Zeitung Heute : Hufgetrappel im Nikolaisaal

Der berühmte „Winnetou“ als Live-Hörspiel

Andrea Schneider

Geräuschemacher Max Bauer, einer von nur 25 Vertretern seiner Zunft in Deutschland, ist ein wenig aufgeregt, als er sich am Freitagabend an seinen Arbeitsplatz auf der Bühne des Nikolaisaals zurück zieht, um in den nächsten knapp zwei Stunden das Live-Hörspiel Winnetou mit der nötigen Geräuschkulisse auszustatten. Diese würde vom Hufgetrappel der Pferde über das Anschleichen in der Prärie bis zu Kampfszenen zwischen Indianern und Weißen alles bieten. Aber anders als im Studio sind auf der Bühne keinerlei Korrekturen möglich, beinhaltet die Liveproduktion immer auch das mögliche Scheitern. Unterstützt wurde Max Bauer vom Deutschen Filmorchester Babelsberg unter der Leitung von Lorenz Dangel. Einige Damen des Orchesters hatten sich, ganz passend zur Thematik des Abends, das Haar nach indianischer Sitte geflochten und geschmückt. Als dann die Titelmelodie zu Winnetou erklang, öffnete sich eine Seitentür und heraus traten die, die den Protagonisten des Karl-May-Klassikers ihre Stimme leihen würden.

Erzähler Rainer Schöne führte souverän durch die Handlung und las hervorragend gegen das Orchester an. Guntbert Warns und Peter Kaempfe schlüpften gleich in mehrere Rollen und verblüfften mit ihrer Wandelbarkeit. Ein besonderes Highlight bot Martin Seifert in der Rolle des Sam Hawkins, der nicht nur durch Schalk in der Stimme, sondern auch durch seine Mimik und Gestik einen lebendigen Charakter entwickelte. Old Shatterhand, besetzt durch Konstantin Graudus, wirkte sympathisch und stark, Winnetou, dem Max Hopp seine Stimme lieh, bekam eine stolze, ruhige Note. Ein wenig blass blieb nur Winnetous Vater Intschu-Tschuna, den Joachim Bliese ein wenig zu sehr von der Kanzel herunter sprach. Einen weisen Indianerhäuptling stellt man sich ein wenig stolzer und getragener vor, mit dunkler Note in der Stimme. Auch Nscho-Tschi, gesprochen von Anna Thalbach, wirkte ein wenig gehetzt. Etwas mehr Ruhe und ein entspannteres Sprechtempo wären schön gewesen.

Dem Gesamtkunstwerk, dass gleichzeitig durch Rundfunk und via Internet auch einem großen Publikum außerhalb des Nikolaisaals zugänglich gemacht wurde, tat die keinen Abbruch. Der Geräuschemacher Max Bauer zog die Blicke ebenso auf sich, wie die Sprecher, die durch kleine schauspielerische Einlagen der ganzen Produktion einen ironischen Touch gaben und das Publikum mehr als einmal zum Lachen brachten. Andrea Schneider

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