Zeitung Heute : Hundert Jahre Slapstick

Maike Albath

Es geht zu wie bei einem Kneipenpalaver. Zu fortgeschrittener Stunde kramt der Älteste in der Runde Geschichten hervor und gibt sie auf Geheiß seiner versammelten Kumpane zum besten. Jeder kriegt sein Fett ab, an deftigen Stellen und schönen Frauen herrscht kein Mangel, für eine tragische Liebe und eine Moral am Schluss ist gesorgt. Die Leute wollen unterhalten werden, also lässt der beflissene Erzähler ganze Heerscharen von Figuren auf- und wieder abtreten, fügt Anekdote an Anekdote, Episode an Episode, Posse an Posse und gruppiert alles um die Hundertjahrfeier einer Provinzstadt herum, die mitten in der argentinischen Einöde liegt.

Aguinaldo heißt das Städtchen, um das sich die krakenartigen Haupt-, Neben- und Nebennebenhandlungen von "Die Hundertjahrfeier" winden. Aus seiner Herkunft schöpft der Verfasser das Material für seinen Debütroman: Jorge Victoriano Alonso, aus einem 20 000-Seelen-Ort namens Coronél Suarez 600 Kilometer südöstlich von Buenos Aires gebürtig, hat nach einer erfolgreichen Medienkarriere seine literarische Ader entdeckt und mit Anfang Sechzig das aufgeschrieben, womit er seine Freunde seit Jahren am Cafétisch bei Laune hielt. So jedenfalls schildert der Autor seine schriftstellerische Initiation.

Das Fieber des Apothekers

Unterfüttert wird der Geschichtenreigen durch eine Legende über die Entstehung der Stadt: Im Jahre 1906 war der spanische Kapitän und Apotheker Elogio de Aguinaldo nach einem spektakulären Schiffbruch irgendwo im Landesinneren aus dem Koma erwacht und hatte beschlossen, genau an dieser Stelle Puerto de Aguinaldo aufzubauen. Dass der Ort gar nicht am Wasser lag, war dem noch von Fieberanfällen geschwächten Weltumsegler egal - seiner Erinnerung zufolge versank genau auf diesem Flecken sein geliebtes Schiff Celeste in den Fluten, und deshalb taufte er die zukünftige Stadt auf den Namen Puerto de Aguinaldo, Hafen von Aguinaldo.

Doch lange, bevor man Näheres erfährt und der Kapitän samt seiner tragischen Liebe zu der schönen Melchora an Profil gewinnt, muss man 200 Seiten lang den Alltag von Aguinaldo über sich ergehen lassen. Alonso will keine biedere Stadtchronik verfassen: als erstes wird der Leser also über das Festprogramm des Jubiläums informiert, dann fällt er in ein Zeitloch und findet sich im November 1906 wieder, als Kapitän de Aguinaldo seine Stadt für immer verlässt und Melchora ihren Töchtern befiehlt, sie wie eine Verstorbene zu behandeln, obwohl sie noch 64 Jahre lang auf ihren zweiten Tod wird warten müssen. Es folgt ein ausführlicher zweiter Teil, angesiedelt im Jahre 1969, in dem von den Urenkeln des Gründers, etlichen Sonderlingen des Städtchens und den Vorbereitungen auf die Feierlichkeiten die Rede ist. Teil drei umfasst dann die Festwoche im Sommer 1970, in Teil vier wird endlich die Geschichte des Kapitäns nachgeschoben und Teil fünf endet mit einem Desaster, das der Stadt den Garaus macht.

In Teil zwei, drei und fünf ergießt sich ein Anekdotenschwall über dem Leser, dass ihm der Kopf dröhnt und die Ohren pfeifen. Da drängeln sich der Bürgermeister Stremmler, seine Gattin und seine Geliebte neben dem Privatdetektiv José Costilla, dem pizzasüchtigen Tangospieler Bontempi und dem Tunichtgut Magellan. Da wetteifern rachsüchtige Ehegatten mit erotomanischen Schwägern, die der angeheirateten Schwägerin verfallen sind, da überfallen vermummte Vergewaltiger heimliche Liebespaare, was die gesamte Bewohnerschaft in Ehekrisen stürzt, da buhlen pausenlos schlitzohrige Geschäftemacher, eifrige Feuerwehrleute und ehemalige Radrennfahrer mit enormer genitaler Potenz um die bessere Story. Außerdem wartet natürlich jeder, der hier auftritt, mit einer weitverzweigten Sippschaft auf, die ebenfalls in die Handlung verwickelt ist: Eltern, Großeltern, Geschwister, Neffen, Nichten, Großcousinen, Tanten und Onkel zweiten Grades stecken regelmäßig ihre Nase in die Angelegenheiten ihrer Verwandten.

Dass auch das Jubiläum in eine Katastrophe mündet, deutet sich schon am Anfang an. Sogar hundert Jahre später hat der Kapitän die Macht über seine Stadt nicht verloren. Er packt die Großmäuler und Wichtigtuer an ihrer Achillesferse: der Geldgier. Als zum Jubiläum ein versiegelter Brief geöffnet wird, in dem von verbuddelten Goldbarren die Rede ist, machen die Bewohner von Auginaldo innerhalb weniger Wochen ihre Stadt dem Erdboden gleich.

Die demokratische Multi-Helden-Lösung bestimmt über weite Strecken die Ästhetik von Alonsos Erstling. Der Journalist bedient sich der klassischen Stilmittel des mündlichen Vortrags, variiert drei bis vier verschiedene Erzählmuster und arbeitet mit Wiederholungen und Übertreibungen, die mitunter ins Surreale münden und ihn in die Nähe des realismo magico rücken. Kein sonderlich origineller Weg innerhalb der lateinamerikanischen Tradition, zumal Gabriel García Marquez schon in den 60er Jahren durch die Verschmelzung prämoderner Formen der Mündlichkeit und dem Erbe des Magischen Realismus eine bahnbrechende Erneuerung des südamerikanischen Romans gelungen war. Alonso fällt eher dahinter zurück. Weil er genau wie Marquez eine Stadt als dramaturgischen Angelpunkt wählt und auch sonst zahlreiche Rückgriffe auf "Hundert Jahre Einsamkeit" (1967) wagt - vom Niedergang Aguinaldos bis zu den inzestuösen Beziehungen der Bewohner untereinander -, vergleicht man ihn unweigerlich mit dem großen Kolumbier. Doch Alonso gelingt mit Aguinaldo kaum mehr als ein fader Abklatsch jenes mythischen Macondo, das sich zu einer Chiffre für ganz Südamerika verdichtete.

Der welke Anekdotenkranz

Alonso erweckt keine Figuren, sondern Typen zum Leben. Wie bei den Schildbürgergeschichten wird ein Menschenschlag porträtiert, häufig mit stereotypen Wendungen der mündlichen Rede: "Sie war die schönste Frau von Aguinaldo" heißt es mehrfach, auch der wiederholt angestimmte Lobgesang auf die Hinterteile der Damen von Aguinaldo ist sprachlich eher eintönig. Weil es an Brechungen mit anderen Ausdrucksformen fehlt, wird der Anekdotenkranz nach und nach immer langweiliger.

Zu den Lieblingsbeschäftigungen der Bewohner des Städtchens zählen Affären mit anderweitig gebundenen Frauen oder Männern. Auch hier schleicht sich eine gewisse Routine ein. Nur in den Bestrafungen unterscheiden sich die Rachefeldzüge gehörnter Ehemänner, die Bandbreite reicht von gebrochenen Knochen über Verbannung bis zum Tod. Lediglich zwei oder drei Geschichten entfalten eine poetische Kraft und bleiben haften. Zum Beispiel die von Egidio Costilla, der seinen Sohn in dem Glauben lässt, eine weite Reise zu unternehmen und ihn mit Briefen aus allen Winkeln der Welt versorgt, in Wirklichkeit aber den Freitod gewählt hat. Oder die von Faustino Fonseca, dessen Frau kein Klavier duldet und der auf einer Papptastatur seine Zuhörer mit den schönsten Melodien verzaubert. Ansonsten ist "Die Hundertjahrfeier" nicht viel mehr als eine nette Slapsticksammlung made in Argentina.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar