenn wir das Erstrebte endlich genießen könnten. Manchmal sieht das Publikum auch ganz andere Dinge in einer Inszenierung als der Regisseur sich vorstellte, und häufig verändert sich das Thema während der Arbeit am Werk. In der „Heimkehr des Odysseus“ werden den Opernfragmenten von Monteverdi andere Texte hinzugefügt, außerdem sollen Szenen ohne Texte und ohne Musik die Zuschauer zum Nachdenken anregen. Und wieder vergeht die Zeit, in der wir auf jene großen Entscheidungen warten, die wir doch selber treffen müssen. Sind wir auf der Reise wie Odysseus? Im Wartestand wie Penelope? Antworten sollten wir von David Martón nicht erwarten. Nur die richtigen Fragen.

UWE FRIEDRICH

Premiere 22.1., 20.30 Uhr

auch 23./24. und 30./31.1.

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