Horst Seehofer : Der Familien-Minister

Wochenlang ging seine Affäre durch die Medien. Jetzt hat sich Horst Seehofer entschieden - gegen die Geliebte, für seine Frau. „’s hilft ihm auch nicht direkt“, sagen sie in Bayern

Robert Birnbaum[Feldkirchen]

Ordentliches Mitglied in der „Krieger- und Reservistenkameradschaft Feldkirch-Gundhöring“ zu werden ist so ganz einfach nicht. Die Satzung aus dem Jahre 1907 verlangt in recht strengem Tone, dass das Mitglied „ehrenvoll dem Militärstande“ anzugehören, mindestens aber „gute Vorliebe zu demselben“ zu hegen sowie einen „guten Leumund“ aufzuweisen habe. Über die Zuneigung des Horst Seehofer zum Militär ist wenig aktenkundig, aber was den Leumund angeht, ist der Ehrengast des 100. Gründungsfestes ja wieder auf der sicheren Seite. Ganz am Ende wird er das Thema im Festzelt selbst ansprechen. „Ich bin froh, dass ich eine gesunde Tochter habe“, krächzt Seehofer mit vom Reden rauer Stimme. Dass er die Verantwortung für all seine vier Kinder habe, auch das jüngste, und diese Aufgabe erfüllen werde. „Auch das wollt’ ich Ihnen vermitteln.“

Die gut 1300 Festgäste nehmen es ohne größere Regung zur Kenntnis, wie Seehofers ganze Rede. Es ist ein schwieriges Publikum. Feldkirchen liegt bei Straubing, also in Niederbayern. Die Niederbayern sind die Ostwestfalen des Südens; starkschädelige Typen, die mit Applaus geizen und einen Dialekt reden, der garantiert, dass sie unter sich bleiben. Zu allem Überfluss ist Niederbayern das Land des Erwin Huber. „Für meine Verhältnisse haben Sie mich ungewöhnlich freundlich begrüßt“, witzelt Seehofer, was immerhin hier und da im Saal einen Ansatz von Gelächter hervorruft.

Horst Seehofer hat es aber sowieso schwer. Er will CSU-Chef werden. Die Zahl derer, die das gleichfalls wünschen, erscheint arg überschaubar. Genauer gesagt gibt es auch hinter vorgehaltener Hand keinen von Gewicht in der CSU, der sagt, der Horst wird’s, hingegen sehr viele, die mehr oder weniger offen den Konkurrenten Erwin Huber zum klaren Favoriten erklären. Die Zahl der Horst-Anhänger ist nicht größer geworden durch das schwierige halbe Jahr, in das er sich zwischen Ehefrau und Freundin, zwischen drei ehelichen und dem unehelichen Kind gebracht hat. Dass er sich jetzt entschieden hat, für die Ehefrau – „jo mei“, sagt ein Parteifreund, „’s hilft ihm jetzt auch nicht direkt.“ Da der Mann seine Partei kennt und nicht zu Hubers glühenden Anhängern zählt, wird er recht haben. Seehofer hat mit der Klärung seiner privaten Verhältnisse Ballast abgeworfen. Doch das verhindert vorerst nur, dass sein Ballon weiter sinkt.

Eine Entwicklung übrigens, die auch ausgesprochene Huber-Anhänger mit Erleichterung aufnehmen. Unter den Freunden des bayerischen Wirtschaftsminister gibt es nämlich zwei Schreckensszenarien. Das eine lautet: Beim Parteitag am 29. September gewinnt der Seehofer durch einen blöden Zufall doch. Das zweite: Der Seehofer fällt bei den Delegierten derart furchtbar durch, dass er nur hinschmeißen kann, den Vize-Parteivorsitz, das Berliner Ministeramt, alles. Dann wäre er zum Beispiel frei für den Bundesvorsitz des Sozialverbands VdK. Amtsinhaber Walter Hirrlinger ist gerade 81 geworden, er geht 2009 endgültig in Rente. Nach der letzten bitteren Niederlage, im Streit um die Gesundheit, war Seehofer kurzzeitig Bayern-Chef des VdK. Ein Seehofer, der im Namen der sozialen Gerechtigkeit die Regierenden in Bund und Ländern kritisiert, wäre so etwas wie die bürgerlich-gesellschaftsfähige Variante von Oskar Lafontaine. Deshalb hat sich beiläufig die gesamte CSU-Prominenz schon bei ihm erkundigt, ob er bleibt, auch wenn er verliert. Aktueller Stand: Er sagt, er bleibt.

Was übrigens den Ballast angeht: Der bestand nicht darin, dass er eine Freundin hatte – die CSU ist seit Franz Josef Strauß viel gewohnt und ordnet derlei unter die lässlichen Verfehlungen ein. Nein, der Ballast bestand darin, dass Seehofer, kaum dass die Affäre von „Bild“ hinausposaunt war, allen versichert hat, er werde die Verhältnisse klären, in ein, zwei, spätestens drei Wochen.

Das war nicht nur vorschnell, sondern überhaupt eine ausgemachte Dummheit. Statt zu sagen: Das ist privat, das geht keinen was an – hat er das üble Spiel mitgespielt. Er hat die Enthüllung obendrein zur Verschwörung von Parteifeinden erklärt. Er hat damit das Private selbst politisch gemacht. Hat er gedacht, er kann das Spiel besser? Hat deshalb die berüchtigten Sätze gesagt, dass er viel wisse und viel Material habe – was wie ein Erpressungsversuch des Sünders gegen andere, bisher unentdeckte Sünder klang? Hat er wirklich geglaubt, er könne solche Sätze einem Journalisten sagen, ohne dass sie gedruckt werden? Das wäre Eitelkeit. Eitelkeit zählt zu den sieben Todsünden. Vielleicht ist schon deshalb nie Mitleid mit ihm aufgekommen.

Dass Seehofers Ballon in den verbleibenden drei Monaten noch in steilen Steigflug übergeht, glaubt praktisch keiner. Ob er selber es glaubt? In Feldkirchen zeigt er auf das volle Zelt. „Meine Motivation sind die Menschen.“ Volle Bänke überall. Huber war neulich in Oberbayern am Irschenberg, da waren hundert Leut’; kurz darauf bei Seehofer an die tausend.

Im Zelt im Huberland hat der Bundeslandwirtschaftsminister sehr lange über Landwirtschaft gesprochen und gar nichts von „Parteivorsitz“ gesagt, ist nur am Schluss verschlüsselt auf „das, was ansteht Ende September“ zu sprechen gekommen. „Diese CSU ist ein Teil meines Lebens“, hat er gesagt. Und dass eine Kampfkandidatur demokratische Normalität sei. Keine Reaktion im Saal. Der Bundestagsabgeordnete Ernst Hinsken hat abschließend den Wunsch geäußert, dass der Gast noch viele Jahre Bundesminister bleiben möge, und hat ihm als Geschenk eine Flasche Magenbitter überreicht.

Beides war möglicherweise gar nicht anzüglich gemeint. Aber andererseits – in der CSU wird im Moment so vieles zwischen den Zeilen mitgeteilt! Zum Beispiel hat Edmund Stoiber dieser Tage eine Prognose über seine eigene Nachfolge abgegeben. Das war nach seinem Treffen mit Wladimir Putin in Moskau. Stoiber hat danach ausführlich erläutert, wieso er neben Huber auch den CSU–Landesgruppenchef Peter Ramsauer mitgenommen hatte. Der werde, führte Stoiber aus, künftig als wichtigster „Player“ der CSU in Berlin die Außenpolitik der Koalition mit gestalten. Weshalb er, Stoiber, das Erbe von Strauß und Stoiber in Ramsauers Hände lege. Das war eine Gemeinheit gegen Huber. Außenpolitik ist in der CSU immer Parteichefsache. Doch in Stoibers Testament steckt eine zweite Botschaft, vielleicht gegen seine Absicht. Einen Statthalter in Berlin braucht die CSU nämlich nur, wenn der Chef in München sitzt. In München sitzen will, jedenfalls bis 2009, Erwin Huber. Woraus folgt: Nicht mal mehr Stoiber glaubt noch an Seehofer.

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