Zeitung Heute : Hundert Jahre im Depot

Das Berliner Skulpturennetzwerk erschließt den Gesamtbestand der Antikensammlung und stellt erste Ergebnisse vor

Statue der Livia Ceres. ©Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung,
Statue der Livia Ceres. ©Staatliche Museen zu Berlin, Antikensammlung,

Als der letzte Gesamtkatalog der Skulpturensammlung 1891 erschien, stand auf dem Titelblatt ausdrücklich: „Unter Ausschluss der pergamenischen Fundstücke“. Damals waren die Funde von Pergamon gerade zwanzig Jahre bekannt, die Öffentlichkeit hatte so richtig erst fünf Jahre zuvor, 1886, bei der großen Berliner Jubiläumsausstellung von ihnen Kenntnis genommen, als die kleinasiatischen Ausgrabungen mit Altarrekonstruktion, Panoramabild und einem pergamenischen Künstlerfest auf dem Jubiläumsgelände am Lehrter Bahnhof gefeiert wurden. Bis die Pergamonfunde in ihrer Gesamtheit im ersten Interimsbau auf der Museumsinsel gezeigt werden konnten, sollten noch einmal zehn Jahre vergehen.

Ein Gesamtkatalog der rund 4400 Skulpturen, die sich heute in der Obhut, zumeist in den Depots, der Berliner Antikensammlung finden, war also seit über hundert Jahren überfällig. Das Berliner Skulpturennetzwerk, das seit 2009 an der digitalen Aufnahme und Erschließung des Skulpturenbestands arbeitet, betritt in vielen Fällen tatsächlich Neuland. Denn Alexander Conzes Gesamtkatalog hatte 1891 im Skulpturenbereich nur 1400 Nummern verzeichnet. Zwei Drittel des Bestandes sind, wenn überhaupt, nur in Einzelkatalogen publiziert. Zur Pergamonsammlung war 1908 im Rahmen des Katalogwerks „Altertümer von Pergamon“ auch ein Band über die Skulpturen erschienen – in einer Auflage von 300 Stück. „In Fachkreisen war immer bekannt, welche Schätze wir haben“, sagt Andreas Scholl, der heutige Direktor der Antikensammlung. Aber eben nur in der Fachwelt.

Mehr Öffentlichkeitswahrnehmung erhofft Scholl sich nicht zuletzt von der großen Pergamonausstellung, die morgen auf der Museumsinsel eröffnet wird. Von einem neuen, spektakulären Großpanorama des Berliner Künstlers Yadegar Asisi über geänderte Zugangswege und eine opulente Ausstellungsarchitektur bis hin zu Lichteffekten wird alles unternommen, um die Bestände rund um den weltberühmten Pergamonaltar ins neue, rechte Licht zu setzen.

„Kontextualisierung und Übersetzung antiker Plastik“ war daher auch das Zauberwort, mit dem sich das Skulpturennetzwerk 1999 beim Bundesministerium für Bildung und Forschung beworben hat. Anschließend an das sehr erfolgreiche „Jahr der Geisteswissenschaften“ geht es um Fragen, wo die Skulpturen, die in den Sammlungen gewöhnlich kontextlos als reine Kunst präsentiert werden, ihre Aufstellung hatten - und wie das Umfeld überhaupt aussah. Fragen nach antiker Vegetation und ihrer Darstellbarkeit wurden zum Beispiel bei der parallel zur Ausstellung entstehenden 3-D-Rekonstruktion des antiken Pergamon lebhaft diskutiert – und am Ende verworfen. In Yadegar Asisis Panorama, das auf Basis ausführlicher Vor-Ort-Studien entstand, wächst und wuchert es hingegen an allen Enden. Üppige Vegetation ist ja auch ein gutes Mittel, um Forschungslücken in der Stadttopographie zu verdecken.

Die wissenschaftlich in allen Punkten abgesicherte 3-D-Rekonstruktion und das künstlerische, alle Sinne ansprechende Großpanorama, das „ganz große Antikenkino“, beides sind für Andreas Scholl wichtige und legitime Formen der Vermittlung. Besonders für Asisis Visualisierung hat der Museumsmann sich seit Jahren leidenschaftlich eingesetzt, wohl wissend, dass solche Popularisierungsformen durchaus auch auf Vorbehalte stoßen. Und wie sich die Aufmerksamkeit des Publikums und der Fachwelt zwischen diesen beiden Polen bewegen wird, ist für Scholl eine spannende, zukünftige Präsentationsformen beeinflussende Frage. Wer weiß: So manche Vorarbeit, die während der Ausstellungsvorbereitung geleistet wurde, wird sich demnächst während der baubedingten Schließungsperiode des Pergamonmuseums an anderer Stelle auszahlen.

Doch zunächst ging es für Andreas Scholl und sein Team weniger um die Neupräsentation im künftigen Haus als um die Grundlage, auf der wissenschaftliches Arbeiten überhaupt möglich ist. Eine Gesamterschließung und Dokumentation des Skulpturenbestandes, der zum Teil direkt nach der Ankunft, notdürftig mit Zementsockeln versehen, ins Depot gewandert ist, war längst überfällig. Die Ausstellung „Die Rückkehr der Götter – Berlins verborgener Olymp“ war 2009 ein erster Auftakt, der die griechische Plastik frisch restauriert und aus dem Depot geholt präsentierte. In der Neueinrichtung der Antikensammlung im Alten Museum fand die römische, etruskische und griechische Kunst inzwischen wieder eine neu-alte Heimstatt.

Das Skulpturennetzwerk, das 2009 in Kooperation zwischen der Antikensammlung und der Freien Universität Berlin für drei Jahre ins Leben gerufen wurde und vom BMBF mit 1,55 Millionen Euro gefördert wird, hat sich eine allgemein zugängliche Onlinedatenbank des kompletten Skulpturenbestands samt Abgusssammlung zum Ziel gesetzt, die dann auch in einen Katalog münden soll.

Ähnliche Erfassungsprojekte laufen derzeit bei den antiken Bronzen und den Vasen. Über hundert Wissenschaftler weltweit arbeiten an der Erforschung und Beschreibung, ein Team des Kölner Forschungsarchivs für antike Plastik hat die Skulpturen in fast siebenjähriger Arbeit fotografiert.

Im kommenden Jahr hofft Andreas Scholl mit einem Symposium die Ergebnisse vorstellen zu können. Und als Anschlussprojekt träumt Scholl von einer Erfassung der Antikenarchitekturen, die bislang niemals auch nur ansatzweise inventarisiert worden sind. Der Antrag dazu ist schon gestellt. Christina Tilmann

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