Zeitung Heute : Hotelsterben im Heiligen Land

Mehr als ein Jahr nach Beginn des Aufstands der Palästinenser und zwei Monate nach den Terroranschlägen in den USA steht der Tourismus im Heiligen Land vor dem Ruin. Der Pilgerstrom, der sonst im Herbst und um die Weihnachtszeit die Kassen der Hotel- und Restaurantbesitzer in Israel und den Palästinensergebieten füllte, ist angesichts der Angst vor unberechenbarer Gewalt und dem Fliegen praktisch versiegt. "Es ist eine absolute Katastrophe", sagt Rafi Wiener, Manager des Sheraton- Konzerns in Israel. "Die ganze Industrie ist am Ende."

In den Palästinensergebieten sind inzwischen acht von zehn Angestellten in der Tourismusbranche ohne Job. Nach dem "heiligen" Rekordjahr 2000 wurden in Israel nach offiziellen Angaben mehr als 40 000 Menschen arbeitslos. Das sind zwei Prozent aller Beschäftigten. In den ersten sieben Monaten des Jahres fiel die Zahl der ankommenden Touristen um mehr als 50 Prozent auf rund 790 000. Seit Beginn der Intifada verlor die Industrie, die im Jahr 2000 mit Einnahmen von 4,5 Milliarden US-Dollar (9,8 Milliarden Mark) noch zehn Prozent zum Bruttosozialprodukt beitrug, knapp zwei Milliarden US-Dollar.

Seit Oktober 2000 schlossen in Israel mehr als 30 Hotels. Viele andere, vor allem die kleineren Pensionen, lägen in einem "künstlichen Koma", sagt Wiener. Oft halte nur noch die Familie des Besitzers den Betrieb aufrecht. Die Zimmerpreise sanken zum Teil um mehr als die Hälfte. Hotelbesitzer nennen das den "Arafat-Discount".

"Doch seit dem 11. September ist alles noch viel schlimmer geworden", sagt Wiener. "Erst die Intifada, dann der Terror in den USA, dann der Abschuss der sibirischen Maschine durch die Ukraine; es ist einfach verheerend." Im September sank die Bettenbelegung im Vergleich zum Vorjahr um 81 Prozent. In Jerusalem, der Heiligen Stadt, sieht es noch schlimmer aus. Dort wurde bereits mehr als die Hälfte aller Hotelangestellten entlassen. Selbst in Elat am Roten Meer, weit ab von Terror und Gewalt, ist der Touristenstrom nahezu versiegt. Besonders hart getroffen wurde der Luftverkehr. Die meisten Gesellschaften haben schon vor Monaten die Zahl ihrer Flüge ins Heilige Land deutlich verringert. Die US-Gesellschaft Delta strich die Strecke nach Tel Aviv ganz vom Flugplan. Andere, wie die Air France, erlebten seit September auf der Route Einbrüche um über 60 Prozent. Nur die Deutsche Lufthansa kam angesichts der allgemeinen Talfahrt bisher einigermaßen ungeschoren davon.

Die Palästinensergebiete sind ein Spiegelbild des Niedergangs einer ganzen Branche in Israel. Das Zentrale Statistikbüro spricht von Ausfällen allein von Oktober 2000 bis zum vergangenen Juli in Höhe von 250 Millionen US-Dollar (541 Millionen Mark). Acht von zehn palästinensischen Beschäftigten hätten ihre Arbeit in dem einst florierenden Tourismusgewerbe verloren.

Aiman Abu Haseira, Hotelbesitzer in Gaza, sagt, dass die Buchungen praktisch auf Null gesunken seien. "Ich hatte 18 Beschäftigte im Hotel und musste elf entlassen, weil ich die Löhne nicht mehr zahlen konnte." Im "Grand Park Hotel", der ersten Adresse in Ramallah, sind die Buchungen um 80 bis 90 Prozent zurückgegangen.

Für das Dilemma machen die Palästinenser außer der Furcht ausländischer Urlauber vor allem die Abriegelung ihrer Städte und die Schließung der Grenzen zu den Nachbarn Jordanien und Ägypten durch Israel verantwortlich. Damit sei der Tourismus zum Stillstand gekommen. Angesichts der Gewalt haben nach einem Bericht der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa ausländische Investoren das Weite gesucht und Verluste von 50 Millionen US-Dollar verursacht.

Die Palästinenser lebten von Touristen, die die heiligen Stätten des Christentums, Islams und Judentums in Jerusalem oder Bethlehem, der Geburtsstadt Jesu, besucht haben. In Bethlehem hinterließ die israelische Armee nach ihrem Abzug Spuren der Verwüstung und Zerstörung.

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