Zeitung Heute : Hunger nach Information

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Seit fast 60 Jahren ist der Tagesspiegel eine Zeitung aus Berlin. Ein Streifzug durch seine wechselvolle Geschichte Mit vier Seiten Umfang hat alles angefangen

Von Rolf Brockschmidt Das Papier war knapp, so wie alles knapp war. Aber der Hunger nach Information war groß. Dass die erste Ausgabe des Tagesspiegels am 27. September 1945 mit vier Seiten erscheinen konnte, war keine Sensation. Wohl aber die Tatsache, dass diese Zeitung, die anfangs nur drei Mal wöchentlich herauskam, die erste in den Besatzungszonen Deutschlands war, die von Deutschen etabliert wurde und die auf Grund der Reputation ihrer Gründer von Beginn an auch frei von Militärzensur war. Die amerikanische Lizenz hatten der Journalist und Schriftsteller Erik Reger, der Theaterkritiker Walther Karsch, der Kunstwissenschaftler Edwin Redslob und der Papiergroßhändler Heinrich von Schweinichen in einem 82 Schreibmaschinenseiten zählenden Konvolut beantragt – die Überprüfung dauerte zwei Monate.

Das in die Gründer gesetzte Vertrauen zahlte sich aus, denn bereits vom 13. November 1945 an konnte der Tagesspiegel an sechs Tagen in der Woche erscheinen. Die amerikanische Militärregierung in Berlin war zu der Ansicht gekommen, dass der Tagesspiegel gute Arbeit im Sinne des Aufbaus der Demokratie geleistet habe: Faire und unabhängige Berichterstattung und eine überparteiliche Darstellung der Ereignisse sowie die strikte Trennung von Nachricht und Meinung waren Programm. Daher wurde die amerikanische „Allgemeine Zeitung“, die alternierend zum Tagesspiegel erschienen war, eingestellt und dem Tagesspiegel das gesamte Papierkontingent überlassen. Er war nun die erste freie Zeitung Deutschlands.

Zu jener Zeit war der Tagesspiegel äußerst erfolgreich und bereits 1946 – von Schweinichen war mittlerweile ausgeschieden – wurden im alten Druckhaus Tempelhof mehr als 400 000 Exemplare täglich gedruckt. Im Ullstein-Haus war auch die kleine Redaktion bis 1954 untergebracht. Der Tagesspiegel war eine Zeitung für ganz Deutschland. Politik, Kultur, Wirtschaft wurden kunterbunt auf den Seiten verteilt. Diese scheinbar zufällige Mischung war Absicht: Man wollte, dass der Leser die gesamte Zeitung las. Regionale Nachrichten bestanden meist aus abgedruckten Befehlen der alliierten Militärkommandantur.

Dennoch war die Geschichte der Zeitung aufs Engste mit der Berlins verknüpft. Als die Zwangsvereinigung von SPD und KPD im Jahr 1946 drohte, öffnete der Tagesspiegel – trotz seiner politischen Unabhängigkeit – den verfolgten Sozialdemokraten seine Spalten. Denn hier ging es nach Ansicht von Erik Reger um die Beschneidung der demokratischen Freiheit. Es galt, wie der ehemalige Chef der Lokalredaktion und Redaktionsleiter Günter Matthes später schrieb, „das Prinzip, dem Schwächeren mehr Zuwendung, der Macht mehr Kritik zu widmen, einer Minderheit Gehör gegenüber einer selbstzufriedenen schweigenden Mehrheit zu verschaffen, dabei jedwedem Druck auf die Meinungsbildung des Blattes zu widerstehen“.

Existenzgefährdend für die Zeitung wie für das Überleben West-Berlins war die 1948/49 von der Sowjetunion verhängte Berlin-Blockade aus Anlass der Einführung der D-Mark in den Westsektoren. Der Tagesspiegel war nun von seinem Umland abgeschnitten und konnte nur noch in den drei Westsektoren verbreitet werden. Die Auflage stürzte im Steilflug in den Keller. Und auch die verzweifelte Aktion, die Matern der Zeitung mit den leeren Rosinenbombern nach Frankfurt am Main zurückfliegen zu lassen, um dort eine westdeutsche Ausgabe zu drucken, war nach kurzer Zeit nicht mehr aufrechtzuerhalten. Dem Tagesspiegel drohte das Aus.

In dieser Stunde der Not kam die Rettung der Zeitung zum ersten Mal aus Stuttgart. 1949 schied Franz-Karl Maier, einer der Gründer der „Stuttgarter Zeitung“ dort aus und investierte als Mitherausgeber sein gesamtes Vermögen in den Not leidenden Tagesspiegel. Im gleichen Jahr noch wurde das „Stadtblatt“ als erste lokale Seite im Tagesspiegel eingeführt. Ein zähneknirschendes Eingeständnis, auf West-Berlin als Verbreitungsgebiet beschränkt zu sein. Maier, oder FKM, wie er genannt wurde, war nun – vor allem nach dem Tod Erik Regers 1954 – die prägende Persönlichkeit des Blattes.

Über Jahrzehnte veränderte sich das Aussehen der Zeitung kaum, lediglich 1960 wurde von vier auf fünf Spalten gewechselt. Mit Bildern ging man sparsam um, und die Druckqualität jener Jahre war eher bescheiden. Auf dem West-Berliner Zeitungsmarkt etablierte sich der Tagesspiegel als Institution mit einem Ruf weit über die Stadt hinaus. Finanziell stand die Zeitung auf einem gesunden Fundament.

Nach dem Tod von Franz-Karl Maier im Jahre 1984 gab es erste zaghafte Neuerungsversuche. So erschien 1986 beispielsweise der „Weltspiegel“ als einheitliche Sonntagsbeilage. Am Gesamterscheinungsbild der Zeitung änderte sich jedoch nichts: wenig Fotos, viel Text. Die einzige einschneidende Veränderung – für die Leser kaum merkbar – kam 1983: Der Bleisatz war passé, das Computer-Zeitalter begann.

Als dann im Herbst die Mauer fiel und der Tagesspiegel 1990 sein erstes Korrespondentenbüro in Ost–Berlin eröffnete, keimte die Hoffnung auf, an die alten Zeiten mit immensen Auflagenhöhen wieder anknüpfen zu können. In Anlehnung an die überregionalen Blätter wechselte der Tagesspiegel 1991 mit Inbetriebnahme der neuen Druckerei zum größeren nordischen Format. Die Spalten auf den Seiten wurden auf sechs erhöht, das Layout wurde vorsichtig erneuert. Vom Dezember desselben Jahres an erschien die Zeitung täglich, was eine beträchtliche Kostensteigerung mit sich brachte. Der mittelständische Tagesspiegel war dem Konkurrenzdruck der Konzerne nicht mehr gewachsen.

So kam 1992/1993 zum zweiten Mal die Rettung aus Stuttgart: Die Familie von Holtzbrinck erwarb die Mehrheit am Tagesspiegel. Nach knapp zehn Jahren hatte das Blatt wieder einen Verleger: Dieter von Holtzbrinck. Und es begann eine neue Ära. 1994 wurde das Erscheinungsbild der Zeitung grundlegend reformiert. Fotos konnten nun farbig erscheinen.

1999 erfolgte unter der Regie des damals neuen Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo ein weiterer Relaunch. Die Präsentation der Themen wurde gefälliger, neue Schwerpunktseiten wurden eingeführt, die Leitfarbe der Zeitung wechselte von Gelb wieder auf Rot. Mit dem neuen Erscheinungsbild wird nun ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Tagesspiegels aufgeschlagen.

ERIK REGER

Mit bürgerlichem Namen hieß er Dannenberger. Als Erik Reger hatte er den antikapitalistischen Roman „Union der festen Hand“ 1928 über die Machenschaften der Großindustrie geschrieben. Reger war nicht nur Lizenzträger der Zeitung, sondern auch bis zu seinem Tod 1954 ihr erster Chefredakteur.

WALTHER KARSCH

In der Weimarer Republik war er Redakteur der „Weltbühne“, Sekretär von Carl von Ossietzky und ein geschätzter Theaterkritiker. Im Tagesspiegel prägte er maßgeblich das Feuilleton

EDWIN REDSLOB

Von 1920 bis 1933 war Redslob als Reichskunstwart bekannt und geschätzt. Er brachte die Erfahrung des öffentlichen Dienstes für den Rechtsstaat in den Tagesspiegel ein. Redslob war 1948 einer der Mitbegründer der Freien Universität Berlin. Der Papierhändler Heinrich von Schweinichen schied bereits 1946 aus dem Gründerquartett aus.

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