Zeitung Heute : Hunderttausende dopen sich für den Job

Studie: 800 000 greifen regelmäßig zu leistungssteigernden Pillen / Zahl psychischer Erkrankungen steigt

Bianca Blei

Berlin - Steigender Stress, erhöhter Leistungsdruck und die immer unsicherere Lage am Arbeitsmarkt lassen Hunderttausende deutsche Arbeitnehmer zu drastischen Maßnahmen greifen. Sie dopen sich fit. Dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage der Deutschen Angestellten-Krankenkassen (DAK). Fünf Prozent der eigentlich gesunden Arbeitnehmer gaben an, schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente zur Leistungssteigerung genommen zu haben. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung sind das zwei Millionen Arbeitnehmer. 800 000 Beschäftigte greifen demnach regelmäßig zu Pillen. Und 20 Prozent der befragten 3000 Beschäftigten zwischen 20 und 50 Jahren finden dieses Verhalten in Ordnung.

„Das ist ein Alarmsignal“, sagte Herbert Rebscher, Chef der DAK, bei der Präsentation des Gesundheitsreports 2009 am Donnerstag in Berlin. „Wer für jede Situation eine Pille einnimmt, verlernt, seine Probleme selbst zu lösen.“ Zudem lagen psychische Erkrankungen im Jahr 2008 bereits an vierter Stelle bei den Gründen für Krankschreibungen, im Vergleich zu 2007 ein Anstieg um 7,9 Prozent.

Frauen und Männer versuchen ihre Probleme im Job auf unterschiedliche Art zu lösen: Männer nehmen meistens Medikamente, um kurzfristig die Leistung zu steigern. Frauen dagegen greifen zu Tabletten, um langfristig ihre Stimmung aufzubessern. Der Umfrage zufolge hat schon jeder fünfte Berufstätige einmal aufputschende Mittel empfohlen bekommen, vor allem von Bekannten oder der Familie. Bezogen werden die Pillen meist nicht bei Apotheken oder Ärzten. Jeder fünfte „Doper“ erhält seine Tabletten von Freunden, Kollegen oder Versandhäusern. Diese Entwicklung wird von einem globalen Markt begünstigt. Konnten Medikamente noch bis vor ein paar Jahren ausschließlich in Apotheken gekauft werden, können sie nun häufig im Internet bestellt werden.

Missbrauch wird unter anderem mit dem Wirkstoff Piracetam getrieben. Piracetam ist in Medikamenten enthalten, die bei der Behandlung von Demenzerkrankungen eingesetzt werden. Nur etwa drei Prozent der Piracetam-Patienten weisen aber tatsächlich die geforderte Diagnose auf, 15 Prozent bekamen dieses Mittel ganz ohne Diagnose verschrieben, die restlichen 82 Prozent hatten eine Krankheit, die normalerweise nicht mit Piracetam behandelt wird.

Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin, Isabella Heuser, warnt vor Leichtsinn mit solchen Wirkstoffen: „Zwar sind die Nebenwirkungen für Patienten mit Demenz bekannt, aber die Langzeitfolgen für den gesunden Organismus sind unerforscht. Klar ist, dass die Nebenwirkungen auf gesunde Menschen schwerer wirken als auf Kranke.“ Bekannte Nebenwirkungen von Piracetam sind etwa Schlaflosigkeit, Angstzustände und Aggressionen.

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