Zeitung Heute : Hungern, hoffen, hungern

Sie floh aus Darfur ins Nachbarland, den Tschad. Hier steht ein Flüchtlingslager. Aber sie darf nicht hinein

Carsten Stormer[Oure Cassoni]

Vor einem winzigen Feuer kauern eine Frau und drei Kinder. Über dem Feuer kocht Tee in einem Kessel: Es wird das einzig Warme sein, das die Frau und ihre Kinder vor der kalten Nacht zu sich nehmen. „Morgen“, sagt die Frau, „morgen kommt jemand, um uns zu registrieren.“ Sie ist sich sicher.

Sie heißt Hashania Abakar Ahmed, ist 26 Jahre alt, und alles begann vor 15 Monaten. Schon oft hatte Hashania davon gehört, dass die sudanesische Armee und die von ihr unterstützten Jenjaweed-Milizen die Dörfer in Darfur bombardieren und niederbrennen, Frauen und Mädchen vergewaltigen und die Männer töten. Dennoch hatten Hashania und die Bewohner des Dorfes Orshey geglaubt, dass sie verschont bleiben. Doch im November 2003 kamen sie auch zu ihnen. Erst die Bomben, dann die Jenjaweed.

13 Monate harrten die Überlebenden in ihren Verstecken aus, dann war alle Nahrung verzehrt. Die Ziegen und Schafe zuerst, einige Zeit später ging die Hirse zu Ende. Schließlich waren auch die letzten Früchte von den Bäumen geerntet. Wer jetzt noch stark genug war und kein Gras essen wollte, machte sich auf in die Flüchtlingslager. Hashania ging mit ihren Kindern nach Westen, in Richtung Tschad. Ihr Mann ging nach Süden.

Hashania erreichte das Flüchtlingslager Oure Cassoni im Tschad, seit sechs Tagen ist sie hier. Ihr jüngstes Kind, die zweijährige Fatma, hing bei der Ankunft leblos in dem um den Rücken gebundenen Tragetuch. Akute Unterernährung stellten die Ärzte fest – protein- und vitaminhaltige Milch war die letzte Rettung. Hashania und ihre anderen beiden Kinder erhielten keine Hilfe. Sie sind keine akuten Fälle und sie sind noch nicht registriert – und somit nicht als Flüchtlinge anerkannt.

Das Lager wird von den Vereinten Nationen geleitet, alles hier muss nach ihren Regeln verlaufen. Zunächst muss geklärt werden, ob jeder, der sich als Flüchtling ausgibt, auch einer ist. Es könnte ja auch ein hungriger Tschader sein.

400 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, bevölkern den schmalen Grünstreifen keine 300 Meter vom Lager entfernt. Sie warten darauf, dass jemand sie wahrnimmt. „New arrivals“ – Neuankömmlinge – heißen diese Leute hier, viele von ihnen warten seit Monaten auf die Aufnahme in das Lager.

Pauline Frecheaud arbeitet für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen. Sie sagt: „Wir müssen erst die internen Probleme des Lagers lösen, bevor wir neue Flüchtlinge aufnehmen.“ Und interne Probleme hat das Lager viele. Schon zu Beginn verhinderten die lokalen Behörden seinen Bau an einem sicheren Ort. Nun liegt das Lager zu nahe an der Grenze und soll verlegt werden. Denn aus Sicherheitsgründen müssen Flüchtlingslager mindestens 50 Kilometer von der Grenze eines Krisengebiets entfernt liegen, so steht es in den UN-Richtlinien. Einen besseren Platz gibt es im Moment allerdings kaum. Das Lager liegt jetzt nur wenige hundert Meter neben einem künstlich angelegten See. Und: Kein Mensch weiß genau, wie viele Menschen in Oure Cassoni leben. Die Leute vom Flüchtlingshilfswerk schätzen, dass es 24000 sind.

Nur die bedürftigsten Neuankömmlinge bekommen Hilfe. Alle 15 Tage erhalten Kinder, die kleiner sind als einen Meter 20, Schwangere und stillende Mütter Kraftnahrung und Proteinkekse. Ansonsten vertraut das Hilfswerk auf die Hilfsbereitschaft der registrierten Flüchtlinge, auf die traditionelle Bereitschaft der afrikanischen Stämme, allen Besitz mit der Gemeinschaft zu teilen. „Die Flüchtlinge sind für ihre Handlungen verantwortlich – für sich selbst und für die Gemeinschaft. Wenn sie zum Beispiel mehr als eine Lebensmittelkarte haben, müssen sie lernen zu teilen“, sagt Pauline Frecheaud.

In der Tat ist das Band stark, das die Flüchtlinge im Lager mit denen davor verbindet. Fast alle gehören zum Stamm der Zhagawa, alle sind irgendwie miteinander verwandt. Doch es bekommt Risse. „Ich verstecke immer einen Teil der Vorräte in meinem Zelt“, sagt ein Mann. „Nur das, was unsere Brüder und Schwestern bei mir in der Küche sehen, teile ich mit ihnen.“ Er blickt zu Boden. „Ich kann nicht mehr geben. Wir haben nicht genug.“

Pauline Frecheaud sagt, dass es einen „Domino-Effekt“ auslösen werde, wenn alle Flüchtlinge in das Lager aufgenommen werden. „Wenn wir dies täten, hätten wir bald die gesamte Bevölkerung Darfurs in den Lagern.“

Nach einer kalten Nacht bricht ein neuer Tag über Oure Cassoni herein. Hashania Abakar Ahmed wird sich wie jeden Morgen auf den Weg in die Gesundheitsstation machen, nachsehen, ob ihre kleine Fatma so weit zu Kräften gekommen ist, dass sie wie die anderen wieder unter den Bäumen, auf dem Grünstreifen leben kann. Und Hashania wird wieder den ganzen Tag lang hoffen, dass sie alle bald von dort wegkommen und Aufnahme ins Lager finden. „Morgen“, sagt sie. „Morgen werde ich registriert.“

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