Zeitung Heute : Hosen umnähen

Ariane Bemmer

Wie eine Westberlinerin die Stadt erleben kann

Zu meinem größten Verdruss bekamen wir Kinder früher fast alle Kleider, Röcke und Hosen von unserer Mutter genäht. Man musste zum Anprobieren auf dem Stuhl stehen und es hat gepiekst. Als Jugendliche sparte ich dann Taschengeld und ging geringfügigen Beschäftigungen nach, so dass ich mir Hosen kaufen konnte. Leider war es schon damals so, dass besonders Jeans, die gut sitzen, schwer zu finden waren. Ich kaufte also Jeans, die nur ungefähr passten und forderte von meiner Mutter, sie passend zu machen, worauf die mir einen Vogel zeigte. Eines Nachmittags, als meine Mutter nicht da war, nahm ich mir ihre Nähmaschine und machte mich daran, meine gekaufte Jeans selber enger zu machen. Ich stopfte den schweren Stoff zwischen Nadel und Nähbrett und trat mit dem Fuß auf das Nähmaschinenpedal, ganz so, wie ich es bei meiner Mutter immer gesehen hatte. Die Nadel sauste los, einmal quer übers Bein, wo der Faden ein dickes Knäuel bildete. Ich schrie auf und riss und zerrte die Hose aus der Maschine, bis die Nadel brach.

In den Jahren danach habe ich meine Schneidertätigkeit eingestellt, Jeans waren eine lange Zeit auch nicht besonders wichtig, alles war perfekt. Doch jetzt sind sie längst wieder da und sie sitzen wieder nicht. Ich kaufte also eine, die zu lang war, die wollte ich kürzen. Dafür musste ich Nadel und Faden kaufen. Beide Artikel fallen unter den rätselhaften Fachbegriff Kurzwaren. Ich fand in einer Kurzwarenabteilung ein Nähset mit vielen Fäden und vielen Nadeln zum Spottpreis von 1,49 Euro.

Als ich die Nadeln aus ihrer Plastikverpackung holen wollte, explodierte die und 40 Nadeln flogen durch die Küche. Dann versuchte ich vergeblich, einen Faden einzufädeln. Zu guter Letzt nahm ich die Schere und schnitt die Hose unten einfach ab. Ist hier schließlich Berlin, hier werden Trends gemacht, und ich würde ausgefranste Hosen für „wieder modern“ erklären. Wie durch Zufall trug ich diese Hose, als meine Mutter mich sah und sie sagte: Kind, wie läufst du rum, komm, ich näh dir die Hose schnell um. Nun sind wir quitt.

Wer keine nähende Mutter hat, kann seine Hose zum Schneider bringen. In der Kleiderklinik, Gneisenaustraße 55, Kreuzberg, kostet Umnähen sieben Euro – und die Hose sieht hinterher immer noch aus wie gekauft.

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