Zeitung Heute : Humor behalten

Lars Törne

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Steht ein Tourist am Brandenburger Tor. „Entschuldigung, wo finde ich denn diese berühmte Berliner Schnauze?“ Sagt der Berliner: „Ham wa nich mehr, Sie bescheuerter Idiot.“ Ja, so können sie sein, unsere lieben Mit-Berliner. Die Szene des Karikaturisten Klaus Stuttmann findet sich als Illustration in einem hilfreichen Werk über die Wurzeln des Berliner Witzes, Untertitel „Zwischen Größenwahn und Resignation“. Vor allem Zugezogenen wie mir, die sich mit der muffelig-kessen bis aggressiven Art vieler Alteingesessener nur langsam anfreunden, dürfte es beim Verständnis der Mitmenschen helfen.

Was Humor und freundlichen Umgang angeht, trägt unsere Stadt ein schweres Erbe. Die Ursprünge liegen in früheren Jahrhunderten, wie der Kulturhistoriker Lothar Binger ausführt, aber vor allem Nachkriegszeit und Mauer führten zu Lethargie und Missmut. „Der Berliner, seit je in seinem Kiez vergraben und zu provinziellem Denken neigend, konnte sich seiner gesamtinsulären Provinzialität hingeben. Macht- und Einflusslosigkeit brachten witzige Verhärtungen hervor.“ Für Traditionsberliner mag das harter Stoff sein. Aber sie machen es Zugezogenen auch nicht leicht. „Der nach neuen Ufern Blickende kommt nicht wegen, sondern trotz der Berliner her“, schreibt Binger.

Der Kulturforscher differenziert zwischen Witz und Humor. Letzterer steht für eine Lebenseinstellung, die gelassen über den Dingen steht. Der Berliner Witz hingegen ist Ausdruck einer „Aggression, die nicht zugelassen und ins Unbewusste abgedrängt wurde“. Wenn also den Zugezogenen mal wieder ein rüder Spruch trifft, sollte man künftig eher Mitleid empfinden, geht es doch oft darum, Ängste abzuwehren, „etwa davor, von seinen Gefühlen überwältigt zu werden oder überhaupt Gefühle zeigen zu müssen.“ Das ist gut zu wissen – heißt aber noch lange nicht, dass wir Zugezogenen uns alles gefallen lassen müssen.

Lothar Binger: „Berliner Witz. Zwischen Größenwahn und Resignation“, Bebra-Verlag 2006, 208 Seiten, 19,90 Euro

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