Hurrikan Sandy : Der Untergang der Bounty

Diese Woche machte ein berühmtes Schiff wieder Schlagzeilen: Es verschwand, zum zweiten Mal. Das Original der Bounty brach vor 225 Jahren in die Südsee auf – eine Fahrt mit dramatischem Ende. Eine Rekonstruktion.

Der Nachbau der HMS Bounty von 1962, gesunken 2012.
Der Nachbau der HMS Bounty von 1962, gesunken 2012.Foto: dpa

Die letzte Reise der HMS Bounty begann am Donnerstag vor einer Woche. Sie endete dramatisch Montagfrüh in den Wellen, die der Hurrikan Sandy 150 Kilometer vor der Küste von North Carolina bis auf sechs Meter Höhe aufpeitschte. Erst fiel der Strom aus, dann versagten die Pumpen, schließlich der Motor. Alle Mann von Bord, lautete die letzte Order des Kapitäns.

Ein Hubschrauber der US-Küstenwache erreichte das Schiff gerade noch rechtzeitig, um 14 der 16 Besatzungsmitglieder aufnehmen zu können, bevor die Bounty in den Wogen versank. Der Kapitän wird seitdem vermisst, eine 42 Jahre alte Frau konnte nach Stunden geborgen, aber nicht wiederbelebt werden. Claudene Christian gehörte seit einem halben Jahr zur Crew, nach eigenen Angaben war sie eine direkte Nachfahrin von Fletcher Christian. Und der spielte in der Geschichte des Schiffs eine entscheidende Rolle. Des echten wohlgemerkt. Denn die HMS Bounty, die vor North Carolina unterging, sah zwar aus wie ihre Vorgängerin, war 1960 sogar nach den Originalplänen gebaut worden. Die erste Bounty jedoch war schon vor über 200 Jahren spektakulär in den Weiten des Ozeans verschwunden.

Die aktuelle Katastrophe lenkt einmal mehr die Aufmerksamkeit auf die berühmteste Meuterei der Seefahrtsgeschichte – und auf den Namen ihres Anführers, Fletcher Christian. Marlon Brando verkörperte ihn vielleicht am schönsten, 1962 in jenem Film, für den der jetzt verlorene Bounty-Nachbau vom Stapel lief.

Brando spielte einen jungen Aufrührer, der gegen die unmenschliche Autorität seines Kapitäns William Bligh aufbegehrte. Ein Rebell, der die Freiheit des Südsee-Lebens wählte und dafür die Enge einer bürgerlichen Existenz aufgab. Eine romantische Vorstellung, die schon zu Lebzeiten Blighs entstand. Der wurde in den Verfilmungen stets als deutlich älterer Mann mit Hang zum Sadismus dargestellt.

Die echte Bounty verlässt vor ziemlich genau 225 Jahren, am 23. Dezember 1787, den englischen Kriegshafen Portsmouth. Viel zu spät, wie ihr Kommandant, der tatsächlich erst 33-jährige Lieutenant William Bligh, weiß. Es würde ihm kaum gelingen, die berüchtigte Passage um das Kap Hoorn zu erreichen, bevor auf der Südhalbkugel im März die Winterstürme begännen.

Die Bounty war ursprünglich unter dem Namen Bethia als Kohlefrachter gefahren, bevor die englische Marine sie aufkaufte und umrüstete. Obwohl für den Dreimaster nicht ganz korrekt, wird sie als Kutter klassifiziert, die kleinste militärische Schiffsklasse. Kutter können von einem Lieutenant befehligt werden. Bligh muss also nicht befördert und entsprechend besoldet werden. Genauso war man 20 Jahre vorher bereits mit Blighs großem Idol James Cook verfahren, den man ebenfalls als Lieutenant auf einem Kohlefrachter auf seine erste Weltreise geschickt hatte.

Dreimal hatte Cook die Südsee bereist, beim dritten Mal war William Bligh dabei. Doch seit die britische Marine nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges gegen die USA abrüstet, ist Bligh auf halben Sold gesetzt, ohne Aussicht auf ein Schiff. Nun ist die Bounty seine große Chance.

Die Aufgabe lautet wie folgt: Fahre nach Tahiti und besorge dort mindestens 600 Brotfruchtbäume. Die, so ist der Plan, würden dann von Großbritannien nach Westindien geschafft, wo die Pflanzer inzwischen Schwierigkeiten haben, ihre zahlreichen Sklaven zu versorgen. Anders als Cook ist Bligh also nicht als Forscher unterwegs, „zur Mehrung des Wissens“, wie er selbst schreibt, sondern „diese Reise kann als die erste gelten, die darauf zielt, aus jenen fernen Erkundungen Profit zu ziehen.“

An Bord der Bounty herrscht Kriegsrecht, durchsetzen muss Bligh das allein. Soldaten hat man ihm keine mitgegeben, dafür ist die Bounty zu klein. Offiziere auch nicht, nur Unteroffiziere und Kadetten, Praktikanten, wenn man so will, der jüngste 14, denen man versprach, sie später befördern zu wollen. Einige wie Fletcher Christian, kommen aus gutem, wenn auch verarmtem Haus, ihre Beziehungen haben ihnen zum Platz an Bord verholfen. Es trägt auch nicht eben zur Hebung von Blighs Ansehen bei, dass man dessen Kabine mit Töpfen für die aufzunehmenden Pflanzen vollgestellt hat.

Bligh achtet so gut es geht auf Sauberkeit an Bord „meines kleinen Schiffes“, wie er die Bounty stolz nennt. Die Planken lässt er mit Essig schrubben, die Besatzung ihre Fußnägel schneiden, für die gute Laune hat er sogar einen blinden Fiedler an Bord. Gegen den gefürchteten Skorbut, eine Vitaminmangelkrankheit, die Bligh „die Schande eines Schiffes“ nennt, gibt es Sauerkraut und statt Rum auch mal eine heiße Suppe. Man hat, auch das ist neu, Brühwürfel an Bord.

So erreicht Bligh verlustfrei Kap Hoorn, was allein schon eine Leistung ist. Doch eben leider zu spät. Stürme überfallen das Schiff mit haushohen Wellen. „Die See“, schreibt Bligh, „übertrifft alles, was ich bisher gesehen habe.“ Hagel schlägt den Männern in den Wanten entgegen, dann „schneit es so stark, dass es kaum möglich ist, die Segel aufzuziehen.“ Sechs Tage kommen sie keine Meile voran. Weitere 14 Tage später gibt Bligh auf. Er kreuzt den Atlantik erneut, nimmt Kurs auf Kapstadt.

Später wird es vor allem in Londoner Salons über Bligh heißen, er sei ein jähzorniger Kapitän, der seine Männer zuweilen unflätig beschimpft. Tatsächlich hat die Besatzung in Kapstadt Gelegenheit, Post aufzugeben, und niemand beschwert sich. Zweimal hat Bligh Matrosen mit der Peitsche züchtigen lassen. Eher selten für damalige Verhältnisse. Er verliert auf der ganzen Reise bloß einen Mann, und das nur wegen des Unvermögens seines ständig betrunkenen Schiffsarztes. Der Ärger beginnt erst richtig auf Tahiti, darin stimmen später alle vorliegenden Aussagen Beteiligter überein, nach einer zehn Monate langen Reise über 52 000 Kilometer.

Bis zu diesem 26. Oktober 1788 haben noch nicht viele europäische Schiffe Tahiti erreicht. Captain Wallis mit seiner „Dolphin“ war 1767 der erste. Er berichtete, dass sich die Frauen hier für Nägel hingeben, worauf er sie an Bord bewachen lassen musste, weil die Besatzung sonst noch den letzten herausgezogen hätte. Der Franzose Bougainville war der nächste, er verzauberte mit seinen Südseegeschichten Europa.

Auch ein Deutscher kannte die Insel, Georg Forster, ein 18-jähriger Preuße, der mit seinem Vater, einem Botaniker, Cooks zweite Reise mitmachte. Forster staunte über die Frauen, die, weiße Gardenien im Haar, „den wohlgebildeten Busen und schöne Arme und Hände unbedeckt“ lassen. Er konnte nicht fassen, „dass unverheiratete Personen sich ohne Unterschied einer Menge von Liebhabern hingeben dürfen“. An Bord drohte jedwede Disziplin zu zerbrechen. Cook griff eisern durch, ließ die geringste Verfehlung mit der Peitsche bestrafen und wurde dafür ein Despot genannt.

Nun also liegt die Bounty vor Tahiti. Bligh lässt die Besatzung antreten und vom Schiffsarzt auf Geschlechtskrankheiten untersuchen. 44 Mann, die seit zehn Monaten auf See sind. Man sieht ihnen die Härte ihres Berufs an, ihre Narben, ihre Verstümmelungen, die zahnlosen Münder, die durch mangelhafte Ernährung rachitischen O-Beine, die allen Hygiene-Regeln zum Trotz stinkenden Leiber. Zu Hause sind sie Abschaum, Matrosen stehen in der sozialen Hierarchie sehr weit unten. Hier werden sie empfangen wie Könige. Die Tahitianer laden sie in ihre Häuser, teilen Früchte, Fleisch und Frauen. Dafür nehmen sie sich zuweilen von den Engländern, was sie ihrerseits gern hätten. Bligh vermisst schon bald den Schiffskompass, gerät außer sich, hat wie vor ihm Cook Mühe, die Disziplin an Bord aufrechtzuerhalten. Doch anders als der hat Bligh keine Soldaten. Drei desertierende Matrosen lässt er auspeitschen – aufhängen war in solch einem Fall durchaus üblich. Und auch er registriert sexuelle Freizügigkeit, schreibt über die Insulanerinnen: „Selbst die Münder sind nicht frei von dem Unrat, und sie haben etliche weitere ungewöhnliche Wege, ihre tierischen Neigungen zu befriedigen.“

Der Besatzung, Kadetten wie Matrosen, gefällt es. Sie lassen sich tätowieren, manche ziehen in tahitianische Häuser, als Gäste, ja, fast schon als Familienmitglieder. Bligh kann nicht weg, weil er gegen den Monsun nicht ankäme. Fünf Monate liegt er hier fest. Doch am 4. April 1789 legt er ab, mit über 1000 Brotpflanzen auf dem ohnehin beengten Schiff.

Ein lächerlich anmutender Streit um Kokosnüsse am Abend des 27. April führt zur Eskalation. Bligh beschuldigt Fletcher Christian, den er selbst inzwischen zum Offizier befördert hat, des Diebstahls. Christian sieht sich zum wiederholten Mal ungerecht behandelt. Sollte Bligh den Vorfall im Bordbuch vermerken, muss Christian fürchten, als Offizier nicht bestätigt zu werden. In der gleichen Nacht bricht die Meuterei aus. Christian lässt Bligh aus der Kabine zerren, fesseln und in ein Beiboot setzen. Zu seiner Überraschung wollen 18 Männer Bligh folgen. Drei weitere würden gern, es ist nur kein Platz mehr. Ein vierter, es ist der blinde Fiedler, besteigt das falsche Beiboot.

Und dann geschieht das Unwahrscheinliche: Bligh schafft es, seine sieben Meter lange Nussschale, die nur 20 Zentimeter aus dem Wasser ragt, unter entsetzlichen Entbehrungen in 48 Tagen bis nach Holländisch-Ostasien zu bringen und dabei nur einen Mann zu verlieren – der wird bei dem Versuch, Wasser aufzunehmen, von eingeborenen Insulanern erschlagen. Am 17. März 1790, zweieinhalb Jahre nach Beginn seiner Reise, ist er wieder in England.

Die Meuterer sind derweil nach Tahiti zurückgekehrt. Doch die Gruppe teilt sich, Fletcher Christian erscheint Tahiti nicht sicher genug. Mit acht Gefährten und einer Gruppe Männern und Frauen von der Insel fahren sie weiter, lassen sich schließlich auf Pitcairn nieder, einer Insel, die in Seekarten falsch eingetragen ist und daher Sicherheit vor Verfolgung verspricht. Hier wird die Bounty am Ufer auf Grund gesetzt und angezündet, damit das Wrack nicht gesichtet werden kann.

Die Sorge ist berechtigt. Tatsächlich wird die britische Admiralität noch 1790 ein Kriegsschiff, die Pandora, den Meuterern hinterherschicken. Die auf Tahiti verbliebenen werden verhaftet. Auf dem Rückweg läuft die Pandora auf ein Riff, mehrere Meuterer ertrinken. Zehn Überlebende werden in England vor Gericht gestellt. Vier werden freigesprochen, unter ihnen der blinde Fiedler, weil Bligh bestätigt, dass sie gegen ihren Willen auf der Bounty zurückgeblieben waren. Drei werden gehängt, drei weitere begnadigt.

Mehr als 200 Jahre später hat die amerikanische Historikerin Caroline Alexander alle Akten zu dem Fall untersucht und dabei festgestellt, dass die Begnadigten offenbar einflussreiche Bekannte hatten. Und die werden Bligh, der anfangs nach seiner sagenhaften Rettungsbootfahrt gefeiert wurde, schon bald diskreditieren. Erst während der Verhandlung entstand das Bild vom despotischen Kapitän, der seine Mannschaft provoziert. Maßgeblich beteiligt ist Edward Christian, dessen Bruder Fletcher zum romantischen Helden aufsteigt. Bligh ist nun der Vertreter eines veralteten Ehrenkodex, sein unbedingtes Festhalten an Autorität ist nach dem Krieg gegen Frankreich nicht mehr en vogue.

Dem echten Fletcher Christian nutzt die gute Presse nichts. Er ist da schon lange tot. Bald nach der Landung der Flüchtigen auf Pitcairn kam es zum Streit. Christian wurde von einem der Tahitianer erschlagen, die dagegen aufbegehrten, neuerdings wie Sklaven behandelt zu werden. Als 1808 ein amerikanischer Walfänger zufällig auf Pitcairn landet, stoßen die Neuankömmlinge auf nur noch einen ehemaligen Matrosen, eine Gruppe polynesischer Frauen und ziemlich viele Halbwüchsige, unter ihnen einen, der sich auf Englisch als Thursday October Christian vorstellt, der Sohn Fletchers.

Möglich, dass Claudene Christian, die jetzt auf der letzten Fahrt des Bounty-Nachbaus umkam, von ihm abstammt. Und tragisch, dass sie ausgerechnet an Bord jenes Schiffes starb, auf dem ihr Ahnherr zum Filmhelden gemacht wurde. Aber da sie selbst in Alaska aufwuchs, müssten ihre Vorfahren irgendwann Pitcairn verlassen haben.

Tatsächlich gab es schon 1855 eine erste Auswandererwelle, bei der etliche der damals 200 Insulaner der Insel den Rücken kehrten. Heute leben auf Pitcairn noch ungefähr 50 Nachfahren der Meuterer, unter ihnen etliche Christians. Die Stimmung freilich ist schlecht, seit 2006 vier Männer wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger verurteilt und in das eigens dafür errichtete Gefängnis gesteckt wurden. Viele Insulaner sehen in dem Urteil die Rache der Kolonialmacht Großbritannien, die sich mit ihren Moralvorstellungen am Ende durchgesetzt hat.

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