Hungerkrise Niger : Durch die Wüste

Die große Hungerkrise 2005 ist nur ein Symptom für die chronische Ernährungskrise in Niger gewesen.

Dagmar Dehmer

Millionen Menschen in Westafrika hungern. Die Katastrophe wäre vermeidbar gewesen, wenn die 1996 in Kraft getretene UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung umgesetzt worden wäre. Warum ist das nicht geschehen?

Langsam, zu langsam kommt die Hilfe in Niger an. Ende vergangener Woche sind die ersten Hilfslieferungen per Flugzeug in dem westafrikanischen Land eingetroffen. Doch erst in dieser Woche beginnt die Verteilung der Lebensmittel. Das Welternährungsprogramm (WFP) und Hilfsorganisationen, aus Deutschland unter anderem das Rote Kreuz und die Welthungerhilfe, versuchen nun rund 190 000 Kinder vor dem nahen Hungertod zu bewahren und rund 3,6 Millionen Menschen, die derzeit hungern, etwas Linderung zu verschaffen.

Es gibt viele Gründe, warum in Niger und den angrenzenden Ländern Mali, Mauretanien, Burkina Faso wieder Kinder verhungern. Neben der jahrelangen Dürre, den Heuschrecken im vergangenen Herbst, die kaum etwas übrig gelassen haben, und der Ignoranz der Weltbevölkerung, die erst jetzt auf die Hilferufe reagiert, gibt es weitere Faktoren, die eine Rolle spielen. So wird ein großer Teil des Landes von der Wüste Sahara bedeckt. Es war schon immer trocken, und das Land hat nie wirklich gereicht, um alle Einwohner zu ernähren. Durch den Klimawandel sind die Regenzeiten ziemlich unkalkulierbar geworden. Konnten sich die Bauern vor Jahren noch darauf verlassen, dass es zumindest zwei Mal im Jahr regnen würde, ist das inzwischen nicht mehr sicher – oft über Jahre nicht mehr. Und je weniger Vegetation es gibt, desto weniger Regen fällt. Schüttet es doch einmal, wird der karge Boden gleich mit weggeschwemmt. Das Ergebnis: Aus trockener Erde wird Wüste.

Tatsächlich hat die Weltgemeinschaft auf das Problem bereits in den 70er Jahren mit der richtigen Analyse reagiert. Es dauerte allerdings noch bis 1992, bis auf dem Weltgipfel in Rio eine eigene Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung gebildet (UNCCD) wurde. 1996 trat das Abkommen in Kraft, der Sitz des ständigen Büros ist in Bonn. Doch dieses „Arme-Leute-Abkommen“, wie in Afrika gespottet wird, führt bis heute ein kümmerliches Dasein – wie die Pflanzen in der Wüste. Der Generalsekretär der Wüsten-Konvention, Hama Arba Diallo, sagte noch im Mai in Bonn: „Die Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung bewegt sich von der Planung zur Umsetzung.“ Nach fast zehn Jahren. Tatsächlich ist nicht allzu viel passiert. Bis vor kurzem gab es gerade einmal fünf Partnerschaften zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, die sich dem Thema widmen und ausreichend finanziert sind. Das Abkommen kämpft seit der Gründung damit, dass es dem UNCCD-Sekretariat nicht gelingt, genügend Geld aufzutreiben, um Bauern zu schulen, Bäume zu pflanzen oder ein sparsames Wassermanagement zu ermöglichen. Das liegt zum einen daran, dass manche Partner, wie etwa die USA, ihre Beiträge einfach nicht bezahlen. Die USA haben derzeit 2,2 Milliarden Dollar Schulden bei der Wüstenkonvention. Es gelingt aber offenbar auch nicht, genügend Länder zu einem langfristigen Engagement zu bewegen, bei dem keine kurzfristigen Erfolge zu sehen sind.

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