Horror Eigenheim : Auf Wasser gebaut

Eine Familie mit zwei Kindern verwirklicht ihren Traum vom eigenen Haus. Unfassbar, was bei einem so kleinen Neubau alles schiefgehen kann. Ein Katastrophenbericht.

Julia Karnick
Dunkler Fleck.
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Was bisher geschah: Schatz, wir machen nicht ewig unseren Vermieter reich! Bald ist ein altes Haus zum Kauf gefunden, die junge Architektin rät zu Abriss und Neubau, das Abrissunternehmen vergisst die Gartenmauer, der geplante Keller muss wegen „schluffiger Sande“ ausfallen, das Amt vermutet Blindgänger auf dem Grundstück, der Handwerker vergisst den Anschluss für die Dusche... Dann: der Einzug!

Am Samstagvormittag entdecke ich an einigen Wänden im Eingangsflur, unmittelbar über dem Fußboden, seltsame Ränder. Im ersten Augenblick hoffe ich, dass nur die Wände nicht sorgfältig gestrichen worden sind. Katja, die Architektin, meint, es seien Wasserränder.

„Und wie soll das Wasser aus der Küche hier nach vorne zum Hauseingang gelangt sein?“, frage ich. „Vielleicht ist das Fundament nicht ganz eben, und das Wasser rinnt vom Sanitärschacht unter dem Linoleum hierher und zieht die Wand hoch“, rätselt Katja.

Wasser ist der größte Feind des Architekten, lautet ein Sprichwort. Es fließt, wohin es will, aber es ist oft schwer herauszufinden, woher es kommt.

In der Küche tropft es immer schneller, inzwischen ist auch an der Decke über dem Kamin ein dunkler Fleck erschienen. Katja ruft Herrn Krummwinkel an. Er kommt widerwillig um drei Uhr nachmittags. Schließlich hat er eine Frau, zwei Kinder und Wochenende. Aber immerhin ist er gekommen. Herr Krummwinkel verzieht sich in das vor nicht einmal 48 Stunden fertig geflieste Kinderbad und beginnt, rund um den Duschablauf die Bodenfliesen zu entfernen. Nach einer halben Stunde ruft er mich ins Bad.

„Hier ist irgendwo was“, sagt er und patscht mit der flachen Hand auf den freigelegten Estrich um den Duschablauf Richtung Toilette. „Feucht, in Richtung Klo immer feuchter.“

Herr Krummwinkel ist zwar immerhin gekommen, aber möchte so schnell wie möglich wieder gehen: „Da muss ich wohl die Vorsatzschale aufstemmen, aber da habe ich nicht das richtige Gerät mit dabei, und das schaffe ich auch gar nicht, so allein. Das mache ich Montag.“

Dann packt er seine Sachen zusammen und geht, und das Schlimmste ist: Ich lasse ihn gehen. Ich weiß bis heute nicht genau, warum ich mich nicht vor ihm in die Tür geschmissen und geschrien habe: „Halt! Sie bleiben gefälligst, bis Sie das Leck gefunden haben, und wenn das bis morgen früh um sechs dauert!“

Ich nehme an, es war meine Psyche, die mich davon abhielt, weil sie immer noch nicht bereit war, der ganzen Wahrheit ins Auge zu blicken. Meine Psyche, die Verdrängungsmeisterin, flüsterte: „Nun werd bloß nicht albern, der Mann ist vom Fach, der wird schon wissen, was er tut.“

Am Sonntagvormittag – mein Mann will gerade wieder aufbrechen in die alte Wohnung und weiterstreichen – entdecke ich, dass die Wasserränder an den Wänden viel breiter sind als am Vortag. Mir wird schwindelig, ich muss mich auf die Treppe setzen und die Augen schließen. Ich sehe hinter verschlossenen Lidern: ein Haus, in dem das Wasser höher und höher steigt. Überall ist Wasser, auch um das Haus herum, das Haus ist umgeben von einem Meer. Das Haus beginnt zu schwimmen, es schwimmt weg von dort, wo es zu stehen hat.

Ich fange an zu schreien. „Das Wasser, es wird immer mehr und mehr, wir müssen etwas unternehmen! Tu was, mach, dass das mit dem Wasser aufhört!“ Mein Mann sagt: „Ich muss jetzt erst mal streichen, ich rufe nachher Herrn Krummwinkel an!“

Ich schreie, und während ich schreie, heule ich: „Nachher ist es zu spät! Das Haus schwimmt weg, merkst du das nicht! Alles geht kaputt, der Boden, die Wände, die Möbel, unser ganzes nagelneues Haus, unser ganzes Leben geht kaputt, alles umsonst, alle Mühe, die ganzen letzten Monate! Wenn du nichts tust, drehe ich durch!“

„Ok, ok, schon gut“, sagt mein Mann. „Ich rufe Herrn Krummwinkel an, jetzt sofort.“ Herr Krummwinkel sagt zu meinem Mann: „Es hat ja auch wieder geregnet.“ Da wird mein Mann etwas lauter. Herr Krummwinkel sagt: „Na gut, Montag um sechs stehe ich auf der Matte, Ehrenwort.“ Da fängt auch mein Mann an zu schreien.

Ein paar Stunden später ist Herr Krummwinkel da. Als Erstes dreht er den Hauptwasserhahn ab: Das Tropfen wird weniger. Warum hat der Sanitärinstallateur Herr Krummwinkel den Hauptwasserhahn nicht schon am Donnerstag zugedreht? Dann sägt Herr Krummwinkel die frisch geflieste Trockenbauwand im Kinderbad auf. Spätnachmittags um sechs kommt er zu uns und verkündet mit einem hörbaren Anflug von Stolz: „Ich hab’s. Ein undichtes Frischwasserrohr. Jetzt isses aber dicht, das garantiere ich Ihnen persönlich.“

Um acht Uhr abends hört es in der Küche auf zu tropfen. Mein Mann sagt: „Halleluja. Und übrigens: So laut wie vorhin habe ich dich in 20 Jahren noch nicht schreien hören. Das einzig Gute daran: Endlich war ich mal nicht schuld.“ Ich kann schon wieder lachen, gehe nach oben und nehme ein heißes Bad. Dann falle ich ins Bett.

Am Montagmorgen stehe ich wieder auf, mein Mann ist schon zur Arbeit gefahren. Irgendwann nach dem Aufstehen gehe ich ins Gäste-WC, das – wie es sich gehört – gleich hinter dem Hauseingang liegt. An der Wand unter dem Waschbecken verlaufen Wasserspuren bis zum Fußboden. Auf dem Fußboden steht eine große Pfütze. Ich wische sie auf.

Um zehn erscheint wie angekündigt der Installateur, Herr Tiedemann, einen ebenfalls schnauzbärtigen Herrn im Anzug an seiner Seite. Der Herr im Anzug ist Schadensachverständiger. Er arbeitet in dem Versicherungsmaklerbüro, über das Gebr. Nadler seine Betriebshaftpflichtversicherung abgeschlossen hat.

Die beiden Männer lassen sich von mir durchs Haus führen und alle bereits sichtbaren Wasserschäden zeigen. Der Versicherungsmann kündigt an, dass morgen der Mitarbeiter einer Trockentechnikfirma kommen, das Haus untersuchen und die nötigen Trocknungsmaßnahmen einleiten wird. Herr Tiedemann stammelt eine Entschuldigung.

Normalerweise bin ich ein gutwilliger Mensch, ein wenig aufbrausend manchmal, aber leicht zu besänftigen mit ein paar freundlichen Worten. Herr Tiedemann jedoch besänftigt mich gar nicht, sein Anblick und sein Gestammel machen mich so wütend, dass ich ihn am liebsten ohrfeigen möchte.

„Wissen Sie was?“, sage ich. „Es hilft mir leider gar nichts, dass Ihnen auf einmal leidtut, was Sie in den letzten Monaten vermasselt haben. Klar, ein Fehler kann jedem unterlaufen. Aber das hier ist nur einer von unzähligen Fehlern, die Sie ständig gemacht haben – kein Wunder, dass jetzt auch noch so was passiert ist. Wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn das Haus, das man gebaut hat, nicht mal einen Tag lang in Ordnung ist?“

Während ich rede, fängt meine Stimme an zu zittern, meine Augen werden feucht, der Versicherungsmann setzt eine professionell-mitfühlende Miene auf: Ich bin natürlich nicht die erste, sondern mindestens die tausendste Hausbesitzerin am Rande des Nervenzusammenbruchs, mit der er zu tun hat.

„Eins noch, bevor Sie gehen“, sage ich zu Herrn Tiedemann und führe ihn ins Gäste-WC. „Heute Morgen stand hier eine große Pfütze, und da waren Wasserstreifen vom Becken bis zum Boden. Wissen Sie, woher die kommen könnten?“

„Da fehlt ja noch die Silikonfuge am Waschbecken“, sagt der Herr im Anzug.

„Die Pfütze war riesig“, sage ich, „und gestern Abend noch nicht da, die hat sich über Nacht gebildet. Nachts wäscht sich hier keiner die Hände. Ich habe gebadet, ich hoffe, das hat nichts damit zu tun.“

„Nee, kann ich mir nicht vorstellen. Ich habe jetzt kein Werkzeug mit“, sagt Herr Tiedemann. „Ich schicke Herrn Krummwinkel morgen.“

Den Rest des Tages verbringe ich in der alten Wohnung, die ich gemeinsam mit unserer Haushaltshilfe putze. In vier Tagen ist Wohnungsübergabe, bis dahin muss alles sauber und geräumt sein. Ich putze bis zum Umfallen, dann gehe ich in die Apotheke und kaufe ein Fläschchen Baldriantropfen. Zu Hause packe ich noch ein paar Kartons aus, koche etwas und abends nehme ich wieder ein Bad.

Am nächsten Morgen steht erneut eine Pfütze im Gäste-WC. Herr Krummwinkel kommt kurz nach dem Trockentechniker. Während der Techniker mit einem Messgerät durchs Haus rennt und die Feuchtigkeit misst, macht sich Herr Krummwinkel im Gäste-WC zu schaffen. Nach einer halben Stunde kommt er zu mir und sagt, diesmal nicht stolz, sondern betreten: „Ich hab’s, ein angebohrtes Heißwasserrohr.“

Im Gäste-WC ist die Wand unter dem Waschbecken aufgemeißelt. In dem Loch sieht man ein Kupferrohr mit einer kleinen Beule. Kupfer, so erklärt mir der Trockentechniker später, reagiert auf geringste Temperaturunterschiede. Dieses Rohr hat außer der Beule, die ein abgerutschter Bohrer verursacht haben muss, wahrscheinlich nur einen Haarriss davongetragen. Das heiße Wasser, das ich an den zwei vorhergehenden Abenden aus der Badewanne abgelassen habe, ist durch ein Abwasserrohr im Gäste-WC geflossen. Seine Wärme könnte auf die umliegenden Wände abgestrahlt und ihre Temperatur minimal erhöht haben, so dass sich das Kupfer ausdehnen, der Haarriss vergrößern und Wasser über Nacht entweichen konnte.

Die feuchten Wände im Eingangsflur und im Wirtschaftsraum stammen gar nicht vom Wasserschaden im Kinderbad, berichte ich meinem Mann: Sie stammen von einem zweiten Wasserschaden im Gäste-WC. „Zwei Wasserschäden. Das glaubt uns keiner“, sage ich. „Ich kann’s ja selbst kaum glauben“, sagt mein Mann.

Es ist später Abend, wir sitzen auf dem Balkon, es ist warm draußen. Die Kinder schlafen schon, und zwar auf den Matratzen, die wir aus ihren Zimmern in unser Schlafzimmer getragen und um das Ehebett herum auf den Boden gelegt haben. Im Schlafzimmer sieht es jetzt aus wie in einem Flüchtlingslager.

Neben dem Schlafzimmer und dem Elternbad ist der Balkon der einzige Platz, an dem man sich einigermaßen unterhalten kann. Im restlichen Haus stehen überall Trockengeräte, die laut ihre Aufgabe verrichten. Wenn sie rund um die Uhr laufen, schätzt der Trockentechniker, könnte das Haus nach zwei bis drei Wochen trocken sein. Wenn wir sie nachts ausschalten, wird es fast doppelt so lange dauern.

Fast der gesamte Estrich und zahlreiche Wände im Haus sind feucht. Zwischen den Trockengeräten liegen Schläuche, manche führen von einem Zimmer ins nächste, so dass man die Türen nicht schließen kann. Durch die Schläuche wird heiße Luft in den Boden gepustet. Um die Eichendielen im Obergeschoss zu schonen, hat der Trockentechniker versucht, die heiße Luft an möglichst vielen Stellen in die Ritze zwischen Dielen und Wand in den Estrich zu leiten. Dafür musste er einen Teil der Fußbodenleisten entfernen.

Im Zimmer unseres Sohnes, das gleich neben dem Kinderbad liegt und dessen Boden besonders feucht ist, musste er ein Loch in den Holzboden bohren und dort einen Schlauch einführen. Im Erdgeschoss sind überall Löcher im Estrich, in denen Schläuche stecken. Um sie bohren zu können, musste das Linoleum zerschnitten werden. Als der Trockentechniker das Tapeziermesser ansetzte, bekam ich einen Kloß im Hals und feuchte Augen.

Ich hatte mich vor dem Umzug an den Gedanken gewöhnt, dass es das perfekte Haus nicht gibt. Aber das ist doch ein bisschen happig. Unser neues Haus ist keine vier Tage alt, und schon sieht es aus wie ein Patient auf der Intensivstation. Ich nehme noch einmal Baldrian, bevor ich schlafen gehe.

Dieser (gekürzte) Vorabdruck ist dem Buch „Ich glaube, der Fliesenleger ist tot!“ (Blanvalet, 19,90 Euro) entnommen, das ab 17. April zu kaufen ist. Die Autorin lebt mit Familie in Hamburg, Probleme mit dem Haus hat sie bis heute.

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