Humanitäre Hilfe in Gaza-Stadt : „Wir sind müde und gestresst“

Seit Tagen schlagen israelische Raketen im Gazastreifen ein. Stefan Dominioni arbeitet als Logistiker bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ mit zwei weiteren Franzosen und einem US-Amerikaner in Gaza-Stadt. Ein Gespräch über die Situation der Menschen im Kriegsgebiet.

Ein Junge läuft im Gazastreifen durch Trümmer.
Ein Junge läuft im Gazastreifen durch Trümmer.Foto: dpa

Wie ist die Situation der Menschen in dieser Region?

Die humanitäre Situation ist schlimm. Es gibt immer mehr Verletzte in den Krankenhäusern. Nach unseren Informationen handelt es sich bei 50 bis 70 Prozent um Zivilisten. Besonders gefährlich ist es, sich in der Stadt zu bewegen, weil immer neue Angriffe drohen. Die Einschläge der Bomben hört man den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch.

Wie hilft Ihre Organisation?

Wir kümmern uns seit vielen Jahren um die Nachsorge von Brandopfern oder operierten Patienten. Zur Zeit aber können wir nur diejenigen pflegen, die selbst in unsere Klinik kommen – weil es zu riskant ist, sie zu Hause aufsuchen. Wir unterstützen darüber hinaus das Gesundheitsministerium von Gaza und die Krankenhäuser mit kostenlosem medizinischen Material und Medikamenten. Die medizinische Versorgung in Gaza ist ohnehin von chronischem Mangel geprägt. Durch diesen militärischen Konflikt kommen die Krankenhäuser an die Grenzen ihrer Kapazität und es fehlt an Vielem.

Stefan Dominioni arbeitet als Logistiker bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“.
Stefan Dominioni arbeitet als Logistiker bei der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“.Foto: Ärzte ohne Grenzen

Behandeln Mediziner von „Ärzte ohne Grenzen“ auch selbst Raketenopfer?

Zur Zeit sind wir selbst noch nicht an der Versorgung von akut Verletzten beteiligt. Aber wir hoffen, dass am Donnerstag ein Team von drei Ärzten unserer Organisation in Gaza eintreffen können wird, um die Krankenhäuser hier zu unterstützen. Können Verletzte aus dem Gazastreifen hinausgebracht werden? Etwa 20 Verletzte wurden bisher nach Ägypten gebracht. Aber es ist von Tag zu Tag unsicher, ob die Grenze für Verletztentransporte geöffnet wird.

Auf welche Situation richten Sie sich in den nächsten Tagen ein?

Das ist für uns überhaupt nicht absehbar. Das ist ja das Schwierige an der Situation hier: Mal ist es ein paar Stunden ruhig, dann gibt es wieder hundert Einschläge in zwei Stunden. Wir sind keine Politiker oder Militärstrategen, wir wissen wenig über den Verlauf der Kämpfe. Wir sind jedenfalls sehr müde und gestresst. Es ist anstrengend, wenn jede Nacht das Haus unter den Erschütterungen naher Luftangriffe wackelt. Wir sind vor allem besorgt um unsere palästinensischen Mitarbeiter, die in unsicheren Gebieten wohnen.

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