Zeitung Heute : Hundert Jahre sind auch eine Ewigkeit

Die Lebenserwartung in Deutschland nimmt weiter zu: Sie liegt jetzt für neugeborene Jungen bei durchschnittlich 76,9 Jahren und für Mädchen bei 82,3 Jahren. Wie alt können wir noch werden?

Bas Kast Hartmut Wewetzer
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Der Traum vom ewigen Leben – Woody Allen hat ihn einmal auf den Punkt gebracht: „Ich möchte nicht unsterblich werden durch mein Werk“, lautet eines seiner Bonmots. „Ich möchte unsterblich werden, indem ich nicht sterbe.“ Den meisten von uns dürfte es ähnlich gehen. Und wir kommen dem Ziel näher: Zumindest in den Industrienationen steigt die Lebenserwartung stetig. So hat ein in Deutschland geborenes Kind heute mehr als 30 Jahre länger zu leben als ein Kind, das um 1900 herum geboren wurde.

Wird diese Entwicklung endlos weitergehen? Oder gibt es eine Grenze? Werden wir auch in Zukunft immer älter werden?

Zunächst: Die Natur gibt kein prinzipielles Limit vor. In der Jugend schenkt sie uns Energie und Gesundheit im Übermaß. Das ändert sich, sobald unser biologischer „Auftrag“ erfüllt ist: Wenn wir unsere Pflicht getan – also Kinder in die Welt gesetzt und aufgezogen haben – überlässt uns die Biologie unserem Schicksal. Die Natur lässt uns fallen. Ob wir 60 oder 100 werden, spielt aus Sicht der Evolution keine Rolle.

Vor diesem Hintergrund wird leichter verständlich, warum Altern Verschleiß bedeutet. Der Organismus eines jungen Menschen funktioniert perfekt: Krankheitserreger werden zuverlässig abgewehrt, auftretende Schäden im Gewebe rasch behoben. Mit den Jahren jedoch arbeiten die Reparaturtrupps in unserem Körper immer schlechter. Chronische Defekte und molekularer Müll sammeln sich an, Gefäße verkalken, Gelenke werden arthritisch. Beispiel für dieses Versagen: Krebs. Die Häufigkeit von bösartigen Tumoren steigt mit dem Alter rapide an, weil gefährliche Erbgutveränderungen nicht mehr ausreichend bekämpft werden.

Wird unsere Lebenserwartung angesichts dieses unerbittlichen Naturprogramms wirklich immer weiter steigen? Skeptiker meinen: Im Schnitt sind wohl für den Menschen nicht mehr als 85 Jahre drin. Der rasche Anstieg der Lebenserwartung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte ihrer Meinung nach damit zu tun, dass äußere Gefahren wie Krankheitserreger eingedämmt wurden. Hinzu kommt: Ernährung, Hygiene, Lebens- und Arbeitsbedingungen verbesserten sich drastisch.

Außerdem werden wir im Alter mit scheinbar unausweichlichen Todesursachen wie Herzattacken, Schlaganfällen, Krebs, Diabetes oder Alzheimer konfrontiert. Auch neue Infektionskrankheiten und eine Übergewichtsepidemie gehören zu den Problemen, die manche Forscher eher pessimistisch in die Zukunft blicken lässt. Beispielsweise glaubt der Altersforscher Jay Olshansky von der Universität von Chicago, dass die Lebenserwartung in den reichen Nationen sogar wieder sinken wird.

Auf der anderen Seite gibt es die Optimisten. Sie glauben, dass auch 100 Jahre und mehr für den Durchschnittsbürger denkbar sind. Und dann sind da noch die Fantasten. Der US-Erfinder Ray Kurzweil zum Beispiel, dessen Credo lautet: „Lebe lange genug, um für immer zu leben.“ Nur die nächsten 20 Jahre, meint Kurzweil, müssten wir noch überbrücken – dann stünde die medizinische Technologie zur Unsterblichkeit zur Verfügung. Um selbst noch in den Genuss ewigen Lebens zu kommen, schluckt der 60-jährige Kurzweil täglich 150 Vitamin- und Kräuterpillen sowie zehn Tassen grünen Tee, treibt Sport und fährt sogar einmal pro Woche in eine Klinik, um sich Verjüngungswässerchen als Infusion in die Venen laufen zu lassen. Er meidet Zucker, kocht nur mit Olivenöl und isst reichlich Obst und Omega-3-Fette. Weitere Ingredienz der Kurzweil’schen Kur: Resveratrol.

In den Augen des Harvard-Forschers David Sinclair ist Resveratrol der Jungbrunnen schlechthin. So weiß man seit Jahren, dass sich die Lebensspanne diverser Tiere – Ratten, Mäuse, Hunde – durch eine kalorienreduzierte Diät strecken lässt. Ist weniger Nahrung vorhanden, scheint die Natur eine Art „Pause“- Taste zu drücken: Die Reparaturmechanismen werden auf Kosten der Fruchtbarkeit hochgefahren, um die Zeit der Entbehrung zu überbrücken. Biochemisch geht dies mit der Aktivierung gewisser Gene einher, die den Bauplan für Enzyme namens Sirtuine enthalten.

Resveratrol, so die Vermutung des Harvard-Forschers Sinclair, könnte in der Lage sein, diese Gene anzuschalten, ohne dass man dafür Hunger leiden muss. Würmer, Fliegen, Mäuse – sie alle leben mit Resveratrol länger. Problem: Beim Menschen fehlt der Nachweis für einen solchen Effekt. Sinclair kümmert das nicht: Er glaubt an sein Wundermittel. Und nimmt ein paar Kapseln täglich.

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