Zeitung Heute : Humboldts Erbe

Was ist zu feiern? Bemerkungen zum zweihundertjährigen Jubiläum der Berliner Universität

Christoph Markschies
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Neue Perspektiven. Am morgigen Montag beginnen die Feiern zum 200. Gründungsjubiläum der Humboldt-Universität. Tradition und...

Universitätsjubiläen in Berlin haben es in sich. Vor hundert Jahren schenkte der Kaiser der Berliner Universität zum einhundertjährigen Geburtstag die heutige Max-Planck- und damalige Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, und flugs emigrierten – übrigens auf Vorschlag eines Universitätsprofessors, nämlich des Theologen Harnack – die klügsten Naturwissenschaftler und ganz wenige Geisteswissenschaftler in die herrlichen Paradiese der Kaiser-Wilhelm- beziehungsweise Max-Planck-Institute, wo es Geld und klugen Nachwuchs die Fülle gab und gibt. Heute, am Vorabend des zweihundertjährigen Universitätsjubiläums, befindet sich in der Eingangshalle der Humboldt-Universität eine Galerie der Berliner Nobelpreisträger, aber diese Galerie endet mit einem bekennenden Nationalsozialisten, der in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts den Medizinnobelpreis bekommen hat und wegen Kollegenneides nie ordentlicher Professor an der Charité geworden ist. Dazu wird dann noch die Komödie aufgeführt, dass sich zwei Berliner Universitätsleitungen streiten, wer der legitime Erbe des deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 ist, und das staunende Publikum grübelt darüber, ob durch den Exzellenzwettbewerb das hauptstädtische Duell nun endlich und für alle Zeiten entschieden ist. Was ist also zu feiern, wenn schon das Jubiläum 1910 durch ein Danaergeschenk ruiniert wurde und hundert Jahre später die komödienhaften Züge der Tragödien der Berliner Wissenschaftspolitik die Feier zu überschatten drohen?

Zu feiern ist zum einen, dass es trotz der Katastrophen dieses Landes, insbesondere im zwanzigsten Jahrhundert, und der beständigen Unterfinanzierung der Berliner Universität seit zweihundert Jahren (von kurzzeitigen Ausnahmen im Kaiserreich einmal abgesehen) viele, viele legitime Erben der 1810 gegründeten Friedrich-Wilhelms-Universität gibt: die Universitäten von Johns Hopkins bis nach Oslo, die nach dem Berliner Modell gegründet wurden und mindestens zeitweilig deutlich besser funktionierten als das hüben wie drüben in Diktatur und Revolution versunkene Berliner Urbild. Zu nennen sind aber natürlich auch alle die Universitäten, die nach 1933 vertriebene Berliner Gelehrte aufgenommen haben: Oxford, Princeton, die Hebräische Universität in Jerusalem. Diese alle sind legitime Erben der alten Friedrich-Wilhelms-Universität; und die Frage, wer der Rechtsnachfolger im schlichten Sinne des Wortes ist – natürlich wir, die Humboldt-Universität! – ist demgegenüber weitgehend belanglos. Die große Herausforderung des Jubiläumsjahres liegt vielmehr darin, nicht nur mit den vielen Erben der alten Berliner Universität zu feiern – natürlich, gerade auch mit der Schwester in Dahlem – sondern mit den Erben in einen Dialog zu treten, damit nun die Berliner Universitäten und auch die Wissenschaftspolitik hierzulande von den groß gewordenen Kindern der Friedrich-Wilhelms-Universität lernen kann, so wie diese einst von uns lernten.

Zu feiern ist zum anderen, dass es trotz der teilweise längst unerträglichen Beschwörung eines Mythos Humboldt, der sich meist in blassen, niemals von Humboldt gebrauchten Formeln erschöpft und trotz der daher sehr verständlichen Rufe „Humboldt ist tot“, in Berlin einen lebendigen Dialog mit den beiden Brüdern und den anderen preußischen Reformern von 1810 gibt. An der Akademie werden die Werke der Brüder Humboldt, von Schleiermacher und den anderen Protagonisten des Kulturstaates Preußen ediert. Das Jubiläumsjahr wird Debatten sehen, in denen nicht bloß von der „Einheit von Lehre und Forschung“ geschwafelt oder die berühmte Doppelformel „Einsamkeit und Freiheit“ als Monstranz vorangetragen wird. Nein, wir wissen hier, dass schon lange vor Bologna zur preußischen Reformuniversität das Engagement für berufsbezogene Bildung an der Universität gehörte, aber wir wissen auch, dass die berufsfreie Allgemeinbildung, wie sie beispielsweise ein Studium fundamentale vermittelt, auch noch lange nach der Bolognareform zu einer Reformuniversität im Geiste Humboldts gehören wird.

Zu feiern ist schließlich, dass von der durch Diktaturen und Krieg geschundenen, durch Kürzungen gebeutelten Universität in Berlins Stadtmitte – nicht zuletzt aufgrund des namhaften Engagements des ganzen Landes nach der Wende – immer noch Impulse jenseits von bloßem Gerede über Benchmarking und endlosen Streitereien mit Akkreditierungsagenturen oder universitären Gremien über Leistungspunkte bei Modulabschlüssen ausgehen. Da engagieren sich einige Köpfe der Universität in einem Projekt, in dem wie einst 1810 Museen, Universität und Bibliothek zu einer organischen Einheit zusammenwachsen sollen, dem Humboldt-Forum im wiedererstandenen Schloss der Preußenkönige. Natürlich, wir sind erst auf dem Wege, und eine Ausstellung im Alten Museum dokumentiert das auch gerade – aber das Projekt wird trotz aller Unkenrufe seinen Weg machen und seine Kritiker spätestens am Tage der Eröffnung zu überzeugen wissen.

Ein anderes Beispiel: Da streiten Neurologen und Philosophen nicht in einer Podiumsdiskussion über den freien Willen wie allerorten üblich, sondern arbeiten in einem integrativen Forschungsinstitut gemeinsam an der Beschreibung der Strukturen, mit denen wir Menschen Entscheidungen generieren. Sicher, von den Vorstellungen der Universitätsgründer 1810 über eine allumfassende Wissenschaft und über das Denken der Totalität allen Wissens ist das meilenweit entfernt, und Manches steckt auch noch in den Kinderschuhen.

Aber wer sich entfernt von den betonierten Berliner Strukturplänen und Neues wagt (auch im finanziellen Sinne), der kommt wieder bei dem bei aller preußischen Nüchternheit frischen Experimentiergeist der Väter (Mütter gab’s noch keine) von 1810 an.

Wissenschaft hat in den letzten Jahren mediale Aufmerksamkeit gesucht und gefunden. Das ist gut so. Und dann kann man auch tapfer ertragen, dass die branchenüblichen Einseitigkeiten nahezu unvermeidlich sind. Bestimmt wird mindestens einer die Stimme erheben, der gar nichts zu feiern findet – wenn schon nicht die ganze deutsche Universität im Kern verrottet ist, dann sicher mindestens eine Berliner Universität. Und eine andere Stimme wird dann im Gegenzug allzu laut und ein wenig zu schrill jubilieren, obwohl das Gesicht der alma mater Berolinensis nicht erst seit 1933 gezeichnet ist – „Vorsicht, Stufe!“ hat die Künstlerin Ceal Floyer auf alle Stufen des Haupttreppenhauses Unter den Linden geschrieben.

Zeiten des Nachdenkens sind kostbar geworden an der deutschen Universität, wo man an die Stelle der Zeit, die früher für das Nachdenken zur Verfügung stand, die Sitzungen von Gremien und das Schreiben von Drittmittelanträgen gesetzt hat. Das Jubiläum der Berliner Humboldt-Universität gibt Gelegenheit, mit anderen gemeinsam nachzudenken und dann auch fröhlich zu feiern, kurz: Universität zu leben, wie sie sein sollte!

Christoph Markschies ist Kirchenhistoriker und seit 2006 Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin.

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