Zeitung Heute : Hyde-Park-Corner oder Käuferservice

Von den drei Ende vergangenen Jahres gestarteten Verbraucherforen im Internet sind nach einer Fusion nur noch zwei Anbieter übrig geblieben: die ciao.com AG in München und die dooyoo.de AG in Berlin. Beide funktionieren nach ähnlichen Prinzipien: Wer eine Meinung zu einem bestimmten Produkt hat, kann sie im Internet äußern und wird für seine Mühe mit Bargeld belohnt oder erhält Bonuspunkte, so genannte Webmiles, die er irgendwann gegen Sachwerte eintauschen kann.

Nach der Fusion mit amiro.de in Köln bietet ciao.com Surfern derzeit rund 150 000 Stellungnahmen. Zuletzt gingen 1700 Meinungen pro Tag ein, die sofort eins zu eins übernommen und 13 Kategorien zugeordnet werden, wie Firmensprecherin Franziska Deecke sagt. Bei dooyoo.de sollen es im Schnitt sogar 2000 neue Urteile täglich sein. Die Zahl des Meldungsangebots beziffert das Unternehmen auf 125 000.

So genannte Category Captains sorgen bei ciao.com für die richtige Zuordnung und sortieren groben Unfug aus. Bei dooyoo.de wird ähnlich verfahren. Beide Unternehmen bezeichnen die Qualität der veröffentlichten Meinungen als steigend. Auf die Frage, wie bei der Vielzahl der veröffentlichten Stellungnahmen überhaupt eine Qualitätskontrolle stattfinden könne, verweisen die Firmen selbstbewusst auf den User. "Der Leser entscheidet, ob er eine Stellungnahme hilfreich findet oder belanglos", sagt Deecke. Bewertet er den Tipp mit "informativ", rutscht dieser automatisch in der Liste der Meinungen nach oben und wird entsprechend häufiger aufgerufen. Für jeden Aufruf zahlt ciao.com zehn Pfennige an den Verfasser. Auch die Tatsache, dass jetzt nur noch maximal eine Mark pro verfasster Meldung gezahlt wird, statt sechs Mark wie zu Beginn, habe zu einer Bereinigung geführt. "Am Anfang haben Schüler und Jugendliche sämtliche Kinofilme besprochen, die sie je in ihrem Leben gesehen haben", räumt Deecke ein. Diese Zeit sei vorbei.

Wolfgang Springborn, Pressechef der Stiftung Warentest in Berlin, hält den Zeitaufwand der Meinungsbildung per Internetforum dennoch für zu hoch. "Man blättert eine Vielzahl von Einzelmeinungen durch, verfasst von Leuten, die man nicht kennt und deren Kompetenz man nicht einschätzen kann." In absehbarer Zeit sehe die Stiftung die Foren nicht als Konkurrenz an. Das sieht die Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf genauso: Die "Hyde-Park-Corner im Internet" seien ein "Sammelsurium zweifelhafter Meinungen", so die Juristin der Verbraucherschützer Helga Zander-Hayat.

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