Zeitung Heute : Hunde bauen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Ariane Bemmer

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als ich neulich meinen neunjährigen Neffen traf, ließ er mich wissen, dass er etwas für mich habe. Ein Geschenk. Etwas Selbstgebasteltes, das er sogar verpackt hatte. Ganz gerührt löste ich das Papier von der etwa faustgroßen Sache und hatte zwei Holzklötzchen in der Hand, die aneinander genagelt waren. In dem kleinen Klötzchen waren zwei Nägel ganz versenkt. In dem größeren steckten vier lange Nägel – einer schief. Ich stellte das Geschenk auf die vier Nägel und guckte meinen Neffen an. Er sagte: „Das ist ein Hund.“ Da lachte ich und er auch ein bisschen und dann bat ich ihn, einen weiteren Nagel in das größere Klötzchen zu hämmern. So bekam der Hund einen Schwanz. Daheim stellte ich den Hund ins Regal, beschloss, mich zu rächen, und wusste auch gleich wie.

Hinter meinem Haus steht eine riesige Kastanie, von der den ganzen Tag Kastanien herunterprasseln. Hunderte blanke Kugeln liegen schon im Hof, so viele, dass man sich fast die Füße bricht, wenn man zu den Mülltonnen will. Aus diesen Kastanien wollte ich etwas basteln. Das hatte ich früher schon gemacht, als ich selbst noch Kind war. Sogar eine Narbe habe ich seitdem. Weil ich beim Kastanien aushöhlen mit dem Messer abgerutscht bin und mir fast den Daumen abgeschnitten habe.

Ich eilte also mit einer Tüte in den Hof und sammelte Kastanien und breitete sie auf dem Küchentisch aus. Große und kleine und Schalen. Und dann stand ich da und fragte mich, was um Himmels Willen ich damit jetzt basteln sollte. Vielleicht erstmal einen Hund. Ich nahm einen Nagel und durchlöcherte die Kastanie. Nein, das war nichts. Ich holte Streichhölzer. Nun ging’s voran. Mit einem Handbohrer bohrte ich Löcher vor und steckte mit abgebrochenen Streichhölzern kleine und große Kastanien zusammen, ich malte mit einem dünnen Textmarker Augen und Münder, steckte Beinchen dran mit roten Zündkopffüßchen. In die leeren Schalen steckte ich einen langen Nagel und klebte ein gelbes Post-it-Blättchen dran – was für ein niedliches Segelboot! Dann malte ich auf große Kastanien Strichgesichter und stülpte ihnen kleine Schalen über, so dass sie wie Soldaten aussahen. Ich malte Bärte und Zahnlücken und erkannte, dass die Phantasie ja keine Grenzen kennt. Zwischendurch fragte ich mich mal, was ich als Kind eigentlich mit dem Messer gewollt habe, höhlte probeweise eine Kastanie aus und schmiss sie weg.

Als alle Kastanien verbastelt waren, betrachtete ich mein Werk voller Liebe. So was Schönes. Ich beschloss, die ganze Batterie an Kastanienmännchen, -hündchen und -booten meinem Neffen zu schenken, packte alles in einen Karton und machte mich auf die Socken. Der Junge spielte Fußball, als ich um die Ecke bog und war nicht in Stimmung. „Mmmh, toll“, sagte er beim flüchtigen Blick auf meine Bastelleistung. Also ging ich zu seinem kleinen Bruder. Ich baute meine Figuren vor ihm auf, nahm eine und sagte: „Das ist ein Hund.“ Da lachte er und schlug mir den Hund aus der Hand.

Daheim stellte ich die Figuren ins Regal und beschloss, mich zu rächen. Ich wusste nur noch nicht wie.

Kastanien liegen überall herum – und basteln weckt Kindheitserinnerungen .

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