Zeitung Heute : Hüterin der hässlichen Geheimnisse

Wallraff, Rosenholz, Kohl-Urteil: Die Republik diskutiert über die Stasi-Akten – und über die Frau, die sie verwaltet. Als sie Chefin der Gauck-Behörde wurde, haben sie manche belächelt. Inzwischen aber sagen viele: Birthler-Behörde.

Robert Ide

Anruf bei Joachim Gauck. Wie finden Sie die Amtsführung Ihrer Nachfolgerin? Gauck zögert. „Es ist, wie es ist.“ Dann legt er auf.

Als Marianne Birthler vor drei Jahren die Gauck-Behörde übernahm, dachten alle, nun sei die Sache mit den Stasi-Akten bald erledigt. Doch inzwischen ist die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR so bekannt wie ihr Vorgänger. Schuld daran sind drei Namen: Helmut Kohl, Günter Wallraff und Rosenholz. Ein konservativer Altkanzler, ein linker Enthüllungsjournalist und eine geheimnisvolle Datei. Alle drei haben mit der Stasi zu tun. Und mit der Behörde, die viele inzwischen Birthler-Behörde nennen.

Marianne Birthler steigt im Bundespressehaus die Stufen zum Saal hinauf, empfangen von den Blitzlichtern der Fotografen. Sie geht zum Podium, setzt sich vor ein Mikrofon, neben sich platziert sie Behördendirektor Hans Altendorf. Dann beginnt ihr Vortrag – mit abgewogenen Sätzen und dosiertem Lächeln. Routiniert referiert Birthler die Bilanz ihres Hauses, spricht über 1600 Meter neu erschlossene Akten, über 94000 zusätzliche Anträge auf Einsicht in die Unterlagen. Sie spricht über die Generationenaufgabe, all das aufzuarbeiten und abzuarbeiten. Charmant, professionell. Doch plötzlich verliert sie die Kontrolle.

„Dass die so genannten Rosenholz-Dateien“, liest Birthler vor und räuspert sich, „seit wenigen Wochen für Recherchen“, sie hustet, zögert, „und die Forschung zur Verfügung stehen“, wieder ein Husten, sie trinkt Wasser, entschuldigt sich, „also, das wird neue Erkenntnisse über die Westarbeit der Staatssicherheit ermög…“ Husten. Sie hat sich verschluckt. Birthler bricht ab. Sie beugt sich zu ihrem Direktor und raunt ihm zu: „Das muss am Thema liegen.“ Die Journalisten horchen auf; im großen Presseraum der Bundeshauptstadt wird es still. Für einen Moment ist Marianne Birthler aus sich herausgekommen. Mitten in der Öffentlichkeit.

Moralische Instanz

Rosenholz – das ist das Wort, das Birthler zugleich Aufmerksamkeit bringt und Mühe macht. Die Datei hat das Stasi-Thema zurück auf die politische Bühne kommen lassen. War Bonn von Ost-Berlin unterwandert? Sollen Stasi-Protokolle über prominente Westdeutsche öffentlich zugänglich sein? Müssen alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes auf Stasi-Kontakte überprüft werden? Immer, wenn man nicht mehr weiter weiß, ist jene Frau gefragt, die die Akten mit den Spitzelberichten und den Agentennamen verwaltet: Marianne Birthler, 55, Mutter und Großmutter, ehemalige Bürgerrechtlerin, ehemalige Grünen-Chefin, ehemalige Brandenburger Bildungsministerin und nun neue Namensgeberin einer alten Behörde. Dann füllt sie Schlagzeilen, spürt den Druck als moralische Instanz. Doch zuweilen gerät einiges außer Kontrolle: Dann überziehen Verdächtigungen das Land, aus Aktenfragmenten werden Wahrheiten gemacht und mit Karteikarten alte Kämpfe ausgefochten. In solchen Momenten muss Birthler eingreifen, muss bewerten, schlichten. Kann sie das, ohne sich zu verschlucken? Was macht die Hüterin des geheimen DDR-Schatzes mit dem Erbe? Und was macht das Erbe mit ihr? Wer diesen Fragen nachgehen will, muss mit Menschen sprechen, die auf verwinkelten Fluren hinter matt gestrichenen Türen Dienst tun und aufarbeiten und abarbeiten. So wie es ein eigens dafür geschaffenes Gesetz verlangt.

Am Alexanderplatz steht die Zentrale mit vielen Fenstern und bröckelnder Fassade. An den Eingängen haben sich Pförtner verschanzt, mit Uniformen. Dahinter öffnet sich eine Welt, die aussieht wie ein DDR-Ministerium und die doch viel moderner sein soll. 2400 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Das Amt verwaltet 180 Kilometer Papier und 40 Millionen Karteikarten, sortiert nach Klar- und Decknamen. Es überprüft Beamte und Politiker auf frühere Geheimdienstkontakte, publiziert Bücher, organisiert Ausstellungen, erstellt Bildungsmaterial. Pro Jahr kostet das den Steuerzahler 100 Millionen Euro. Birthler nennt ihr Haus einen „Tanker – stabil, aber schwer zu lenken“. Ihr Büro hat sie sparsam eingerichtet: Regal, Schreibtisch, Sitzgruppe. An der Wand hängt ein Stück Stacheldraht, das einst Ungarn und Österreich trennte. Das reicht an Symbolik.

Als im Herbst 1989 die DDR-Machthaber noch die Knüppel schwingen ließen, saß Birthler in einem kleinen Zimmer an der Gethsemane-Kirche in Prenzlauer Berg und schrieb auf, wen die Stasi misshandelte. Kontakttelefon nannte sich das Stück Widerstand, das Friedensgruppen in Ostdeutschland verband. „In der Opposition hat Marianne Birthler gelernt, nicht klein beizugeben“, sagt der grüne Politiker Werner Schulz. Als Machtmittel diente Kommunikation.

Sprengkraft der Worte

Jetzt sitzt sie in ihrem Büro und zwinkert wissend mit den Augen. „Ein Halbsatz konnte in der DDR viel Sprengkraft haben.“ Sie scheint es zu vermissen, das bewegende Gespräch in kleinen Zimmern. Als 1988 Schüler von der Pankower Ossietzky-Schule flogen, weil sie gegen Militärparaden protestierten, organisierte Birthler alternativen Unterricht abseits des Sozialismus. Was wollt ihr wissen?, fragte sie in der ersten Stunde. „Da haben die ganz schön geguckt“, sagt sie und zwinkert wieder. Sie diskutiert noch heute gern mit Schülern.

Freiheiten aufbauen und verteidigen, darum ging es. Beim Sturm auf die Stasi-Zentralen Anfang 1990 war Birthler dabei. Für Offenheit kämpften sie, hungerten bis zum Vorabend der Einheit. Die West-Politiker gaben nach: Eine ostdeutsche Behörde durfte ins vereinte Land. Joachim Gauck, der Pfarrer, predigte fortan Aufklärung. Nach zehn Jahren übergab er das Amt an eine Frau, die früher Katechetin war, Gemeindehelferin. Eine Frau, für die Kommunikation aus Gesten besteht. Und aus halben Sätzen.

Die Birthler-Behörde. Hat sich da was verändert? Blick in den Tätigkeitsbericht: „moderne Dienstleistungsbehörde“, „zukunftsfähige Struktur“, „neues Regionalkonzept“ – das klingt nicht nach Vergangenheit. War der Auftrag nicht begrenzt, endlich? Birthler verschränkt die Arme. „Die Arbeit meiner Behörde wird sich verändern, aber ihr Ende wird meine Generation nicht mehr erleben“, sagt sie und rührt auffällig ungerührt im Kaffee. Ein Satz mit Sprengwirkung.

Abarbeiten, aufarbeiten, Generationenaufgabe. Für andere DDR-Forscher klingt das wie eine Drohung. Hubertus Knabe, der Historiker, der die Behörde im Zank verließ, blättert im Tätigkeitsbericht. „Das sind lebensverlängernde Maßnahmen“, schimpft er. Knabe, der die Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen (zwölf Mitarbeiter) leitet, ist nicht allein. Thomas Krüger, Leiter der Bundeszentrale für politische Bildung (150 Mitarbeiter), sah mit Argwohn zu, wie Birthlers Leute in Schulen beim Geschichtsunterricht mitmischten. Krüger sagt: „Die Behörde hat versucht, ihren Bildungsauftrag großzügig auszulegen und unseren einzuengen.“ Oder Jörg Drieselmann vom Verein Astak (fünf Mitarbeiter), der die ehemalige Stasi-Zentrale in der Normannenstraße verwaltet: „Frau Birthler will sich zur Königinmutter aller Aufarbeiter aufschwingen.“

Ist das Neid? Oder Kritik? Als Gauck ging, herrschte Trauer am Alexanderplatz. Der Pfarrer hatte polarisiert und versöhnt, hatte Identität gepredigt. Als Birthler kam, haben viele sie belächelt, weil sie wenig anders machen wollte, aber kaum vom Vorgänger sprach. Auf den Fluren witzelten sie, dass nun der Buchstabe „G“ aus den Tastaturen entfernt werde. Heute sieht die Sache anders aus. „Frau Birthler hat das Amt uneingeschränkt ausgefüllt“, lobt SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz. Konfliktfähig, tüchtig, glaubwürdig – der Bundestag habe die richtige Frau gewählt. Viele Parlamentarier sagen das.

Eine Schonfrist hatte Birthler nicht. Kaum war sie im Amt, stritt sie mit Helmut Kohl vor Gericht um seine Akte, und als sie verlor, versuchte sie, ihn zu überraschen. Als der Altkanzler in der Behörde Einsicht in seine Unterlagen nahm, kam Birthler zu ihm. Aber Kohl ließ sich nicht überraschen. „Sie kennen meine Auffassung“, sagte er. Da ging sie zum Bundestag und ließ das Gesetz ändern, damit wenigstens Teile von Kohls Dossier zugänglich sind. Vor einer Woche hat das Berliner Verwaltungsgericht ihre Linie bestätigt. Dann der Krach mit Otto Schily: Auch der Innenminister wollte die Veröffentlichung von Stasi-Akten Prominenter verhindern. Auch er bekam zu spüren, wie Birthler sich gegen Einengungen wehrt.

Jetzt, im Streit um die Stasi-Kontakte von Günter Wallraff, agiert sie wieder resolut. Zunächst stempelte ihr Haus die bekannt gewordenen Datenreste als alte Kamellen ab. Das machte, so sagen viele Bundestagsabgeordnete, „keinen professionellen Eindruck“. Doch als sich Indizien für eine Spitzeltätigkeit Wallraffs mehrten, gab Birthler öffentlich zu: „Ja, wir haben Fehler gemacht.“ Allerdings, und das schmerzt viele Mitarbeiter, fügte sie an, dass es Behörden allgemein schwer falle, Fehler zuzugeben. Sollte das etwa heißen: Ich bin nicht schuld?

Verlorene Visionen

2400 Angestellte, 100 Millionen Euro, ein Tanker. Vielleicht sind es nicht die öffentlichen Dinge, an denen sich Birthler verschlucken könnte: Rosenholz, Wallraff, Kohl. Vielleicht sind es die Dinge des Alltags. Wenn man Freunde, Bekannte und Angestellte fragt, sagen viele: Sie führt die Behörde auf ihre eigene Art. Was darunter zu verstehen ist, kann keiner genau sagen. Stattdessen werden Geschichten erzählt: von menschlicher Nähe, von Mitarbeitern, die beim Weihnachtsdienst von der Chefin mit einer Aufmerksamkeit bedacht werden. Aber auch von impulsiven Reaktionen, von Sachdebatten, die ins Persönliche abgleiten. Birthler sei eine, die Kommissionen bildet, in denen die Zukunft besprochen wird und in denen, wenn eine Entscheidung gefallen ist, Basta-Stimmung herrsche. Ergebnis einer Kommission: Von 14 Außenstellen werden drei geschlossen. „Die vor Jahren von Gauck beklagte Übermotivation der Mitarbeiter ist nicht mehr festzustellen“, sagt Hannelore Köhler, Vorsitzende des Personalrats, trocken. In sieben Jahren wird das Amt voraussichtlich auf 1600 Mitarbeiter schrumpfen. Hannelore Köhler sagt auch: „Visionen für unser Haus wären wünschenswert.“

Verlangt die kleine Öffentlichkeit in der Behörde mehr, als die große Öffentlichkeit zu dulden bereit ist? Solch ein komplexes Haus lässt sich nicht führen wie ein Friedenskreis, Birthler kann nicht für jeden Fehler verantwortlich sein. Sie tut lieber das, was sie gut kann. Sie geht in Schulen und erzählt davon, wie sie als Kind am 17. Juni 1953 Angst um ihre Mutter hatte, die im aufständischen Berlin unterwegs war. Sie spricht in Talkshows darüber, dass Ostalgie die falsche Antwort auf Heimweh sei und wie befreiend es sein kann, mit offenen Akten der alten Enge zu entkommen. Sie kämpft für neue Aufgaben und die alte Daseinsberechtigung. Und vielleicht auch für eine zweite Amtszeit.

An manchen Tagen scheint alles so übersichtlich wie früher. Da sitzt Marianne Birthler am Kollwitzplatz und isst eingelegte Garnelen. Irgendwann kommt jemand vorbei, der sie gut kennt und versteht – eine wie Ulrike Poppe, mit der sie einst für Freiheit kämpfte. Beide umarmen sich, und Marianne, wie sie nun heißt, erzählt: „Ich bin so froh gestimmt wegen der Kohl-Sache.“ Und Ulrike lacht und freut sich mit ihr über den kleinen Sieg.

Politik in der Nische

Als Birthler noch Bundessprecherin der Grünen war, 1993/94, da war alles viel härter um sie herum. „Ich habe nichts gegen Konflikte“, sagt Birthler. Schließlich war sie zuvor in Brandenburg als Ministerin zurückgetreten, weil sie die Ausflüchte von Ministerpräsident Manfred Stolpe nicht ertrug, als es um seine Stasi-Kontakte ging. Inzwischen ist Stolpe Bundesminister für Aufbau Ost; und Birthler weiß, dass die große Politik nicht ihre Sache ist. Sie sagt: „Ich suche Konflikte nicht.“ Das hat sie spätestens gemerkt, als sie 1998 von den West-Grünen in die hinteren Reihen abgeschoben wurde. Die kleine Politik in der Nische DDR-Geschichte, die viele Tage im Jahr verborgen liegt und nur manchmal das ganze Land verwirrt, das ist ihre Sache.

Marianne Birthler sucht selten das Licht der Öffentlichkeit. Meist will sie dann etwas loswerden, etwas anstoßen. Im Sommer, kurz vor Öffnung der Rosenholz-Datei, spielte sie in einem „Tatort“ mit, in dem eine Journalistin und zwei Kommissare einen Verbrecher mit Hilfe von Stasi-Akten suchten. Birthler gab die Chefin der Stasi-Akten-Behörde. Sie erzählt von den vergeblichen Versuchen, den für sie vorgesehenen Text zu sprechen, und davon, dass sie nach der vierten Klappe zum Regisseur sagte, sie wolle nun mal machen, wie sie selbst meint. Das Ergebnis sah so aus: Die Journalistin Bergbusch steht vor Birthlers Büro, die Chefin macht die Tür auf. „Hallo, Frau Bergbusch“, sagt Birthler, „was ist los?“ Frage von Frau Bergbusch: „Ich versteh’ das nicht. Warum wollen Sie die Wessis schützen, die für die Stasi spioniert haben?“ Großaufnahme Birthler, sie schüttelt den Kopf: „Das hat nichts mit Ossis oder Wessis zu tun. Hier geht’s um die Rosenholz-Daten. Und die haben nur begrenzte Aussagefähigkeit, wenn wir sie nicht mit anderen Unterlagen vergleichen.“ Antwort Frau Bergbusch: „Bei den Ossis waren Sie nicht so zimperlich.“ Birthler stöhnt: „Frau Bergbusch, noch mal, wir schützen hier keine Wessis, sondern alle, die sich nichts vorzuwerfen haben. Wir können uns gern noch mal treffen“, sie streckt ihre Hand aus, „aber jetzt muss ich hier weitermachen. Tschüss!“ Die Tür geht zu. Die Journalistin wirft entnervt ihren Rucksack auf den Boden.

Viele, die sie kennen, haben nach dem Film gesagt: „Genau das ist Marianne.“ Sie meint dazu: „Ich bin eben keine gute Schauspielerin.“

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