Zeitung Heute : Horizonte erweitern

Gute Gründe, das Studium um ein, zwei Semester zu überziehen

Ursula Hans

„Durch einen Auslandsaufenthalt gibt man dem Arbeitgeber Signale“, sagt eine Juristin bei einer Veranstaltung der Weltbank. Ob eine wissenschaftliche Karriere angestrebt werde oder eine Tätigkeit in der Wirtschaft: Wer Netzwerke knüpfen könne und in einer anderen Kultur „funktioniert“ habe, sei im Zweifelsfall der interessantere Kandidat. Nicht immer ließe sich die Auslandserfahrung in bare Münze umsetzen, aber sie könne für die Karriere eine Richtungsentscheidung sein.

„Nicht jeder will internationale Karriere machen“, meint ein Promotionskandidat der Geschichte in einer Beratung in der Abteilung Internationales der Humboldt-Universität. Er wollte wissen, ob es für seine wissenschaftliche Karriere unerlässlich sei, während der Promotionsphase ins Ausland zu gehen. Die Antwort liegt auf der Hand – auch wenn sie den jungen Mann ein bisschen unter Druck setzte: Auch diejenigen, die keinen Auslandsaufenthalt gewagt haben, müssen später bei internationalen Kontakten interkulturelle Kompetenzen unter Beweis stellen, die andere während einer Auslandsphase nebenbei erworben haben.

Denn Auslandsaufenthalte sind Studien- und Erfahrungsaufenthalte. Es gibt viele Gründe, warum sie während des Studiums förderlich sind. Die Studierenden lernen im Alltag und an der Universität, eine Fremdsprache flüssig zu sprechen und zu schreiben und sie erschließen sich andere Perspektiven auf den eigenen kulturellen und wissenschaftlichen Kontext.

Reisen bildet – aber das gilt nicht für alle Reisen. Es ist aber vor allem die zielgerichtete Lernperspektive, die einen Studienaufenthalt und eine Forschungsreise von all den anderen Auslandsaufenthalten unterscheidet: Junge Wissenschaftler tanken Selbstbewusstsein, beginnen Netzwerke aufzubauen und lernen neue Systeme kennen. Fast alle diese Dinge könnte man natürlich auch zu Hause erfahren. Immerhin ist Berlin eine sehr internationale Stadt. Es ist jedoch einfacher, sich vom eigenen Kontext zu lösen, Distanz zur eigenen Kultur zu bekommen, wenn man sich auch räumlich von ihr löst.

Für ein Auslandssemester sprechen auch Studien, die besagen, dass mehr Unternehmen als je zuvor ihre Mitarbeiter kurzzeitig ins Ausland schicken. Sie erwarten sofortige Einsatzbereitschaft. Der Erfolg solcher Dienstreisen hänge häufig von weichen Faktoren wie interkultureller Erfahrung ab.

Für Wissenschaftler ist das Fehlen von Auslandserfahrungen noch gravierender. Viele Forschungsgruppen sind international zusammengesetzt. Zudem stehen viele Forschungsgelder nur internationalen Konsortien offen. Dabei basiert das Vertrauen unter den beteiligten Wissenschaftlern, das für den Erfolg der Zusammenarbeit notwendig ist, immer auf persönlichen Kontakten. Und die baut man sich am besten bei Forschungsreisen auf; Auslandssemester im Studium sind dafür ein exzellentes Fundament.

Bachelor- und Master-Studiengänge haben ein strenges Zeitkorsett. Nur in den wenigsten Fällen ist Raum für Auslandsaufenthalte von vornherein eingeplant. Die Studiengänge sind häufig so dicht mit akademischen Anforderungen gefüllt, dass Studierende glauben, diese nur erfüllen zu können, wenn sie an der Heimatuniversität bleiben und „durchstudieren“. Sobald eine Überschreitung der Regelstudienzeit droht, fürchten sie Probleme beim Start ins Arbeitsleben.

Tatsächlich aber ist ein Auslandsaufenthalt ein guter Grund, um ein, zwei Semester zu überziehen! Denn Initiative, Sprachfähigkeit und Netzwerke sind beste Grundvoraussetzung für wissenschaftlichen und beruflichen Erfolg.

Die Autorin ist Leiterin der Abteilung Internationales an der HU.

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